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Roman „Brüder“ als Hörspiel : Zum Henker mit der Menschlichkeit

  • -Aktualisiert am

Revolutionäre sind sich uneins: Camille Desmoulins und Maximilien Robespierre, gezeichnet für die Hörspielserie „Brüder“ des WDR. Bild: WDR/Leo Leowald

Wie der Kampf um Demokratie zum Gewaltrausch wurde: Walter Adler hat mit 150 Sprechern Hilary Mantels Roman über die Französische Revolution in ein dreizehnstündiges Stimmenkunstwerk übersetzt . Das ist eine Großtat.

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          Für Goethe, den Zeitgenossen, war die Französische Revolution „das schrecklichste aller Ereignisse“. Historiker stimmen ihm durchaus zu, verkam der hehre Kampf um Demokratie und Menschenrechte doch rasant zum Gewaltrausch, der Zehntausende Menschenleben kostete. Die englische Schriftstellerin Hilary Mantel hat diesem blutgetränkten Durchbruch in die Moderne vor einem Vierteljahrhundert ihren wuchtigen Debütroman „Brüder“ gewidmet. Er erzählt von der fatalen Machtverstrickung der drei jungen Idealisten Camille Desmoulins, Maximilien de Robespierre und Georges Jacques Danton. Im Vorwort nennt die Autorin die Französische Revolution, etwas offener als der entsetzte Geheimrat, „das überraschendste und interessanteste Ereignis der Weltgeschichte“.

          Tatsächlich gelingt es Mantel vorzüglich, darzustellen, wie sehr Zufälle, Launen oder Bestechungen den Verlauf dieser im Rückblick so monumental erscheinenden Epoche geprägt haben. Dass die Autorin viele Details ihrer politischen Nahaufnahmen frei imaginiert hat, dass sie zudem dem Liebesleben ihrer Helden übertrieben viel Aufmerksamkeit widmet – letztlich will sie auf ein gar erotisch konnotiertes Tauziehen zwischen Robespierre und Danton um den Schwärmer Camille hinaus –, das schmälert nicht ihre Leistung bei der Vergegenwärtigung des Überraschungsmoments. Man sieht es hier sehr schön: Die Zersplitterung der noch ungefestigten Parteien und die Positionswechsel der Anführer waren so heftig, dass sie bei den meisten Beteiligten nur Verwirrung hervorriefen. Nicht einmal König Ludwig XVI., dessen Kopf das Volk an einem Tag forderte, um ihm am folgenden wieder zuzujubeln, wusste noch sicher zwischen Freund und Feind zu unterscheiden – bis der Kopf schließlich im Korb der Guillotine lag. Der französische Weg in den Abgrund, so das Resümee, war ein irres Stolpern, kein protofaschistischer Ritt; Menschen-, nicht Teufelswerk.

          Erhielt für ihr Buch „Wölfe” verdient den Booker-Preis: Hilary Mantel
          Erhielt für ihr Buch „Wölfe” verdient den Booker-Preis: Hilary Mantel : Bild: AP

          Es brauchte wohl einen vor Audio-Großprojekten nicht zurückschreckenden Regisseur wie Walter Adler, um aus dieser üppigen Vorlage, durch die man schlanken Fußes kaum hindurchkommt, ein fulminantes Hörspiel zu machen. Und auch der WDR ist für seinen Mut zu beglückwünschen, dem Publikum ein dreizehnstündiges Hörstück (in 26 Teilen) zuzumuten. Mehr als 150 Schauspieler, darunter äußerst prominente, haben an der Großtat mitgewirkt. Herausragend besetzt sind die Protagonisten: Robert Dölle als zupackendem Danton, Matthias Bundschuh als stotterndem Camille und Jens Harzer als ätherischem Robespierre ist es zu verdanken, dass sich die Zuhörer in diesem überlebensgroßen Tableau nie verloren fühlen: Zumindest einer der stimmlich gut unterscheidbaren drei Freunde, die zu Gegenspielern werden, befindet sich immer in der Nähe.

