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Das Geschäft mit der Astrologie : Die Seelenverkäufer

Ehrlich und knallhart

Naturgemäß sei es unmöglich, übersinnliche Fähigkeiten zu überprüfen, sagt Kay Noelke von Astro TV, der sich Senior Producer nennt. Der Zuschauer spüre aber, ob das Ganze stimmig sei oder nicht. „Dieses Geschäft ist auch ein Tummelplatz für Scharlatane. Spätestens im Fernsehen kommt das aber raus.“ Wie und warum, sagt er nicht. Nur so viel: „Fernsehen ist absolut ehrlich und knallhart.“

Die Astrofernsehwelt ist tatsächlich knallhart. Und genau so verläuft auch unser Gratisgespräch mit einer Wahrsagerin von Astro-TV: Man stehe zwischen zwei Frauen, einer ohne Geld, die ihren kranken Vater pflegen muss (Stier-Frau), und einer reichen (Wassermann-Frau). „Die Liebeskarte liegt auf beiden Damen“, sagt die Beraterin. Bis zu einem gewissen Punkt zeigt sie sich einfühlsam, geduldig. Dann will sie uns nur noch loswerden, nach dreißig Minuten drängt die Zeit. Am Telefon hört man Männerstimmen aus dem Off, die die Beraterin zur Eile antreiben. Die Liebeskarte liegt ruck zuck plötzlich nur noch auf der Stier-Frau. Um die Sache abzukürzen, wird die Angelegenheit nun sehr schnell sehr eindeutig: An der Stier-Frau gibt es kein Deuteln mehr. Im nächsten Augenblick wird die Wahrsagerin vom Telefon weggerissen, um vor der Kamera ihre Gratissprechstunde anzupreisen: In der Telefonleitung rauscht und knackt es. „Wo waren wir stehen geblieben?“ Der Ton der Wahrsagerin ist jetzt gereizt. „Nehmen Sie die Stier-Dame, und sorgen sie sich nicht um den kranken Vater.“ Sie sieht die Todeskarte und sagt: „Er stirbt. An Herzversagen. Schon bald, sehr bald.“

Endlosschleife der Prophezeiungen

Sylvius Bardt, der Vorstandsvorsitzende von Questico, macht kein Hehl daraus, dass die Astrologie für ihn nur ein Geschäftsmodell ist. Die Karten lässt er sich nicht legen. Bardt ist sein eigener Herr über die Zukunft. Ob er an übersinnliche Kräfte glaubt? Als Manager spiele diese Frage für ihn keine Rolle, sagt er. Seine Lebensentscheidungen von Prophezeiungen abhängig zu machen, muss für diesen Mann absurd klingen. Auf den Vorwurf, die Questico AG beute psychisch labile Menschen aus, reagiert er kühl. „Wir treten seriös, ehrlich und integer auf. Die Leute werden bei uns nicht abgezockt. Es gibt keine 900er Nummer oder technische Haltezeiten.“

Tatsächlich ist das Ködersystem bis ins Detail ausgeklügelt. Wer sich einmal gratis in die Zukunft blicken ließ, hängt am Tropf, in einer Endlosschleife aus Prophezeiungen. Was bei Astro TV passiert, nennt der Manager „Astrotainment“. Dass es dabei um Weichenstellungen für Biographien geht, scheint ihn nicht zu stören. Wenn man beim Chinesen einen Glückskeks aufmache, stehe auf dem Zettelchen auch Existentielles, sagt Bardt. Man biete Hilfe zur Selbsthilfe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Biographie, redet man dem Ratsuchenden ein, gelingt nur als Gehorsam gegenüber der Prophezeiung. Initiative und Eigenverantwortung erledigen sich.

Die psychischen Folgen der Teletherapie

Das ist ein gefährliches Spiel. Die Ratsuchenden werden so davon abgehalten, sich professionelle Hilfe zu suchen. Die Aussage der Berater, man erkenne am Telefon psychisch kranke Menschen, ist absurd. Bernd Leplow, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, sagt, dass man telefonisch unmöglich unterscheiden könne, ob jemand unter Depressivität leide oder unter einer Depression, also einer Krankheit. Dafür bedürfe es einer standardisierten klinischen Diagnostik.

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