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Das Geschäft mit der Astrologie : Die Seelenverkäufer

Die Karten lügen nicht: Im Studio von Astro TV Bild: Pein

Im Fernsehen blüht das Geschäft mit der Astrologie. Seelenverkäufer spielen mit der Psyche ihrer Opfer und terrorisieren sie mit haarsträubenden Wahrsagen. Ein Selbstversuch von Melanie Mühl und Michael Hanfeld.

          Nachts tritt auf das Ehepaar. Sie spricht sehr laut und sehr bestimmend. Er ist kaum zu verstehen. Sie sind die Entertainer der Verzweiflung. Vor Millionen Fernsehzuschauern, aber unter Ausschluss einer wachsamen Öffentlichkeit, verkaufen sie Prophezeiungen. Offenbar sind sie Stars in ihrer Branche. Bei ihnen löst man das Ticket für ein Paralleluniversum aus Schmerz und Leid. „Lorelei und Luke“: Tausende liefern sich ihnen aus und zahlen ihr letztes Geld für einen Anruf, selbst wenn die Verbindung mit dem Übersinnlichen nicht zustande kommt. Wir können uns nicht auf den Bildschirm beschränken. Wir wollen sehen, wie es bei den Boten der Unterwelt aussieht. Denn nicht nur im Fernsehen, sondern auch in Privatsprechstunden bei ihnen zu Hause sagen Luke und Lorelei die Zukunft voraus.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Heim des „hellsichtigen Ehepaares“ liegt am Rande eines Dorfes im Bayerischen Wald. Ein Einfamilienhaus mit winzigen Fenstern und weitläufigem Hof. Es ist eine jener beklemmend ordentlichen Wohngegenden, in der alles schon auf den ersten Blick vorhersehbar scheint. Streng parzellierte Grünbereiche, in der Auffahrt parken Mittelklassewagen, keine Menschenseele weit und breit. Man hört nur das Summen der Stromleitungen vom naheliegenden Umspannwerk.

          Privataudienz in derangiertem Ambiente

          Luke öffnet die Tür. Er steht da in Badeschlappen, das rosafarbene Freizeithemd hängt ihm über seine Hose. Im Hintergrund hört man eine Frauenstimme telefonieren. „Du bist zu früh, du musst warten“, sagt Luke barsch. Er schließt die Tür. Wer Lorelei und Luke zu Hause aufsucht, wird zu einer Audienz empfangen.

          Was mag uns diese Karte sagen?

          Der Hausflur ist eng und düster, die Decke hängt tief. In der Küche türmt sich Bügelwäsche. „Es gibt vor lauter Arbeit nicht einmal mehr Zeit für den Haushalt“, sagt Luke. Man prallt zurück vor diesem Mann. Etwas Rohes, Aggressives, Derangiertes geht von ihm aus, von seiner Physiognomie, seinem bellenden, raunzenden Ton. Man versteht ihn kaum. Er lallt. Jeder Satz, den Luke hervorbringt, scheint ihn Mühe zu kosten und wirkt wie ein Glückstreffer. Wir gehen ins Arbeitszimmer. Hinter einem Schreibtisch sitzt Lorelei, Lukes etwas fahrige, wortführende Partnerin. Vor ihr liegen die Kipperkarten, in denen sie die Zukunft liest. Wir müssten uns beeilen, sagt sie zur Begrüßung, ohne sich zu erheben. In einer Stunde rufe wieder jemand an.

          Durch tiefe Täler musst du wandern

          Der Ton ist schroff. Du wirst erst mit vierzig glücklich und musst die nächsten zehn Jahre tiefe Täler durchschreiten, sagt Lorelei. Da könne man nichts machen, so stehe es in unserem Lebensbuch geschrieben. Die Karten hat sie noch nicht gelegt.

          Wir machen einen zaghaften Versuch, das Schicksal milde zu stimmen: „Dauert es tatsächlich noch zehn Jahre, bis ich glücklich werde?“ „Das ist so eine, der muss man die Sätze auf die Stirn tackern, damit sie kapiert, was los ist“, sagt Luke, als seien die beiden unter sich. Sein Sohn sei genauso, der habe drei Autounfälle gehabt, obwohl man ihm seit Jahren sage, er solle nicht rasen. Ein hoffnungsloser Fall.