          Adler hat sich für eine werkgetreue Umsetzung ohne avantgardistische Anwandlungen entschieden, was bei der ohnehin herausfordernden Zahl an Personen und Erzählsträngen absolut richtig war. Beinahe alle gesagten Sätze finden sich exakt so bei Mantel, auch wenn die erzählenden Passagen meist in aktive Rede umgewandelt wurden: Dialoge, Briefe, Tagebucheinträge. Mehr als die Hälfte des Originaltexts hat Adler eingekürzt. Trotzdem folgen wir den Protagonisten von frühester Kindheit an, hören etwa zu Beginn, wie sich der brillante Robespierre auf dem Collège Louis-le-Grand um den intelligenten Außenseiter Camille kümmert und wie der vom Schauspieler (und späteren Mitrevolutionär) Fabre d’Églantine aufgewiegelte Jugendliche Danton gegen die familiäre Erwartung einer Priesterlaufbahn rebelliert. Er mausert sich zum skrupellosen Anwalt: „Die Rechte sind eine Waffe.“ Alle drei sind früh vom notwendigen Bruch mit dem Ancien Régime überzeugt.

          Bild: WDR

          Als die Aufstände losbrechen, tut sich Camille als Scharfmacher hervor, als sprachmächtiger „Laternenanwalt“ und Anhänger des radikalen Marat, während Danton, obwohl überzeugter Republikaner, zugleich seine Geschäfte im Blick hat. Robespierre hält sich lange im Hintergrund, was seinen Ruf der Unbestechlichkeit festigt. Die große erzählerische Linie ist die konträre Entwicklung der beiden Schulfreunde: Der sensible Camille wird angesichts der außer Kontrolle geratenen Gewalt zum Mahner, während Robespierre unter Verrat am eigenen Mythos den Terror zum „Ausfluss der Tugend“ erklärt. Manchmal trägt die Regie beim bezechten Gelächter unter Männern etwas dick auf. Auch die Kolportagenote der Vorlage hätte gern abgeschwächt werden dürfen. Beides aber hat eine Funktion, dient der Aktualisierung der vormodernen Charaktere, die – mit Ausnahme allenfalls des Geschlechterverständnisses – nichts Verstaubtes an sich haben. Das mag unhistorisch sein, aber der Spannung dient es allemal.

          Überhaupt will diese ereignispralle Darstellung, die uns dank ihres Umfangs tiefe Einblicke in eine Gesellschaft in Auflösung gewährt, im Hinblick auf die Geschichte nichts erklären. Es werden nicht einmal die Errungenschaften der Revolution (Repräsentativverfassung, Ende des Feudalsystems) gegen ihre Verbrechen aufgerechnet. Eher schon ist „Brüder“ als Exempel zu verstehen, als Lehrstück über die Unbarmherzigkeit jeder doktrinären Ideologie, egal, wie gut sie einst gemeint war. Dass ihre Anhänger sich für moralisch überlegen halten, obwohl sie längst zu Autokraten geworden sind, dass sie überall Verschwörungen und ausländische Agenten wittern, dass sie ihre Gegner im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit immer kaltblütiger ausschalten, das alles kommt uns bekannt vor – und ist auch so gemeint. Und doch ergreift einen eine leichte Melancholie, als nach einem von Louis-Antoine de Saint-Just und Robespierre initiierten Schauprozess die Fallbeile mit ihrem mitleidlosen „Scharupp“ schließlich Danton, Fabre und Camille hinstrecken – auch weil man weiß, dass alles noch viel schrecklicher wurde.

          Brüder läuft in 26 halbstündigen Episoden von heute an, Montag, 3. September, bis Donnerstag, jeweils um 19.04 Uhr, auf WDR 3. Alle Folgen sind von heute an auch in der WDR-Mediathek.

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