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Literatur im Fernsehen : Kein Platz mehr für die Literatur

  • -Aktualisiert am

Julia Westlake moderiert die älteste Büchersendung im deutschen Fernsehen - voraussichtlich noch bis Dezember 2020. Bild: NDR/Dirk Uhlenbrock

Die geplante Einstellung des NDR-„Bücherjournals“ werten manche als fatales Zeichen. Die Begründungen wirken tatsächlich hanebüchen. Wird das Fernsehen seinem kulturellen Auftrag noch gerecht?

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          Der Norddeutsche Rundfunk muss aufgrund verschiedener Probleme in den kommenden vier Jahren 300 Millionen Euro einsparen. „Im Fernsehen wird es in erster Linie Einschnitte im Bereich Unterhaltung geben“, hieß es in einer Pressemitteilung des NDR. Wie das „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ herausfand, fällt diesen Einschnitten auch das seit mehr als dreißig Jahren ausgestrahlte „Bücherjournal“ zum Opfer.

          Jan Wiele
          (wiel), Feuilleton

          Inzwischen hat sich das Thema ausgewachsen, und es werden viele Stimmen laut, die in der Streichung des „Bücherjournals“ ein Symptom für die zunehmende Vernachlässigung von Literatur im Fernsehen erkennen, längst nicht nur beim NDR. „Nach Streichungen in den letzten Jahren etwa beim BR Fernsehen (,Lesezeichen‘, ,Lido‘, ,Südlicht‘, ,Gottschalk liest?‘), SWR Fernsehen (,Lesenswert Sachbuch‘) und ZDF (,Lesen!‘, ,Die Vorleser‘) gehen im Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vermehrt Sendeplätze für Buchthemen verloren“, heißt es im „Börsenblatt“. In den Programmen von ARD und ZDF haben Bücher „in den vergangenen Jahren massiv an Sichtbarkeit eingebüßt“, sagt die Vorsteherin des Börsenvereins, Karin Schmidt-Friderichs.

          „Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Auftrag zur Grundversorgung weiter ernst nehmen will, dann sollte es wissen, dass Bücher und die Vermittlung von Büchern ein zentraler Bestandteil der mentalen Grundversorgung sind“, wird der noch amtierende Rowohlt-Verleger Florian Illies zitiert. Dass „jetzt ausgerechnet wieder eine Sendung eingestellt werden soll“, ist laut der ehemaligen Literaturchefin dieser Zeitung und heutigen Piper-Verlegerin, Felicitas von Lovenberg, „ein Skandal“. Und der Diogenes-Verleger Philipp Keel stimmt schon den Abgesang an: „Es war einmal Kultur im Fernsehen.“

          Die Tricks der Verbrämung

          Thomas Rathnow, CEO der Verlagsgruppe Random House, bemerkt, dass Kultursendungen nicht teuer in der Produktion seien, und fragt sich, warum ausgerechnet hier gespart werden soll. Ähnlich lassen sich mehrere Buchhändler vernehmen. Auch der deutsche PEN hält laut einer Pressemitteilung die Einstellung des Bücherjournals für ein „fatales Zeichen“: Sie trage „zur Zerstörung unseres kulturellen Lebens bei“.

          Abgesehen davon, dass die Proteststimmen teils zum Kitsch und zu Floskeln neigen, ist die Kritik in der Sache gerechtfertigt. Um zu sehen, wie Fernsehprogramm-Macher zur Literatur stehen, ist es aufschlussreich, sich die genauere Begründung des NDR anzuschauen. Sie enthält typische Verbrämungs-Elemente, wie man sie von der Misere um die Kulturberichterstattung im Hessischen Rundfunk schon kennt.

          Da ist zum einen der Euphemismus, man hoffe, „die Inhalte der Literaturberichterstattung jenseits eines Sendeplatzes für mehr Menschen zeitunabhängig zugänglich zu machen“. Wer tatsächlich mehr Zuschauer will, könnte ja einfach auf beides setzen: lineare Ausstrahlung plus Mediathek. Das ist sehr wohl möglich, wie man anderswo sieht. Ohnehin ist fraglich, ob das lineare „Oldschool“-Fernsehen, gerade in Corona-Zeiten, wirklich so obsolet ist, wie gern behauptet wird.

          Warum nicht mal Literatur zur Primetime?

          Ferner begründete der NDR gegenüber dieser Zeitung: Weil es in der ARD mit „Druckfrisch“ ein Literaturmagazin gebe und Literatur keine regionalen Grenzen kenne, brauche man beim NDR kein „eigenes lineares Literaturmagazin“. Das ist eine Bankrotterklärung – mit diesem Hinweis könnte man ja das gesamte reiche Erbe der Kultursendungen in den „dritten Programmen“ einfach vergessen und für überflüssig erklären.

          Fast absurd scheint es ferner, dass der NDR gegenüber dem „Börsenblatt“ darauf hingewiesen hat, er organisiere mit „Der Norden liest“ eine „Off-air-Veranstaltungsreihe“ mit „zahlreichen Lesungen im Sendegebiet“. Das ist ja schön, aber was ist ein Sender, der nicht sendet?

          Mit geringem Marktanteil habe die Entscheidung nichts zu tun, lässt der NDR gegenüber dieser Zeitung auch noch wissen. Tatsächlich sind die Quoten von Literatursendungen selbst im Hauptprogramm nicht rosig, was freilich auch am Sendeplatz liegt. „Druckfrisch“ und das ZDF-Kulturjournal „Aspekte“ laufen sonntags um 23.45 Uhr beziehungsweise freitags nach 23 Uhr. Wenn man wirklich mal etwas riskieren wollte, warum nicht gerade jetzt, wo so oft die existentiellen Sorgen von Kulturschaffenden zu sehen sind, eine Literatursendung zur Primetime wagen? Ach, das geht ja leider nicht. Denn da käme, wenn man es eine Weile einfach machte, womöglich etwas heraus, was gar nicht gewünscht ist.

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