          „Einfühlsame Hilfe“

          An jedem Wochenende tritt das „hellsichtige Ehepaar“ bei dem Sender Telemedial auf, der mit „seriöser, kompetenter und einfühlsamer Hilfe in allen Lebensfragen“ wirbt. Im Originalton des Fernsehens klingt das so:

          Hier ist Andrea (der Name wurde von der Redaktion geändert).

          Lorelei: Hallo Andrea, dein Geburtsdatum ohne Jahr.

          Andrea: 15. 1.

          Lorelei: Was ist deine Frage?

          Andrea: Ob ich mit dem Partner, mit dem ich jetzt zusammen bin, zusammen bleibe.

          Lorelei: Sein Datum?

          Andrea: Das ist der 19. 8.

          Lorelei: Du zweifelst aber ziemlich oft an ihm. Du bist diejenige, die das alles ein bissel aus dem Ruder haut. Du verdrängst ihn eher mit deinen vielen Zweifeln.

          Luke: Bei ihm geht's gut.

          Andrea: Er fühlt sich wohl. Er hat nie aufgehört, seitdem er mit mir zusammen ist, eine andere Partnerin zu suchen. Er nimmt eigentlich, was er findet, er ist sehr exzessiv. Ich hab' unheimlich darunter zu leiden.

          Lorelei: Du beendest es aber nicht.

          Luke: Er fühlt sich wohl, und du liegst im Keller. Un' weg kommste auch nich.

          Andrea: Was komm' ich?

          Luke: Du kommst nicht weg.

          Lorelei. Du kommst nicht weg von ihm.

          Andrea: Ich komm' nich' weg von ihm, ja.

          Luke: Symbolisch gesehen hast du ein Bein. Weil du nicht ständig genug laufen kannst. Verstehs du das? Angst vor einer Veränderung.

          Andrea: Ich könnte jetzt zum 1. 8. ausziehen und könnte diesem ganzen Leiden ein Ende bereiten. Ich hab' sehr unter ihm gelitten. Wir ham' uns vor zehn, zwölf Tagen sehr gestritten. Wir ham' uns geschlagen. Wir ham' beide ziemlich viel abbekommen.

          Lorelei: Das ist Hassliebe, einfach. Das ist so: deine vielen Zweifel, alles, was sich in deinem Kopf da abspielt. Wenn du so weitermacht, kommst du noch weiter in den Keller runter. Es gibt Menschen, so wie du, Andrea, die müssen erst ganz unten sein, durchs Leid laufen, bis se mal irgendwo Nägel mit Köpfen machen. Und du bist eine davon, wo es nicht eher funktioniert, bis du ganz unten bist. Das ist schade, Andrea. Das hast du eigentlich nicht verdient. Aber das ist bei dir so. Aber man kann was verändern, wenn man das möchte. Man kann was verändern.

          Luke: Die ja auch schon mal handgreiflich, ne?

          Andrea: Ja.

          Lorelei: Ja, die ham sich ja schon geprügelt.

          Luke: Als Kind da, in der Jugend. Für dich wäre es irgendwo besser, wenn du dich lösen würdest.

          Andrea: Ja ist gut. Ich danke euch.

          Das Spiel mit der inneren Unsicherheit

          Die Wortwechsel gleichen sich, und sie stammen aus dem Lehrbuch. Die Berater verkaufen mit Psychojargon aufgemöbelte Trivialitäten, die so vage gehalten sind, dass sie auf alles und jeden zutreffen oder so brutal deutlich, dass sie keinen Widerspruch dulden. Die Wahrsager sind der wichtigste Baustein des industriellen esoterischen Komplexes. Sie sind die Jauchs und Gottschalks der Astrologie. Sie schwingen sich zu Autoren fremder Lebensgeschichten auf, zu auktorialen Schicksalserzählern. Das Geheimnis ihres Erfolges ist ihr Anspruch auf Allwissenheit. Für die Hilfesuchenden werden sie zur Instanz.

