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„Das Hausboot“ auf Netflix : Nur nicht baden gehen

  • -Aktualisiert am

Haben ordentlich zu tun: Fynn Kliemann und Olli Schulz erledigen Malerarbeiten vor laufender Kamera. Bild: Netflix

In der Netflix-Serie „Das Hausboot“ kann man Olli Schulz und Fynn Kliemann dabei zusehen, wie sie das einstige Domizil von Gunter Gabriel auf Vordermann bringen und sich dabei lieben und hassen lernen.

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          Es gehört zum Reiz der sozialen Medien, dass sie einen glauben machen, ein vollständiges Bild von etwas vermitteln zu können, besonders wenn viel (mit-)geteilt wird. Fynn Kliemann postet täglich diverse Videos bei Instagram und hat mehrere Youtube-Kanäle, Olli Schulz ist phasenweise ebenfalls reger Instagramer und erzählt zweimal pro Woche bei Spotify in einem der erfolgreichsten Podcasts der Plattform weltweit zusammen mit Jan Böhmermann aus seinem Alltag. Dass Kliemann und Schulz nach dem Tod des Schlagersängers Gunter Gabriel 2017 gemeinsam dessen Hausboot kauften, mit dem Ziel, daraus einen Rückzugsort für Kreative zu machen, ist deshalb schon seit Jahren bekannt. Auch dass sich das Renovierungsprojekt bald als aufwendiger entpuppte als gedacht. Auf Netflix kann man sich jetzt in vier Folgen „Das Hausboot“ die Auswirkungen dieser Erkenntnis ansehen.

          „Es ist wirklich wahnsinnig hässlich“, sind sich die beiden Eigentümer einig, als sie sechs Monate nach dem Kauf auf ihr Hausboot blicken. Zu diesem Zeitpunkt haben sie schon für 15000 Euro Müll entsorgt und gerade erfahren, dass der neue teure Lack nicht halten wird und stattdessen mit allen Schichten darunter in mühseliger Handarbeit knapp hundert Stunden lang abgetragen werden muss. Immer wieder stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller und auch billiger gewesen wäre, ein ganz neues Boot zu bauen, die Antwort ist bald offensichtlich.

          „Dieser Stress jede Woche wegen Kohle nervt mich extrem!“

          Schulz und Kliemann geht es zwar nicht (nur) ums Geld, das gehört zu ihrem Image und man nimmt es ihnen ab: „Du bist doch von Beruf Musiker“, sagt Kliemann. Schulz widerspricht: „Ich mache Musik, und ich biete den Menschen an, für Geld zuzuhören.“ An möglichen Geldquellen mangelt es beiden nicht. Schulz geht auf Tour, tritt im Fernsehen auf und hat seinen Podcast. Kliemann ist ebenfalls Musiker, gibt bei Youtube Heimwerkertipps und betreibt das „Kliemannsland“, ein Gelände in Niedersachsen, wo sich Kreative ausleben sollen, was vom öffentlich-rechtlichen Online-Kanal „funk“ begleitet wurde. Er ist außerdem Inhaber einer Werbeagentur, dreht Filme und verkauft Klamotten.

          „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ war einer der größten Erfolge des ursprünglichen Hausboot-Besitzers. Unter einer wachsenden Mängelliste schmelzen finanzielle Rücklagen schnell dahin, der Finanzdruck belastet die Freundschaft. Beim Bootskauf kannten sich Schulz und Kliemann gerade drei Tage, mit jedem Rückschlag verblasst die anfängliche Euphorie etwas mehr. Vor der Kamera schimmert mitunter passive Aggressivität durch, die wirklichen Ausbrüche haben die Medienprofis aber hinter den Kulissen ausgefochten und nachträglich nur eine kleine Chathistorie freigegeben. Schulz: „Dieser Stress jede Woche wegen Kohle nervt mich extrem! Und auch deine verschissene unfreundliche Art“ – „Olli, wir haben Dinge in Auftrag gegeben und müssen halt die Rechnungen bezahlen. Wenn wir das nicht zahlen können, ist die Firma insolvent“ – „Halt dein Maul. Ist mir egal. Hab auf deine gestresste nervende Art kein Bock mehr“.

          Es ist – davon künden zahllose Vorher-Nachher-Formate – immer faszinierend zu beobachten, wie Scheußliches schön und Altes aufgemöbelt wird. Dass auch Gabriels Rostlaube zum Schmuckstück wird, ist gesetzt. Doch der Weg dahin bleibt auch für an Handwerk gänzlich Uninteressierte spannend. Weil kaum zu fassen ist, wie viel Schrott und verrottete Masse überhaupt in so ein Boot passen; weil der Einsatz der vielen Helfer imponiert, die kein Teil auf dem anderen lassen. Es ist aber vor allem die Dynamik zwischen den Protagonisten, die diesen Vierteiler von der Masse an Renovierungs- und Umgestaltungssendungen abhebt. Kliemann, dem in seinem mal mitreißenden mal nervtötenden Macher-Spirit alle anderen zu langsam arbeiten, und Schulz, der sich mit Hut und Mantel in weißen Turnschuhen und Hose auf halb acht zwischen den Arbeitern herumdrückt und gute Stimmung verbreiten will.

          Hier treffen zwei Generationen von Träumern aufeinander, einer sieht im Boot seine Zukunft, einer sein Vermächtnis. Was wohl Gabriel davon hält, dass sein Domizil mal zu einem Förderort für Künstler wird? „Ist mir alles komplett scheißegal, ich fand den Kahn cool, und Gunter Gabriel stand mitunter für gute Sachen“, sagt Kliemann. Schulz wiederum bricht es – auch eingedenk des eigenen Todes – das Herz, die alten Unterlagen wegzuschmeißen. Noch Monate später bereut er, nicht mehr Andenken behalten zu haben. „Das Hausboot“ ist eine Versöhnungsgeschichte zwischen Generation Youtube und Generation „Wetten dass ..?“. Entstanden ist ein Veranstaltungsort, der auch jenseits des Bildschirms Brücken schlagen könnte.

          Das Hausboot ist bei Netflix abrufbar.

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