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Fernsehen 2015 : Was haben wir in diesem Jahr nicht alles gesehen!

Startschuss: Jan Josef Liefers (links) und Axel Prahl sorgen im „Tatort“ aus Münster vor allem für komödiantische Knaller. Bild: WDR/Willi Weber

Was läuft im Fernsehen? Nix. Zumindest nichts Neues. Das stimmt natürlich so nicht. Aber Überraschungen sind rar. Dabei läuft den Sendern durch die neue Konkurrenz aus dem Internet die Zeit davon.

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          Es sollte das Jahr des großen Aufbruchs werden. Mächtige Konkurrenten erstürmen die deutsche Fernsehszene, mit schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten und Freifahrtscheinen für die Kreativen, Autoren, Regisseure, Schauspieler und Produzenten. Netflix lässt eine Serie nach der anderen vom Stapel, die Film-Bibliothek von Amazon Prime wächst stetig, und der Abosender Sky fängt endlich an, selbst zu produzieren und folgt, zumindest ansatzweise, dem Beispiel des verlässlich Spitzenstücke liefernden amerikanischen Senders HBO.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das haben die hiesigen Kanäle kommen sehen, und schon vor Jahresfrist bekundeten sie den festen Willen, die Herausforderung anzunehmen. Noch besseres, innovatives Fernsehen bis zum Abwinken wurde uns versprochen. Von 360-Grad-Produktionen sprachen die Ufa-Chefs Wolf Bauer und Nico Hofmann im Interview mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 1. September). Was heißen sollte: Wir denken in alle Richtungen, verbinden den stationären Bildschirm mit dem mobilen Internet und passen Filme und Serien daraufhin an.

          Für den nötigen Resonanzraum sollte gesorgt sein – mit den durch den Zwangsrundfunkbeitrag finanziell Richtung neuneinhalb Milliarden Euro pro Jahr üppig ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Sendern und den Rekordumsätze erzielenden Privaten. Sie haben alle Möglichkeiten. Doch was machen sie daraus? Wenig bis nichts, muss man mit Blick auf die Fiktion im Jahr 2015 sagen, vor allem was die Öffentlich-Rechtlichen angeht. Im ZDF läuft sonntags der klassische Wohlfühlfilm, samstags und montags laufen Krimis in allen Farben, von der Komödie bis zur hard-boiled-Variante à la Lars Becker und zu einer epischen Langzeiterzählung wie dem „Spreewaldkrimi“. Die Freitagsserien des ZDF sind, was sie schon immer waren: leicht zu konsumierender Stoff für die Generation fünfzig plus. Bei den neueren Serien am Samstag sticht das unkonventionelle Ermittlertrio von „München Mord“ heraus. Die Satire „Lerchenberg“ war ein positiver Ausreißer im Programm, ein zweiter war die Kurzserie „Schuld“ nach Ferdinand von Schirach. Doch das war es dann auch.

          Begossen: Marcus Mittermeier (links), Alexander Held und Bernadette Heerwagen spielen die Ermittler in „München Mord“.

          In der ARD gibt es den „Tatort“ und den „Polizeiruf“ und den „Polizeiruf“ und den „Tatort“. Vom „Tatort“ gibt es so viel, dass das Erste zu Weihnachten zwei hintereinander weg senden kann, ohne dass der Nachschub ins Stocken gerät. Hat man einen verpasst, kann man schnell auf die dritten Programme umschalten, die „Tatorte“ wiederholen, was das Zeug hält. In Form und Inhalt ist die Reihe multifunktionskompatibel und ein Sittengemälde der Gesellschaft, in dem sich tatsächlich – wie die gigantischen Quoten zeigen – ganze Generationen wiederfinden. Der „Tatort“ schickt weder die Kommissare in Köln noch die in München in Rente und erzählt die Lebensgeschichte der Kommissarin Lena Odenthal über Jahrzehnte hinweg. Deren Darstellerin Ulrike Folkerts hat gerade passenderweise in einer Talkshow gesagt, sie wolle auch nach der Pensionierung weitermachen, als eine Art „Miss Marple“. Und das war wohl nur halb im Scherz gemeint. Im Hamburger „Tatort“ setzt sich Til Schweiger im Dauergeballer als kleiner Bruder im Geiste von Bruce Willis in Szene. Und dann gibt es Exemplare wie das Münsteraner Comedy-Duo Boerne und Thiel alias Jan Josef Liefers und Axel Prahl, deren Witze allmählich ausleiern, oder auch ein Gespann wie Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar, deren Episoden die Gaga-Tradition der legendären österreichischen Serie „Kottan ermittelt“ wiederaufnehmen. Im „Tatort“, und abgestuft im „Polizeiruf“, ist alles möglich und alles erlaubt, die Zuschauer schalten gnadenlos ein, komme, was da wolle – selbst das Metafiktionsspiel um Ulrich Tukur als Ulrich Tukur am vergangenen Sonntag schreckte sie nicht ab.

          Kommen sich näher, rollenbedingt: Ulrike Folkerts und Jürgen Vogel im „Tatort“ aus Ludwigshafen.

          Da muss man sich beim Rest nicht besonders anstrengen. Womit nichts gegen den Mittwochsfilm der ARD gesagt sein soll, dessen Bandbreite die des „Tatorts“ noch übersteigt. Auf dem Sendeplatz am Freitag, den vornehmlich die zentrale Filmproduktionstochter der ARD, die Degeto, bespielt, geht es ansatzweise anspruchsvoller zu als in früheren Tagen, oftmals handelt es sich jedoch um das übliche Gemütlichkeitsfernsehen, das bei ARD und ZDF immer noch am besten funktioniert und für das eine Serie wie „Um Himmels Willen“ steht. Das „Traumschiff“ schippert selbstverständlich auch noch über die Meere.

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