          Die Deutung gegenwärtiger und zukünftiger Lebenszusammenhänge verläuft nach dem immer gleichen manipulativen Muster. „Cold reading“ nennt man das Verfahren, kaltes Lesen. Der amerikanische Psychologe Bertram Forer hat in einem einfachen Text gezeigt, dass es Äußerungen gibt, die 95 Prozent der Menschen als zutreffend bezeichnen. Zum Beispiel: „Sie wünschen sich, dass andere Leute Sie mögen und bewundern, und dennoch tendieren Sie zu einer kritischen Meinung über sich selbst. Sie haben zwar ein paar persönliche Schwächen, können diese aber im Allgemeinen ausgleichen. Sie verfügen über einiges Potential, das Sie bisher noch nicht zu Ihrem Vorteil genutzt haben. Nach außen hin wirken Sie diszipliniert und selbstbewusst, jedoch sind Sie innerlich beunruhigt und unsicher.“

          Die Karten lügen nicht

          Geschickt spielen die Wahrsager mit der Psyche ihrer Opfer. Jeder der Ratsuchenden wird sich am Ende nur an jene Sätze erinnern, die ins Schwarze getroffen haben. Ein Trick ist das „fishing for details“. In den Karten sieht der Wahrsager, was er schon aus dem Mund des Ratsuchenden erfahren hat. „Genau das wollte ich dir gerade sagen.“ Oder: „Ja, das sehe ich auch in den Karten.“ Das sind Redewendungen, die immer wieder auftauchen. Ist ein Anrufer irritiert, beruft man sich auf die Unfehlbarkeit der Karten. Ist es nötig, verdrehen die Berater Wortbedeutungen - die „räumliche Veränderung“, eben noch vorhergesagt, wird dann plötzlich zum Möbelrücken in der Küche heruntergespielt.

          Der Sender „Telemedial“ ist wie der Marktführer „Astro TV“ ein einziges, mit Schicksalsglauben verbrämtes Abzockunternehmen. Sterndeuten, Handlesen und Kartenlegen sind nichts Neues, seit Menschengedenken gibt es gewerbsmäßige Wahrsagerei. Man kennt Praktiken wie den Vogelflug, die Eingeweide- und Opferschau, mit denen in der Antike das Schicksal entziffert wurde. Doch mit der Kommerzialisierung der Wahrsagerei im Fernsehen ist eine neue Qualität erreicht, die das Zukunftsdeuten zu einem diffus autorisierten Massenphänomen macht - mit hoher Gewinngarantie. Hier muss man nicht erst das Zelt einer Wahrsagerin aufsuchen, nicht den einsamen Gang in die Subkultur antreten. Die Schwelle besteht nur darin, den Einschaltknopf zu betätigen und zum Telefonhörer zu greifen. Die Beglaubigung durch Senderechte lässt den Gedanken, dass man Scharlatanen aufsitzt, gar nicht erst aufkommen. Die Monstrosität bekommt einen institutionellen Anstrich.

          Jeder Anruf 50 Cent

          Der Weg in das Paralleluniversum der Sterndeuter, in diesen Hades-Markt, führt bei Astro TV buchstäblich unter die Erde. Zum Studio gelangt man durch eine schäbige Tiefgarage, ein paar hundert Meter entfernt vom Berliner Zoo. Früher wurde hier das Sat.1-Frühstücksfernsehen produziert. Martina Wagner, die Unternehmenssprecherin, lächelt entschuldigend, als sei sie für die heruntergekommene Umgebung verantwortlich. Überhaupt lächelt sie viel an diesem Tag, doch man wird das Gefühl nicht los, dass ihr dieser Besuch unangenehm ist. Die Studioflure sind lang und ausgelegt mit einem Teppich, der aussieht, als habe ihn seit Jahren niemand gereinigt.

          Der einzig erträgliche Ort ist das Studio selbst. Dort haben sich zwei grell geschminkte Beraterinnen niedergelassen, schauen in die Kamera und sagen artig ihr Rufen-Sie-jetzt-an-Sprüchlein auf. Vergessen sie es einmal, flüstert ihnen der Produktionsleiter über einen Knopf im Ohr die Stichworte zu. Die „Blitzrunde“ läuft. Eine Frage, eine Antwort. Jeder Anruf kostet fünfzig Cent - auch wenn man nicht durchkommt. Dann sagt eine Stimme: „Herzlich willkommen bei Astro TV. Leider hat sie unser Zufallsgenerator diesmal nicht ausgewählt. Bitte versuchen sie es gerne später noch einmal. Dieser Anruf kostete sie fünfzig Cent aus dem deutschen Festnetz.“

          Ohne Qualitätskontrolle

          Der Trick der Sterndeuter ist derselbe wie derjenige der Anrufsender. Das Fernsehen ködert die Zuschauer. Jeder Anruf kostet Geld. Wer nicht ins Studio gestellt wird, kann einen Termin vereinbaren, zu einem Minutenpreis, der bei bis zu zwei Euro liegt. Auch die Freunde aus Österreich und der Schweiz seien herzlich eingeladen, animieren die Beraterinnen. Es klingt wie eine Dauerwerbesendung.

