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Das Geschäft mit der Astrologie : Die Seelenverkäufer

Geschickt spielen die Wahrsager mit der Psyche ihrer Opfer. Jeder der Ratsuchenden wird sich am Ende nur an jene Sätze erinnern, die ins Schwarze getroffen haben. Ein Trick ist das „fishing for details“. In den Karten sieht der Wahrsager, was er schon aus dem Mund des Ratsuchenden erfahren hat. „Genau das wollte ich dir gerade sagen.“ Oder: „Ja, das sehe ich auch in den Karten.“ Das sind Redewendungen, die immer wieder auftauchen. Ist ein Anrufer irritiert, beruft man sich auf die Unfehlbarkeit der Karten. Ist es nötig, verdrehen die Berater Wortbedeutungen - die „räumliche Veränderung“, eben noch vorhergesagt, wird dann plötzlich zum Möbelrücken in der Küche heruntergespielt.

Der Sender „Telemedial“ ist wie der Marktführer „Astro TV“ ein einziges, mit Schicksalsglauben verbrämtes Abzockunternehmen. Sterndeuten, Handlesen und Kartenlegen sind nichts Neues, seit Menschengedenken gibt es gewerbsmäßige Wahrsagerei. Man kennt Praktiken wie den Vogelflug, die Eingeweide- und Opferschau, mit denen in der Antike das Schicksal entziffert wurde. Doch mit der Kommerzialisierung der Wahrsagerei im Fernsehen ist eine neue Qualität erreicht, die das Zukunftsdeuten zu einem diffus autorisierten Massenphänomen macht - mit hoher Gewinngarantie. Hier muss man nicht erst das Zelt einer Wahrsagerin aufsuchen, nicht den einsamen Gang in die Subkultur antreten. Die Schwelle besteht nur darin, den Einschaltknopf zu betätigen und zum Telefonhörer zu greifen. Die Beglaubigung durch Senderechte lässt den Gedanken, dass man Scharlatanen aufsitzt, gar nicht erst aufkommen. Die Monstrosität bekommt einen institutionellen Anstrich.

Jeder Anruf 50 Cent

Der Weg in das Paralleluniversum der Sterndeuter, in diesen Hades-Markt, führt bei Astro TV buchstäblich unter die Erde. Zum Studio gelangt man durch eine schäbige Tiefgarage, ein paar hundert Meter entfernt vom Berliner Zoo. Früher wurde hier das Sat.1-Frühstücksfernsehen produziert. Martina Wagner, die Unternehmenssprecherin, lächelt entschuldigend, als sei sie für die heruntergekommene Umgebung verantwortlich. Überhaupt lächelt sie viel an diesem Tag, doch man wird das Gefühl nicht los, dass ihr dieser Besuch unangenehm ist. Die Studioflure sind lang und ausgelegt mit einem Teppich, der aussieht, als habe ihn seit Jahren niemand gereinigt.

Der einzig erträgliche Ort ist das Studio selbst. Dort haben sich zwei grell geschminkte Beraterinnen niedergelassen, schauen in die Kamera und sagen artig ihr Rufen-Sie-jetzt-an-Sprüchlein auf. Vergessen sie es einmal, flüstert ihnen der Produktionsleiter über einen Knopf im Ohr die Stichworte zu. Die „Blitzrunde“ läuft. Eine Frage, eine Antwort. Jeder Anruf kostet fünfzig Cent - auch wenn man nicht durchkommt. Dann sagt eine Stimme: „Herzlich willkommen bei Astro TV. Leider hat sie unser Zufallsgenerator diesmal nicht ausgewählt. Bitte versuchen sie es gerne später noch einmal. Dieser Anruf kostete sie fünfzig Cent aus dem deutschen Festnetz.“

Ohne Qualitätskontrolle

Der Trick der Sterndeuter ist derselbe wie derjenige der Anrufsender. Das Fernsehen ködert die Zuschauer. Jeder Anruf kostet Geld. Wer nicht ins Studio gestellt wird, kann einen Termin vereinbaren, zu einem Minutenpreis, der bei bis zu zwei Euro liegt. Auch die Freunde aus Österreich und der Schweiz seien herzlich eingeladen, animieren die Beraterinnen. Es klingt wie eine Dauerwerbesendung.

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