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Münchner Filmfest : Divers ist, wenn man Filme macht

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Festivalchefin Diana Iljine bei der Eröffnung des Münchner Filmfests Bild: Sven Simon

Das Münchner Filmfest hat ein ansehnliches Programm, doch die Träume von der Berlinale-Konkurrenz sind vorbei. Das Engagement ist außerordentlich, das Budget bleibt winzig. So geht es Jahr um Jahr.

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          Man könnte klagen, dass auf dem Münchner Filmfest in diesem Jahr nur 120 und nicht wie zuvor mehr als 180 Filme laufen. „Es war schon mehr Lametta“, sagte Münchens Zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden zur Eröffnung des 39. Münchner Filmfests in dem „Isarphilharmonie“ genannten Zweckbau, der sich an die einstige Trafohalle der Stadtwerke anschließt. „Wie viel Eskapismus darf, muss sein, wenn zwei Flugstunden entfernt die Hölle tobt?“, fragte Habenschaden. „Die Kraft, die Kunst entfalten kann, können wir gar nicht überschätzen“, lautete ihr Ausblick auf die zehn Tage, in denen das Filmfest das Stadtbild prägen soll.

          „Mit guten Filmen wuchern“

          Man müsse nur „mit guten Filmen wuchern“, meinte die Bürgermeisterin. Und gute, insbesondere „diverse“ Filme gibt es. Alles seien Deutschland- oder Europapremieren, sagt die Festivalleiterin Diana Iljine. Der brasilianische Film „Paloma“ über eine Arbeiterin auf einer Papaya- Plantage, die als Transfrau keine Genehmigung für die kirchliche Hochzeit mit ihrem Freund Zé bekommt, ist eine Weltpremiere. Das kämpferische Werk von Marcelo Gomes führt eine Reihe queerer Filme an, zu denen auch „Benediction“ von Terence Davies gehört, der von dem britischen Dichter Siegfried Sassoon handelt, der als Held des Ersten Weltkriegs geehrt werden soll und dann wegen seiner pazifistischen Einstellung in die Psychiatrie eingewiesen wird. Dazu gehört João Pedro Rodrigues: „Irrlicht“, in welchem der Regent Alfredo im Jahre 2069 sich als König ohne Land an seine Jugend erinnert – als er Feuerwehrmann werden wollte und sich leidenschaftlich in seinen Ausbilder verliebte. Oder der neue Rosa von Praunheim: „Rex Gildo – der letzte Tanz“ räumt mit der Lebenslüge des „Fiesta Mexicana“-Sängers auf, der seine Beziehung zu Manager Fred Miekley verheimlichte und stattdessen eine inszenierte Affäre mit Gitte Haenning und eine Ehe mit seiner Cousine einging.

          Die Staatsministerin Judith Gerlach, die Schauspielerin Veronica Ferres und ihr Tochter Lilly Krug (von links) auf dem Filmfest München.
          Die Staatsministerin Judith Gerlach, die Schauspielerin Veronica Ferres und ihr Tochter Lilly Krug (von links) auf dem Filmfest München. : Bild: Sven Simon

          Wie katastrophal die Lage für die Filmwirtschaft in den Pandemiejahren war und teilweise noch ist, sprach Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach an. „Die Pandemie hat niemanden so ins Herz getroffen wie die Kino- und Film-Community. Das kann sich keiner vorstellen, der nicht betroffen war.“ Die junge Ministerin denkt dabei an das Publikum: „Kino ohne Popcorn, weil man Masken tragen muss, ohne Kinderlachen, ohne Knutschen in der letzten Reihe – Sie wissen, was ich meine.“ Und an die Macher, die sich neu erfunden hätten, „um anderen gute Unterhaltung zu bieten“. Die Filmbranche sei für Bayern extrem wichtig. Deshalb habe man in der Krise 46 Millionen Euro für Kinos und Filmbranche bereitgestellt. „Damit konnten wir nicht alle Belastungen abfedern, aber zeigen, dass der Freistaat an ihrer Seite steht.“ Das Filmfest fördere man, „weil wir wissen, dass wir hier ein Juwel haben, auf das wir stolz sein können“.

          Diana Iljine mag sich nach außen über das Lob freuen und doch an die zermürbenden Kämpfe der Gesellschafter in den letzten Jahren denken. Ministerpräsident Markus Söder hatte dem Filmfest Millionen versprochen, um zur Berlinale aufzuschließen. Voraussetzung aber sei, dass die Stadt München als Gesellschafterin ebenfalls Geld und vorzeigbare Spielstätten zur Verfügung stelle. Diese Vision wurde in den letzten zwei Jahren zu Grabe getragen, der Etat des Festivals sank von 3,5 Millionen um 6,85 Prozent, die Freistaat und Stadt nun weniger geben. Dazu passt als ironische Pointe, dass ein Ingolstädter Autobauer sein Engagement bei der Berlinale beendet, um nun mit Fahr- und finanziellen Diensten dem Münchner Filmfest zur Seite zu stehen, wofür Iljine sich bei Audi wortreich bedankte. Schließlich sponsert der Autohersteller auch den neuen „Cine-Rebels-Award“. Dazu gesellt sich ebenfalls neu der „Cine-Kindl-Award“. Doch sei es betrüblich, dass der erst 2019 eingeführte, mit 100 000 Euro dotierte „Cine-Copro-Award“ für internationale Koproduktionen in diesem Jahr mangels Geld nicht verliehen werden kann. Auch der relativ junge Hielscher-Preis fiel dem Spardiktat zum Opfer. Dafür trägt der renommierte Bernd-Burgemeister-Preis den neuen Sehgewohnheiten Rechnung. Er wurde am Sonntagabend für die Produzenten des besten Fernsehfilms als auch der besten Serie verliehen – dotiert mit jeweils 25 000 Euro.

          Der Eröffnungsfilm „Corsage“, der schon in Cannes lief, erfreute sich eher geteilten Zuspruchs. Dafür sorgten der ungarische Kinderfilm „Wild Roots“ und „L’envol“, die freie Adaption des Romans „Das Purpursegel“ von Aleksandr Grin, angetrieben von der magischen Musik Gabriel Yareds, in vollen Sälen für lange entbehrte Kinomomente. Das war dann doch weit weg und zugleich ganz nah an der Einschätzung einer öffentlich-rechtlichen Redakteurin auf einem Panel: Sie möge bitte endlich keine Drehbücher mehr auf den Tisch bekommen, die von „wohlstandsverwahrlosten Schattenparkern in den Mittdreißigern ohne Lebensplan“ handeln. Thema des Panels: „Neue Männerbilder“. Die braucht das Land bestimmt, was ARD und ZDF daraus machen, ist eine andere Frage.

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