          Sie dürfen nicht den Tod voraussagen. Sie dürfen keine medizinischen Ratschläge geben. So lauten die Statuten der Questico AG, zu der Astro TV gehört. Manche Beraterinnen tun es trotzdem. 2800 gibt es von ihnen, und die einzige „Qualitätskontrolle“ besteht darin, dass die Kunden befragt werden, ob sie mit der Beratung zufrieden waren und dann Sternchen verteilen dürfen. Wie bei Ebay, sagt Martina Wagner. Wie leicht sich diese System manipulieren lässt, scheint sie nicht zu interessieren.

          Risiko seelischer Abhängigkeit

          Sie habe so ein ungutes Gefühl, als ob ihr Ehemann sie betrüge, möchte eine Anruferin gerade wissen. Die Expertin legt die Karten. „Also“, sagt sie und blickt mitfühlend, „Ihr Mann ist ihnen nicht treu.“ Das Gespräch dauert keine zwei Minuten. Der nächste Anrufer wartet. Ob es nicht unmenschlich sei, zu behaupten, dass der Ehemann mit einer anderen Frau schlafe? Martina Wagner schüttelt ihr dunkelblondes Haar. Hier sei doch nur eine Befürchtung bestätigt worden. Außerdem gingen beinahe alle Männer fremd.

          Matthias Pöhlmann, Sektenbeauftragter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, hält diese Strategie für Verharmlosung und Propaganda. Was hier passiert, sei hochgefährlich, für Psyche und Finanzen. Er sagt: „Die fachliche Inkompetenz kaschieren die Berater, indem sie sich auf höhere Erkenntnisquellen berufen.“ Das Risiko seelischer Abhängigkeit sei hoch. Pöhlmann spricht von Sucht. In den Expertenforen hat er Leute beobachtet, die in der Esoterikszene Anbieter sind - Frauen wie Catrin Wildgruber, die bei einer neugermanisch-heidnischen Gruppierung Vorstandsvorsitzende ist und als Hexe Bjarka ihre Dienste anbietet. Auch sie ist Beraterin bei Questico.

          Gefangen von Kraken und Schicksalsmächten

          Was es bedeutet, an Hexen und Zauberer zu glauben, zeigt die Geschichte von Katharina B. (der Name wurde von der Redaktion geändert). Es ist eine Geschichte von vielen. Katharina B. sagt: „Die letzten sechs Monate waren die Hölle.“ 15.000 Euro habe sie verloren, an Wahrsager, denen sie ihr aus den Fugen geratenes Leben anvertraute. Sie sei in dem Glauben aufgewachsen, eine höhere Macht steuere ihr Schicksal. Ihre Mutter nahm sie mit zur Reiki-Meisterin, damit die positiven Energien auch ihren Körper durchfließen. Die Zukunft, sagte man ihr, sei festgelegt. Fragen hat sie nie gestellt. Katharina B. ist ein Opfer der zweiten Generation.

          Der Albtraum begann, als ihr Freund sie verließ. Es folgte der freie Fall. Sie suchte Hilfe bei den Beratern der Questico AG und anderen Anbietern im Internet. Ihr Wesen sei umhüllt von Dunkelheit, sagte man ihr. Ein Krake halte sie gefangen. Sie sei ein ungewolltes, ungeliebtes, unglückliches Kind und müsse sich befreien - von ihren Eltern, ihren Freunden, ihrem Leben. Auch das Modeln, dem sie gelegentlich nachging, sei eine Sünde. Eine Beraterin erzählte ihr die Geschichte von einer wunderschönen Frau, deren Gesicht bei einem Autounfall entstellt wurde: als Strafe für ihre Eitelkeit. Katharina B. zog sich zurück und sprach mit niemandem mehr.

