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„Das Antlitz Christi“ : Der Auferstandene

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Mit seinem Buch rüttelt er Leser auf, im Film lässt er sich von einem feschen Jungpriester spielen: Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. Bild: dpa

Der BR hat die Jesus-Trilogie des einstigen Papstes Benedikt XVI verfilmt. Das ist gewagt, hat aber den Segen von oberster Instanz. Sonntag und Montag wird sie im Fernsehen gezeigt.

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          Es ist mutig, ein theologisches Werk in einer Fernsehdokumentation zu präsentieren; denn es ist schwer, all die Abwägungen eines Professors zu einem Erzählstrang zu fügen. Der österliche Versuch des Publizisten Ingo Langner aus Berlin grenzt sogar an Chuzpe; denn es handelt sich um die Jesus-Trilogie von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Große Verantwortung bürdete sich Langner auf, denn wie der Privatsekretär des Emeritus, Erzbischof Georg Gänswein, sagt, vereint das Jesus-Buch alle Einsichten Ratzingers als Forscher, Lehrer und Seelsorger. Die Trilogie sei ein Kompendium für den suchenden Menschen.

          Bei einer Vorpremiere im Vatikan lobten Benedikt und die Kurienkardinäle Gerhard Müller und Kurt Koch den Film, weil er „Jesus den Menschen näherbringt“. Man kann sich das Hauskino der geistlichen Herren vorstellen, für die Jesus schon lange der Mensch gewordene Sohn Gottes ist, weshalb für sie die Unterscheidung zwischen Jesus und Christus verschwimmt. In der Welt des Vatikans muss der Film schon deshalb gefallen, weil die Kamera oft bei barocken Altären verweilt oder in elegischen Landschaften von Südafrika über das Heilige Land bis nach Island. Langner nutzt auch Bilder des Leipziger Malers Michael Triegel, dessen Darstellungen des leidenden Jesus er an Häuserwände projiziert, während aus dem Off murmelnde Stimmen den Rosenkranz beten. Das kann man machen; so wie man auch einen feschen Jungpriester als Jung-Ratzinger mit einem Löwen an der Seite bei frommem Wandel vom Seminar zur Kirche zeigen kann. Aber erklärt so ein Film Jesus von Nazareth?

          Das Jesus-Buch kommt vor: Ein Mann im Schatten liest daraus knappe Absätze mit klarer Diktion. Geistliche und Wissenschaftler erklären, Ratzinger habe sich dem Jesus der Evangelien aus der Sicht eines kritischen Zeitgenossen genähert, der die moderne Bibelkritik kennt. Die evangelische Patristin Petra Heldt in Jerusalem hebt hervor, dass es dem Autor gelinge, kritische Wissenschaft und aufgeklärten Glaube miteinander zu versöhnen. Dabei sei wichtig, dass Ratzinger nicht nur die Evangelien auswerte, sondern auch das Alte Testament; denn Jesus sei nur von Moses und König David her zu verstehen. Jüdische Leser des Buches freuten sich, dass Ratzinger im Dialog mit der „Vater-Religion“ nicht einfach „das Christentum als besseres Judentum“ sehe. Kardinal Koch, der Chef des Ökumenerates, ergänzt, dass für Ratzinger der Bund Gottes mit Israel lebendig bleibe, auch wenn durch Jesus ein neuer Bund mit Gott entstanden sei. Es sei die Leistung Ratzingers, beide Religionen so zu würdigen, dass sich Christen und Juden keine Verletzungen zufügten.

          Ein Buch als Ikone über den Jesus der Evangelien

          Der katholische Theologe Thomas Söding nennt das Buch ein ökumenisches Ereignis: Bestimmt habe der Reformator Martin Luther, der Jesus in seine Glaubensmitte stellte, schon davon geträumt, dass sich endlich ein Papst eingehend mit Jesus von Nazareth befasst. Auch für die Orthodoxie sei dieses Werk etwas, meint Söding, denn in seiner bildhaften Darstellung gelinge Ratzinger ein Buch als Ikone, und das sei wie eine Einladung an östliche Kirchen. Alle Gelehrten im Film meinen, Ratzingers Bestseller sei segensreich, weil er die Menschen wieder zum Jesus der Evangelien hinführe.

          Bei Ingo Langner aber steht nicht dieser Jesus im Zentrum. Der Film zeigt nicht den Menschensohn und seine Jünger auf Wanderschaft im „fünften Evangelium“, dem Land der Bibel zwischen Nazareth und Jerusalem; er hilft nicht, Jesu Wunder und Gleichnisse zu begreifen oder seine Passion nachzuleben, in der doch selbst Gottes Sohn voller Zweifel gegenüber dem Vater Angstschweiß blutete. Langner hat keinen Film über Leben, Tod und Auferstehung des Jesus von Nazareth gedreht - und auch keinen über „Das Antlitz Christi“, denn dafür hätte er bei dem übermittelten Erbe der Ikonen oder Tücher ansetzen müssen, die vermeintlich das Antlitz des Gottessohns zeigen. Nicht Jesus oder Christus steht im Zentrum, sondern die katholische Wirkungsgeschichte des Auferstandenen.

          Für Langner ist Jerusalems Grabes- und Auferstehungskirche vor allem ein Ort, an dem fromme Frauen Tücher über Jesu vermeintlichen Salbungsstein reiben, um eine „Reliquie“ für daheim zu haben. Dabei ist Jerusalems Anastasis vor allem die ewige Baustelle des Glaubens, in der orthodoxe Griechen, Armenier, Kopten, Syrer, Äthiopier und Katholiken in Gestalt der franziskanischen Brüder auf engstem Raum zusammen und auf ihre je eigene Weise und bisweilen gegeneinander um die Nähe zum Gottessohn ringen. Bei Langner ist der Petersdom Roms, fern von Jerusalem, das Zentrum des Glaubens. Natürlich hat Benedikt XVI. seine Glaubensheimat in Christi römischer Kirche. Aber als Buchautor nimmt Ratzinger seine Leser auf den Weg zu dem Jesus aller Denominationen mit und zeigt den historischen Gottessohn der Evangelien mit menschlichen Schwächen. Ratzinger rüttelt seine Leser auf, der Film vermag das leider nicht.

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