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Fernsehfilm von Dominik Graf : In der Malerei und in der Liebe

  • -Aktualisiert am

Er sucht Raubkunst, sie vergängliches Glück: Der Detektiv Philipp (Friedrich Mücke) und die Malerin Alma (Victoria Sordo) finden zueinander. Bild: BR

Mit dem meisterlichen Film „Am Abend aller Tage“ schließt Dominik Graf eine Trilogie um Kunst und Glauben ab. Er hat sich vom Fall des Sammlers Cornelius Gurlitt inspirieren lassen.

          3 Min.

          Einst war die Parole „L’art pour l’art“ ein Kampfbegriff. Wem nützt die Kunst? Wem gehört sie? Und was ist ihr Zweck? In Dominik Grafs neuem Fernsehfilm, der überaus sehenswerten melodramatischen Betrachtung „Am Abend aller Tage“, lassen sich diese Fragen mit demselben Recht auch an die Liebe richten – oder ans Gärtnern. Denn Hingabe gehört dazu, verdorrtes Gewächs zum Blühen zu bringen. Kunst, Liebe und Gartenkunst kommen im „hortus conclusus“ zusammen, einem klassischen Bildmotiv der Malerei, das auf das „Hohelied“ im Alten Testament zurückgeht. Die Braut ist dort ein verschlossener Garten und eine versiegelte Quelle. Man muss sie erkennen, damit sie sich aufschließt und hingibt.

          In Grafs Film verbirgt sich hinter einer abweisenden, eklektizistisch in allen möglichen Stilarten eingerichteten Münchner Villa ein vertrocknetes Etwas von Grundstücksfläche. Im verzweigten Haus selbst lagern in etlichen Räumen und Gängen wahre Schätze: Kirchners, Beckmanns, Müllers. Expressionismus, Alte Meister, Neue Sachlichkeit, nach keinem erkennbaren Prinzip geordnet, geschweige denn katalogisiert. Die Luftfeuchtigkeit dürfte eine aus konservatorischer Sicht eine Katastrophe sein. Raubkunst ist darunter, vermutlich, die restituiert werden müsste. Ein Bild lehnt am anderen. Mittendrin, unter ihnen, lebt zurückgezogen ihr Beschützer und Sachwalter Magnus Dutt (Ernst Jacobi). Er ist ebenso ein Phantom wie das Bild des (fiktiven) Expressionisten Ludwig Glaeden mit dem Namen „Die Berufung der Salomé“, das eine wichtige Rolle spielt.

          Konserviert werden soll nichts

          Gilt es als verschollen wie Franz Marcs „Turm der blauen Pferde“ oder das Bernsteinzimmer? In einem Frankfurter Hochhaus sitzen acht Greise im Halbdunkel am Konferenztisch einer Anwaltskanzlei. Die namenlose Wortführerin (Hildegard Schmahl), geheimnisvoll und rachebewegt wie ein Jugendstil-Erzengel, beauftragt den ehemaligen Angestellten Philipp Keyser (Friedrich Mücke) mit der Suche und dem Ankauf des Bildes. Es „klebe Leid daran“. Ob er Jude sei, interessiert die ansonsten schweigsame Runde.

          Von dem Bild existiert keine Abbildung, nur zwei Fotos bezeichnen die Leerstelle. Auf dem einen sieht man einen Rahmenabdruck aus Staub an einer Wohnzimmerwand, auf dem anderen ein weißes Rechteck als Platzhalter in einem Katalog samt Beschreibung dessen, was man nicht sehen kann. Geld spielt keine Rolle für die Beschaffung.

          Selbstmordabsichten: Alma hat ihren Lebenswillen verloren

          Keysers Auftrag scheint unmöglich: Aus dem Gerücht, dass es dem berühmten Kunsthändler Eckhart Dutt einst gehört habe, soll er ein Faktum machen und das Bild finden, es kaufen und seinen wahren Besitzern zurückgeben. Über den Umweg einer Galerie bekommt der Kunstdetektiv die Nummer von Dutts Großnichte Alma Kufferer (Victoria Sordo) heraus. Sie ist selbst Künstlerin und gestaltet Artefakte aus Lebensmitteln und Aktionen, die der Flüchtigkeit und dem Vergehen im Moment des Entstehens preisgegeben sind. Der Faktor Zeit spielt in ihrer Kunstproduktion eine entscheidende Rolle. Konserviert werden soll nichts, nicht einmal dokumentiert. Dass etwas zerstört wird, ist besser, als etwas aufbewahren und angaffen zu lassen.

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          Nach Maßstäben des Kunstmarkts erfolglos, verdient Alma ihren Lebensunterhalt in einer Großwäscherei, zwischen riesigen weißen Laken, die an Leichentücher erinnern. Am Ende des Films hängen dieselben blitzsauberen Tücher über den Möbeln der durchsuchten Villa. Alle Bilder sind fort. Überführt ins Depot, bewegt mit Gabelstaplern, registriert, beschlagnahmt von der Staatsanwaltschaft. Doch zuvor hat alles Entscheidende stattgefunden in diesem Film, der zoomt und mit Schärfen spielt, in dem München in der flirrenden Hitze des Sommers stets überbelichtet erscheint und das Innere der Villa dunkel geheimnisvoll und in dem Philip den Garten zum Leben erweckt. Dutts Leben mit seiner Kunst wird als Symbiose und Gespräch beschrieben und die Geschichte des assyrischen Königs Sardanapal zum Gleichnis aufgerufen. Alma, eine Anspielung auf Alma Mahler-Werfel, Salomé und die Braut im Hohelied, wird zur Liebenden.

          Die tragische Geschichte ist verschwenderisch gefilmt (Kamera Martin Farkas) und hinreißend geschrieben von Markus Busch. Sie wirkt wie der Abschluss einer Trilogie der Glaubens- und Kunstbetrachtung von Dominik Graf, mit „Das Gelübde“ um den Dichter Clemens Brentano und die Mystikerin Anna Katharina Emmerick als Beginn und „Die geliebten Schwestern“ über Friedrich Schiller und Charlotte und Caroline von Lengefeld als Mittelstück.

          In „Am Abend aller Tage“ nähert Graf sich mit der Figur des Magnus Dutt an den mit seinen Bildern lebenden, 2014 verstorbenen Schwabinger Sammler Cornelius Gurlitt an. Als Sonderling wird Dutt nicht gezeichnet, sondern als intellektueller Erbe der Kunstreligion des neunzehnten Jahrhunderts, als Anhänger des Auragedankens – und als großer Liebender. Inspiriert auch von der Novelle „Die Aspern-Schriften“ von Henry James, untersucht der Film in Bildbetrachtungen die unzeitgemäße Zwecklosigkeit von Kunst und Liebe und verachtet souverän alle Schwundstufen der Anbetung.

          Ein elitärer Film? In der unmittelbaren Zugänglichkeit seiner Bilder und Szenen ganz und gar nicht. Doch einer, der Konzentration einfordert und vielleicht sogar Hingabe verlangt.

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