          Seelenmassage mit magischen Steinen

          „Irgendwann war ich abhängig von den Beratern“, sagt sie. In jedem Menschen begann sie einen Feind zu vermuten. Sie brach ihr Studium ab und verließ monatelang nur selten ihre Wohnung. Angstzustände raubten ihr den Schlaf. Am Telefon versprach ihr eine Beraterin Heilung: Sie solle sich magische Steine kaufen, um ihre Seele und ihre Wohnung vom Bösen zu reinigen. „Die Expertin sagte, sie könne zaubern, Wünsche erfüllen, Partner zusammenführen und Flüche lösen.“ Und das hat sie geglaubt? „Mein Kopf hat mich gewarnt, aber es war wie eine Sucht.“

          Von Sucht ist bei Astro-TV nicht die Rede. Hier geht es ums Geschäft und sehr geschäftsmäßig zu. Die Konzernsprecherin Martina Wagner sagt Sätze wie: „Die knallharte Wirtschaftswelt hat bei vielen Menschen zugeschlagen und Familienstrukturen zerstört. Das Bedürfnis nach persönlichen Gesprächen ist groß. Wer bei uns anruft, fühlt sich danach besser.“ Sie spricht von „Seelenmassage“ und „Verantwortung gegenüber den Kunden“. Hauptsache Geld, das sei nicht die Geschäftsbasis von Astro TV: „Wir nehmen den Kunden ernst.“

          Fünfzig Millionen Euro für den Seelenverkauf

          Astro TV ist nur der sichtbare Teil der Questico AG. Das Unternehmen hat die Astrologie digitalisiert und in großem Maßstab ökonomisiert. Der Sender ist über Satellit zu empfangen und wird in die Programme der Regionalsender München TV, Hamburg 1, Neun live oder TV Berlin eingespeist. Die Reichweite liegt bei zwanzig Millionen Haushalten im deutschsprachigen Raum. Mit dem Seelenverkauf erzielte das Unternehmen letztes Jahr einen Umsatz von fünfzig Millionen Euro. Ein gigantischer Erfolg, für den auch die Monatszeitschrift „Zukunftsblick“ mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren und die Internetseite www.noeastro.de sorgen.

          Dort verkündet Deutschlands Starastrologe Winfried Noé, der Gesellschafter bei Questico ist, seine Weisheiten. Questico liefert Horoskope für Zeitungen und Internetdienste. Neunzig Prozent der Kunden sind Frauen, die meisten sind älter als dreißig. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ist jeder zehnte Deutsche überzeugt, dass Mond, Sterne und Planeten sein Leben beeinflussen. Das Potenzial, Geld mit Esoterik und Astrologie zu verdienen, ist längst nicht ausgeschöpft. Derzeit sucht Questico nach einem Finanzpartner für eine Internationalisierung. Der Mittelmeerraum und die Länder im Osten sind vielversprechend.

          Offizielles Astrologen-Diplom für 2400 Euro

          Die knapp dreitausend freiberuflichen Berater sind für das Hauptgeschäft der Questico AG verantwortlich. Nur etwa vierzig von ihnen treten im Fernsehen auf. Die vielen anderen leben über die Welt verstreut und deuten unkontrolliert die Zukunft der Anrufer. Eine Dame, erzählt Martina Wagner stolz, wohne in Florida. Den Minutenpreis, maximal zwei Euro, legt jeder Berater selbst fest. Mehrere Tausend Menschen telefonieren täglich mit Questico-Beratern, es ist ein Franchise-Unternehmen und ein Pyramidenspiel: Die Berater können Kurse bei Winfried Noé buchen, in seinem Astro-Kolleg am Ammersee. Gemeinsam mit dem Horoskop-Spezialisten Michael Allgeier gibt Noé semesterlang Grundkurse, Fortgeschrittenenkurse und Meisterkurse. 2400 Euro kostet dieses Studium. Wer es erfolgreich abschließt, bekommt ein offizielles Astrologen-Diplom. Damit kann man sich bei Questico als Berater bewerben. Von ihren Einnahmen behalten die Sterndeuter sechzig bis siebzig Prozent, den Rest bekommt Questico. Die Telefongebühren gelten als Betriebskosten.

