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Antisemitismus-Doku im Ersten : Eine notwendige Provokation

Der Blick über Gaza: Eine Szene aus der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ Bild: Preview Production

Arte, der WDR und die Dokumentation über Judenhass in Europa: Ein Film als überspitzte, teilweise nachlässig gearbeitete und doch notwendige Provokation – denn sein Fazit ist verheerend.

          3 Min.

          Sollte es sich bei dem Film, den das Erste heute Abend ausstrahlt, tatsächlich um das von Joachim Schroeder und Sophie Hafner verfasste Stück „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ handeln, haben die Kritiker des WDR und von Arte, die den Film zunächst abgelehnt hatten, in einem Punkt sicherlich recht: „Ausgewogen“ ist der Film nicht. Er ist an manchen Stellen überzogen, unübersichtlich, sprunghaft und, wenn man es so will, „einseitig“. Doch das ist er zu einem höheren Zweck. Er setzt die Steine eines Mosaiks zusammen, das zeigt, wie Judenhass heute aussieht, wer ihn befeuert und welches Ausmaß er in Europa erreicht hat, besonders in Frankreich. Dass so etwas nicht der „editorialen Linie“ von Arte entsprechen soll, wie es dessen Programmdirektor Alain Le Diberder gesagt hat, spricht insofern Bände, als der Sender den Film bisher kategorisch abgelehnt hatte, anstatt in die Feinarbeit zu gehen. Um diese hat sich auch der WDR nicht gekümmert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Film beginnt unvermittelt. Wir sehen den Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas vor dem EU-Parlament reden. Er spricht davon, dass die Israelis das Wasser der Palästinenser vergifteten und der Giftcocktail schließlich im Mittelmeer landete. Die Parlamentarier applaudieren der Rede, Martin Schulz vorneweg. Nun geht es in einem raschen Exkurs zu den Wurzeln des Antisemitismus in Europa und in der arabischen Welt, in Christentum und Islam, in Literatur und Philosophie bis zur Gründung des Staates Israel und der Einrichtung der palästinensischen Gebiete. Da geht es um den Herausgeber der nationalsozialistischen Hetzzeitung „Der Stürmer“, Julius Streicher, der bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurde, es geht um Mohammed Amin al-Husseini, den Großmufti von Jerusalem, der mit den Nazis paktierte, es geht um Luther, Goethe und Shakespeare in einer Tour d’Horizon, bei der man gerne einmal um Einhalt bitten würde.

          Gezeigt werden rechte und linke Antisemiten

          In der Beschreibung der Gegenwart findet der Film dann zu seiner eigentlichen Stärke. Er zeigt nämlich rechte und linke und muslimische Antisemiten. Er zeigt Prediger, die Judenhass verbreiten; Rapper, die offen Gewalt gegen Juden besingen, und er zeigt die große Anti-Israel-Koalition, die zum Boykott des Landes aufruft – weil es die Palästinenser unterdrücke. Er wirft die Frage auf, warum in Gaza so vieles im Argen liegt, obwohl UN, EU und Deutschland insbesondere seit Jahren Milliardenbeträge überweisen – aber nicht darauf schauen, was damit geschieht.

          Er beschuldigt Organisationen, die von der EU oder den Kirchen finanziert werden – hier taucht „Brot für die Welt“ auf –, nicht für die Sache der Palästinenser einzutreten, sondern Antisemitismus zu schüren. Was da von Linken und Rechten und vermeintlich coolen Rappern zu hören ist, spricht für sich. Bei der einen oder anderen Angabe indes mangelt es an Hintergrund, nachvollziehbarer Quellenkunde oder Widerrede. An einer Stelle fragt man sich gar, ob der Einsatz der versteckten Kamera bei einer Fahrt durch Gaza sein musste.

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          Das ist jedoch nichts, was sich im Laufe einer Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Produzenten nicht hätte verändern und verbessern lassen. Zu der kam es bekanntlich nicht. Stattdessen sagten erst Arte und dann der WDR ab. Letzterer will es jetzt allerdings, nachdem der Sender nicht mehr anders kann, als sich zu dem Film nicht nur durch Ablehnung zu verhalten, ganz genau wissen. Das vermittelt den Eindruck, dass es dem WDR zuvörderst darum geht, sein Gesicht zu wahren und die Filmemacher zu desavouieren.

          Das ist dem Thema, um es vorsichtig zu sagen, nicht angemessen. Der Film „Auserwählt und ausgegrenzt“ ist eine notwendige Provokation. Sein Fazit ist – mit Blick auf die Anschläge auf Juden in Europa und wiederum besonders in Frankreich – verheerend: Juden sind ihres Lebens in Europa nicht mehr sicher. Schaut man auf die Bagatellisierungen bei jedem einzelnen Vorkommnis wie etwa dem Rückzug des einzigen jüdischen Schülers von einer Schule in Berlin, der die täglichen Nachstellungen nicht mehr ertrug, wird klar, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine solche „Provokation“ nicht nur leisten kann, sondern leisten muss und sich anstrengen sollte, sie journalistisch so abgerundet wie möglich zu formulieren, will er seinem Auftrag gerecht werden. Wir dürfen gespannt sein, ob der WDR erkannt hat, worum es hier geht, und die Gelegenheit nicht nur nutzt, um an unbequemen Filmemachern ein Exempel zu statuieren.

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