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„Das jüdische Echo“ : Diese erstaunliche Bandbreite

Auch an den deutschen Markt herantasten

Sie selbst ist als Kind 1956 aus Ungarn geflüchtet, hat nach einem Sprachstudium in London und Genf in Israel gelebt und dort ihre Laufbahn als Journalistin bei der „Jerusalem Post“ begonnen. Die Stimmung gegenüber dem Judentum hat sich aus ihrer Wahrnehmung in Österreich zum Positiven gewendet: „Das Thema Jüdischsein war bis vor fünfzehn Jahren tabuisiert auf eine unangenehme Art. Man traute sich nicht zu fragen.“ Möglicherweise hängt das mit der - im Vergleich zu Deutschland - erst spät angegangenen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte in Österreich zusammen. Jetzt werde offener damit umgegangen. Was Halpert stört, ist dieses „Herumeiern“ bei Gesprächen mit Fremden: „Bist du jüdischer Herkunft?“, werde sie manchmal gefragt, anstatt „bist du Jüdin?“. Semantisch sei da noch immer ein gewisser Vorbehalt, die Dinge beim Namen zu nennen, findet sie - „weil die Nazis vor siebzig Jahren Juden als Schimpfwort benutzt haben“. Mit Antisemitismus in Österreich - zwischen Wien und Bregenz häufig indirekt und verklausuliert formuliert - wird sie aber nach wie vor konfrontiert: „Es war und ist verletzend, ich habe aber gelernt damit umzugehen.“

Unterstützung bekommt Marta Halpert von Leon Widecki, der Obmann des Herausgebervereins ist: Er ringt um mehr Ertragskraft; derzeit wird für die Zeitschrift mehr ausgegeben als eingenommen. Das kommt daher, dass es einen graphischen Relaunch gab: „Wir wollten das Heft auch optisch in das 21. Jahrhundert holen.“ Widecki nennt ein Budget jenseits der 50 000 Euro als notwendig, um eine Publikation der erwünschten Qualität auf die Beine zu stellen. Die Hälfte des Etats kommt über Anzeigen zustande, der Rest stammt aus dem Vertrieb. Mehr als die Hälfte der Auflage von 5500 Exemplaren geht an Abonnenten. Angestrebt wird in den kommenden Jahren eine Auflage von 15000 Exemplaren: „Wir wollen damit auch nach Deutschland vordringen.“ Derzeit ist Widecki in Gesprächen mit Esther Graf von der Agentur für jüdische Kulturvermittlung in Mannheim. Die Mannschaft vom „Jüdischen Echo“ überlegt, sich über Kulturwochen an den deutschen Markt heranzutasten, ohne riesige Mittel fürs Marketing investieren zu müssen.

Für Leon Widecki und seine Mitstreiter ist es ein harter Kampf, die Finanzierung für die Ausgaben zu bewerkstelligen in Zeiten, in denen Anzeigenbudgets gekürzt werden. Susanne Trauneck ist für die Anzeigenakquise zuständig. Auch im vergangenen Jahr hat sie fast zwei Dutzend Seiten mit Inseraten geschafft; trotz der Wirtschaftskrise blieb dieses Niveau seit 2008 gleich: „Wir hoffen, dass wir diesen Stand halten können“. Das Thema Jüdischsein sei weder behindernd noch förderlich, um Werbeeinschaltungen zu organisieren, berichtet Trauneck. Zum Glück gebe es langjährige Kunden, die dem „Echo“ treu blieben. Banken und Versicherungen gehören zum Kreis der regelmäßigen Inserenten. Dadurch, dass es sich um ein Jahrbuch handelt, sei es fast einfacher Anzeigen zu bekommen, meint Trauneck. Eine Seite kostet 2500 Euro. Mit Preiserhöhungen ist man vorsichtig, um die Kunden nicht zu verschrecken. Denn das „Jüdische Echo“ will auch das nächste halbe Jahrhundert gut über die Runden kommen.

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