          Schon die Auswahl der Experten ist heikel. Man müsse - was immer das heißt - „nachweislich als professioneller Lebensberater gearbeitet haben“, steht auf der Questico-Homepage. Jeden Bewerber konfrontiere man beim Testgespräch mit einem fiktiven Fall, sagt Martina Wagner. Es gehe darum, wie authentisch jemand sei, wie sehr er sich in die Seelenwelt der Anrufer einfühlen könne. Sie scheint selbst über ihre Antwort zu stolpern. Martina Wagner erwähnt auch Zertifikate, vom Deutschen Astrologenverband zum Beispiel. Dessen Vorsitzender, Christoph Schubert-Weller, distanziert sich allerdings deutlich von Formaten wie Astro TV. Die Beratung, sagt er, sei viel zu kurz. Auf den Kunden laste ein großer finanzieller Druck, weil die Uhr ticke und ein Gespräch viel Geld koste. Er sagt auch deutlichere Worte, die er aber lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

          Ehrlich und knallhart

          Naturgemäß sei es unmöglich, übersinnliche Fähigkeiten zu überprüfen, sagt Kay Noelke von Astro TV, der sich Senior Producer nennt. Der Zuschauer spüre aber, ob das Ganze stimmig sei oder nicht. „Dieses Geschäft ist auch ein Tummelplatz für Scharlatane. Spätestens im Fernsehen kommt das aber raus.“ Wie und warum, sagt er nicht. Nur so viel: „Fernsehen ist absolut ehrlich und knallhart.“

          Die Astrofernsehwelt ist tatsächlich knallhart. Und genau so verläuft auch unser Gratisgespräch mit einer Wahrsagerin von Astro-TV: Man stehe zwischen zwei Frauen, einer ohne Geld, die ihren kranken Vater pflegen muss (Stier-Frau), und einer reichen (Wassermann-Frau). „Die Liebeskarte liegt auf beiden Damen“, sagt die Beraterin. Bis zu einem gewissen Punkt zeigt sie sich einfühlsam, geduldig. Dann will sie uns nur noch loswerden, nach dreißig Minuten drängt die Zeit. Am Telefon hört man Männerstimmen aus dem Off, die die Beraterin zur Eile antreiben. Die Liebeskarte liegt ruck zuck plötzlich nur noch auf der Stier-Frau. Um die Sache abzukürzen, wird die Angelegenheit nun sehr schnell sehr eindeutig: An der Stier-Frau gibt es kein Deuteln mehr. Im nächsten Augenblick wird die Wahrsagerin vom Telefon weggerissen, um vor der Kamera ihre Gratissprechstunde anzupreisen: In der Telefonleitung rauscht und knackt es. „Wo waren wir stehen geblieben?“ Der Ton der Wahrsagerin ist jetzt gereizt. „Nehmen Sie die Stier-Dame, und sorgen sie sich nicht um den kranken Vater.“ Sie sieht die Todeskarte und sagt: „Er stirbt. An Herzversagen. Schon bald, sehr bald.“

          Endlosschleife der Prophezeiungen

          Sylvius Bardt, der Vorstandsvorsitzende von Questico, macht kein Hehl daraus, dass die Astrologie für ihn nur ein Geschäftsmodell ist. Die Karten lässt er sich nicht legen. Bardt ist sein eigener Herr über die Zukunft. Ob er an übersinnliche Kräfte glaubt? Als Manager spiele diese Frage für ihn keine Rolle, sagt er. Seine Lebensentscheidungen von Prophezeiungen abhängig zu machen, muss für diesen Mann absurd klingen. Auf den Vorwurf, die Questico AG beute psychisch labile Menschen aus, reagiert er kühl. „Wir treten seriös, ehrlich und integer auf. Die Leute werden bei uns nicht abgezockt. Es gibt keine 900er Nummer oder technische Haltezeiten.“

          Tatsächlich ist das Ködersystem bis ins Detail ausgeklügelt. Wer sich einmal gratis in die Zukunft blicken ließ, hängt am Tropf, in einer Endlosschleife aus Prophezeiungen. Was bei Astro TV passiert, nennt der Manager „Astrotainment“. Dass es dabei um Weichenstellungen für Biographien geht, scheint ihn nicht zu stören. Wenn man beim Chinesen einen Glückskeks aufmache, stehe auf dem Zettelchen auch Existentielles, sagt Bardt. Man biete Hilfe zur Selbsthilfe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Biographie, redet man dem Ratsuchenden ein, gelingt nur als Gehorsam gegenüber der Prophezeiung. Initiative und Eigenverantwortung erledigen sich.

