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ARD-Film „Heute bin ich blond“ : Neue Frisur, neues Leben

  • -Aktualisiert am

Bild: ARD Degeto/Jürgen Olczyk

Tausend Pläne, dann eine Krebs-Diagnose: In „Heute bin ich blond“ ist die einundzwanzigjährige Sophie plötzlich mit ihrem Tod konfrontiert. Tiefgründige Psychologie ist von diesem Wohlfühlfilm allerdings nicht zu erwarten.

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          Leben, du kannst kommen! Sophie Ritter (Lisa Tomaschewsky) ist einundzwanzig Jahre alt und hat tausend Pläne. Sie will eine WG mit der besten Freundin gründen. Berauschenden, aber unverbindlichen Sex mit gutaussehenden Männern haben. Zum Studienstart ganz viel austesten, über die Fächerwahl kann man sich später sorgen. Erst einmal machen, herumprobieren, Möglichkeiten sondieren. „Heute bin ich blond“ beginnt mit einer rauschenden Silvesterparty in Antwerpen und Versprechungen für die Zukunft. „I couldn’t care less“ ist der passende Popsong zu dieser Exposition voller Lebenshunger, die an deutlichen Hochglanzbildern nichts zu wünschen übriglässt.

          Auftakt und Ansprüche an die Zukunft, die wenig später in Wartestellung geschoben werden müssen. Sophie, von hartnäckigem Husten seit Monaten geplagt, hat eine besonders aggressive, inoperable Form von Krebs am Brustfell, wie sich bei der Untersuchung herausstellt. Ihr Wunsch nach Aufbruch und Selbstbestimmung reduziert sich auf den Wunsch, danach weiterzuleben. Bei fünfzehn Prozent, ergibt die Internetrecherche, liegt ihre Überlebenschance.

          Das Haar bestimmt die Psychologie der Figur

          Auf den ersten Schock folgen die ersten Chemotherapien. Sophies Familie schließt sich wie eine Burg um sie. Mutter Inge (Maike Bollow) hat selbst Brustkrebs überlebt, sie organisiert den Behandlungsplan und die Pflegezuwendung. Vater Wolfgang (Peter Prager) plagt die Ärzte mit seiner Hartnäckigkeit. Schwester Saskia (Alice Dwyer) kocht gesund und unterstützt mit schwesterlicher Solidarität. Auch die beste Freundin Annabel (Karoline Teska) hält fest zu Sophie, selbst als die nach den ersten Chemos ihr Überleben durch exzessive Partys aufs Spiel zu setzen scheint. Aus dem besten Freund Rob (David Rott) wird der zärtliche Liebhaber. Und die Patientin?

          Von allen Seiten umsorgt: Sophie an der Seite ihres Vaters (Peter Prager, li.) und ihres Arztes Dr. Leonhard (Alexander Held, re.)

          Gehüllt in eine Wolke aus Zärtlichkeit und Solidarität – selbst der Pfleger ist zum Knutschen –, kümmert Sophie sich um ihre Frisur. Gleich zu Beginn widmet sich der Film mit Hingabe ihrem langen braunen Haar. Glänzend und gepflegt wird es geschüttelt und geschwungen und scheint mehr mit weiblichem Selbstbewusstsein zu tun zu haben als Brüste oder sonstige Geschlechtsmerkmale. Dramaturgisch bestimmt das Haar die Fallhöhe und die Psychologie der Figur. Sophie ist ihr Haar, und ihr Haar ist Sophie.

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          In „Heute bin ich blond“ scheint es, als wäre die Kahlköpfigkeit als Nebenwirkung der Chemotherapie das mit Abstand Allerschlimmste an einer Krebserkrankung. Die junge Frau, die sich neun verschiedene Perücken kauft, ihnen Namen gibt und mit jeder eine neue Facette ihrer Persönlichkeit aufsetzt, wird überleben. Im Gegensatz zu ihrer Freundin Chantal (Jasmin Gerat). Sophie schreibt über ihre neun Neuerfindungen in einem Blog, der Beachtung findet, und macht später ein Buch daraus. Selbst der schroffe Arzt Dr. Leonhard (Alexander Held, völlig unterfordert) streckt irgendwann die spröden Waffen und verehrt ihr ein denkwürdiges Geschenk. Am Ende, nach Ablauf der Jahresfrist, steht ein neues Silvesterfest mit veränderten Hoffnungen und gewandeltem Lebensmut.

          Den autobiographisch gefärbten Film (Regie: Marc Rothemund, Buch: Katharina Eyssen, Kamera: Martin Langer) strahlt das Erste im Rahmen der Reihe „Sommerkino“ aus. Man erwarte keine tiefgründige Psychologie von dem Wohlfühlfilm, der in die Schublade „Schicksal als Chance“ passt. Es ist ein stellenweise heiteres, meist aber stereotyp Klischees abarbeitendes Werk über eine persönliche Wiedergeburt. Alle, alle lieben sich, sehen noch gut aus im Leiden, das zudem von gutbürgerlich grundiertem Wohlstand bestens aufgefangen wird – man sehe sich nur die elterliche Villa in Hamburg an. Ein Elendsfilm ohne Elend, sicher passend für die gewollte Unbeschwertheit der Reihe „Sommerkino“. Deprimieren lassen kann man sich anderswo.

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