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Das Interview als Handwerk : Ehret den Gaus!

Deutschlands berühmtester Hinterkopf: Günter Gaus im Studiogespräch mit Rudi Dutschke Bild: obs

So einer fehlt heute: Der Journalist Günter Gaus hat in mehr als zweihundert Gesprächen gezeigt, wie man Persönlichkeiten interviewt. Während man das auf Youtube betrachtet, fragt man sich, warum wurde noch kein Preis nach dem Mann benannt?

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          Wie gut Fernsehen sein kann, sieht man sich am besten auf Youtube an. Dort finden sich dreißig Mitschnitte der Reihe „Zur Person“, die Günter Gaus zwischen 1963 und 2004 unter diesem oder einem ähnlichen Titel für sechs verschiedene Fernsehanstalten als Interviewer geführt hat. Es sind vorbildhafte Gespräche, deren Tiefe, Ernsthaftigkeit und Höflichkeit an ein versunkenes Land erinnern. Sie zeigen, dass ein klug geführtes Zwiegespräch in einer Dreiviertelstunde jede Menge Welterkenntnis und Einsicht zu produzieren vermag. Sie machen deutlich, wie verzichtbar sowohl die gestanzte Abfragerei heutiger Sandmännchen-Talk-Shows als auch das routinierte Gezappel unserer Talk-Provokateure ist.

          Zweihundertfünfundvierzig Gespräche hat Gaus mit seiner S-pitzer-S-tein-Aussprache geführt, sein erstes am 10. März 1963 für das ZDF mit Ludwig Erhard. Der ist damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister, ein mächtiger Mann; Gaus, dreiunddreißig Jahre jung, aber alterslos wirkend, arbeitet als Redakteur der „Süddeutschen“. Er fängt ganz harmlos an: „Sie haben es weit gebracht, Herr Minister, und Auszeichnungen und Ehrungen erfahren. Gibt es eine Auszeichnung, die Sie besonders freut?“ So gibt er Erhard die Gelegenheit, irdische Nebensächlichkeiten gleich wegzuwischen und zum Wesentlichen zu kommen – eingenebelt von Zigarrenqualm, gegen den sich Gaus’ Zigarettenrauch bescheiden ausnimmt. Als Letztes fragt Gaus, ob Erhard Kanzler werden wolle. Der antwortet verschmitzt, er glaube nicht „dass so viel Phantasie dazu gehört, diese Frage zu beantworten“. Zweihundertzwanzig Tage nach der Sendung ist Erhard Kanzler – und Gaus auf dem Weg, der „berühmteste Hinterkopf des deutschen Fernsehens“ zu werden, wie es Walter Jens formulierte, weil Gaus immer nur von hinten zu sehen ist.

          Er hatte sie alle: Adenauer, Brandt, Dutschke, Strauß, Kohl, Gründgens, Grass, Augstein, Sölle, Heinemann. Schon vor der Wiedervereinigung entwickelt das SPD-Mitglied Gaus ein tieferes Verständnis für Ostdeutschland und wechselt in die Politik. Von 1974 bis 1981 ist er Ständiger Vertreter des Bundesrepublik in der DDR. Zu seinen ostdeutschen Gesprächspartnern zählen Hans Modrow, Angela Merkel, Lothar de Maizière, Regine Hildebrandt, Gregor Gysi, Barbara Thalheim, Wolfgang Hilbig, Joachim Gauck. Das beste und aufregendste Gespräch – Gaus sah das selbst auch so – ist jenes von 1964 mit Hannah Arendt, die erste Frau, die er interviewt. Es macht süchtig, sich von diesem stets bestens präparierten, niemals fraternisierenden Journalisten durch die Denkwelten beider deutscher Staaten führen zu lassen. Und man fragt sich, warum bis heute kein Preis vergeben wird, der an Günter Gaus erinnert. Er ist ein journalistischer Klassiker, dem nachzueifern sich lohnte. Aus der SPD trat er drei Jahre vor seinem Tod 2004 aus – wegen Schröders „uneingeschränkter Solidarität“ mit der Regierung der Vereinigten Staaten.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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