          Die psychischen Folgen der Teletherapie

          Das ist ein gefährliches Spiel. Die Ratsuchenden werden so davon abgehalten, sich professionelle Hilfe zu suchen. Die Aussage der Berater, man erkenne am Telefon psychisch kranke Menschen, ist absurd. Bernd Leplow, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, sagt, dass man telefonisch unmöglich unterscheiden könne, ob jemand unter Depressivität leide oder unter einer Depression, also einer Krankheit. Dafür bedürfe es einer standardisierten klinischen Diagnostik.

          Katharina B. ist heute in psychologischer Behandlung. Ihre Familie und ihre Freunde wissen nichts von ihrem Martyrium. Die Scham ist zu groß. Der Questico AG schuldet Katharina B. noch Geld. Neulich, sagt sie, habe deshalb jemand aus der Geschäftsführung angerufen. Als sie drohte, die Praxis der Berater öffentlich zu machen, sagte man ihr, sie hätte sich nur beschweren müssen, und der entsprechende Berater hätte seinen Job verloren. Doch dazu sei es jetzt zu spät.

          Marktplatz der psychischen Grausamkeiten

          Kontrolliert wird der Hades-Markt der psychischen Grausamkeiten von niemandem. Die Medienaufsicht sieht dem Seelenverkauf tatenlos zu. Nicht, dass die Landesmedienanstalten, die für die Zulassung privater Sender zuständig sind, nicht einschreiten wollten. Zumindest einige. Sie können es aber nicht. Sie müssen zulassen, was nicht verboten ist. Und ihre Prüfungen sind, weil rein formal, lächerlich.

          Astro TV hat seine Sendelizenz im Juni 2004 bekommen, seither hat sich der Kanal ausgebreitet. „Bedenken gegen die Vereinbarkeit mit den für den bundesweiten Rundfunk geltenden Vorschriften sind nicht ersichtlich“, heißt es im Prüfbericht der Medienaufseher. In drei Jahren Sendebetrieb von Astro TV habe es nicht eine einzige Beschwerde gegeben, sagt die Sprecherin der zuständigen Medienanstalt Berlin Brandenburg. Nicht eine einzige!

          Lizenz zu Lug und Trug

          Doch ob je ein Zuschauer auf die Idee käme, sich bei einer Landesmedienanstalt zu beschweren? Bei den Medienaufsehern, die auch die Anrufsender seit Jahren gewähren lassen? Die Sender müssen nur die Formalien einhalten, dann bekommen sie eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“, und die wirkt wie eine amtliche Beglaubigung der Nostradamus-Welt - die Lizenz zu Lug und Trug.

          Beim Ortstermin im bayerischen Wald wendet sich Lorelei mir endlich wieder zu. Ich solle eine Immobilie in Südfrankreich kaufen und meine Mutter in ein Pflegeheim geben. Die Mutter könne auch dort glücklich werden. Wir sprechen über meine verstorbene Großmutter. Auf der Homepage von Luke und Lorelei steht, dass Luke auch Jenseitskontakte herstellt. „Deine Oma steht links hinter dir und beschützt dich“, sagt Luke. Er zündet sich eine Zigarette an. Dann sagt er, beiläufig, im Plauderton: „Ich sehe bei dir einen Missbrauch, mit dreizehn.“ Es ist lange still. Jemand aus der Familie? „Ja“, sagt Luke. „Deine Mutter war sexuell verklemmt, dein Vater hat von ihr nie bekommen, wonach er sich sehnte.“

          Geschäftsmäßig sezieren Luke und Lorelei ein Leben, genauer gesagt: unsere Legende. Dann stehen beide auf, es ist vorbei, nach fünfzig Minuten: Missbrauch mit dreizehn, die Mutter sexuell verklemmt, kein Glück im Leben in den nächsten zehn Jahren, dafür eine Immobilie in Südfrankreich. Das Gespräch kostet 150 Euro in bar, eine Quittung gibt es nicht. „Du hast ein glückliches Händchen für Geld“, sagt Lorelei und wünscht alles Gute.

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