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Das Geschäft mit der Astrologie : Die Seelenverkäufer

Von Sucht ist bei Astro-TV nicht die Rede. Hier geht es ums Geschäft und sehr geschäftsmäßig zu. Die Konzernsprecherin Martina Wagner sagt Sätze wie: „Die knallharte Wirtschaftswelt hat bei vielen Menschen zugeschlagen und Familienstrukturen zerstört. Das Bedürfnis nach persönlichen Gesprächen ist groß. Wer bei uns anruft, fühlt sich danach besser.“ Sie spricht von „Seelenmassage“ und „Verantwortung gegenüber den Kunden“. Hauptsache Geld, das sei nicht die Geschäftsbasis von Astro TV: „Wir nehmen den Kunden ernst.“

Fünfzig Millionen Euro für den Seelenverkauf

Astro TV ist nur der sichtbare Teil der Questico AG. Das Unternehmen hat die Astrologie digitalisiert und in großem Maßstab ökonomisiert. Der Sender ist über Satellit zu empfangen und wird in die Programme der Regionalsender München TV, Hamburg 1, Neun live oder TV Berlin eingespeist. Die Reichweite liegt bei zwanzig Millionen Haushalten im deutschsprachigen Raum. Mit dem Seelenverkauf erzielte das Unternehmen letztes Jahr einen Umsatz von fünfzig Millionen Euro. Ein gigantischer Erfolg, für den auch die Monatszeitschrift „Zukunftsblick“ mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren und die Internetseite www.noeastro.de sorgen.

Dort verkündet Deutschlands Starastrologe Winfried Noé, der Gesellschafter bei Questico ist, seine Weisheiten. Questico liefert Horoskope für Zeitungen und Internetdienste. Neunzig Prozent der Kunden sind Frauen, die meisten sind älter als dreißig. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ist jeder zehnte Deutsche überzeugt, dass Mond, Sterne und Planeten sein Leben beeinflussen. Das Potenzial, Geld mit Esoterik und Astrologie zu verdienen, ist längst nicht ausgeschöpft. Derzeit sucht Questico nach einem Finanzpartner für eine Internationalisierung. Der Mittelmeerraum und die Länder im Osten sind vielversprechend.

Offizielles Astrologen-Diplom für 2400 Euro

Die knapp dreitausend freiberuflichen Berater sind für das Hauptgeschäft der Questico AG verantwortlich. Nur etwa vierzig von ihnen treten im Fernsehen auf. Die vielen anderen leben über die Welt verstreut und deuten unkontrolliert die Zukunft der Anrufer. Eine Dame, erzählt Martina Wagner stolz, wohne in Florida. Den Minutenpreis, maximal zwei Euro, legt jeder Berater selbst fest. Mehrere Tausend Menschen telefonieren täglich mit Questico-Beratern, es ist ein Franchise-Unternehmen und ein Pyramidenspiel: Die Berater können Kurse bei Winfried Noé buchen, in seinem Astro-Kolleg am Ammersee. Gemeinsam mit dem Horoskop-Spezialisten Michael Allgeier gibt Noé semesterlang Grundkurse, Fortgeschrittenenkurse und Meisterkurse. 2400 Euro kostet dieses Studium. Wer es erfolgreich abschließt, bekommt ein offizielles Astrologen-Diplom. Damit kann man sich bei Questico als Berater bewerben. Von ihren Einnahmen behalten die Sterndeuter sechzig bis siebzig Prozent, den Rest bekommt Questico. Die Telefongebühren gelten als Betriebskosten.

Schon die Auswahl der Experten ist heikel. Man müsse - was immer das heißt - „nachweislich als professioneller Lebensberater gearbeitet haben“, steht auf der Questico-Homepage. Jeden Bewerber konfrontiere man beim Testgespräch mit einem fiktiven Fall, sagt Martina Wagner. Es gehe darum, wie authentisch jemand sei, wie sehr er sich in die Seelenwelt der Anrufer einfühlen könne. Sie scheint selbst über ihre Antwort zu stolpern. Martina Wagner erwähnt auch Zertifikate, vom Deutschen Astrologenverband zum Beispiel. Dessen Vorsitzender, Christoph Schubert-Weller, distanziert sich allerdings deutlich von Formaten wie Astro TV. Die Beratung, sagt er, sei viel zu kurz. Auf den Kunden laste ein großer finanzieller Druck, weil die Uhr ticke und ein Gespräch viel Geld koste. Er sagt auch deutlichere Worte, die er aber lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

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