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Culture-Clash-Komödie : Opa isst jetzt mit Stäbchen

Lauscherin an der Wand: Lamai (Mai Duong Kieu) bekommt zu hören, was im Dorf über sie getrascht wird. Bild: ARD Degeto/Kerstin Stelter

Eine Thailänderin mit rosa Rollkoffer landet in Bayern. Ihr frischangetrauter Mann stirbt, nun hat sie es mit dem knorrigen Schwiegervater zu tun. Es folgen neunzig Minuten flaue Witze. Sieht so eine Migrations-Komödie Marke ARD aus?

          2 Min.

          Es hätte alles so schön werden können in diesem Film, der eine Thailänderin mit rosa Rollköfferchen durch den oberbayerischen Schnee stöckeln lässt. Unverdrossen sagt sie auch noch: „Lamai bleiben“, als der nette Oberbayer, der sie aus dem Fernen Osten weggeheiratet hat, just einen Tag und eine Liebesnacht nach ihrer Ankunft tödlich erkaltet im Ehebett sitzt. Ein Lächeln zeichnet das Gesicht des Verblichenen Joe (Stefan Murr), in das Lamai (Mai Duong Kieu) mit buddhistischem Gleichmut blickt. Unten in der Bauernküche tobt derweil Michael Gwisdek als verbiesterter Schwiegervater. Das ganze Sinnen und Trachten des Witwers steht danach, die Ausländerin vom Hof zu jagen. Dumm nur, dass sie alles geerbt hat und ihm einzig das lebenslange Wohnrecht bleibt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine bitter-komische, absurde und im besten Sinne vorweihnachtlich herzwärmende Komödie hätte aus „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“ werden können, die im Kleinen durchspielt, was die Deutschen gerade im Großen bewegt: wie Fremde zu Familienmitgliedern werden können. Da ließe man sich, wäre der Film pointiert genug inszeniert, sogar alle Klischees gefallen. Dass die Asiatin hold und kampfkunstbeschlagen ist etwa und der grummelige Alte unter der rauhen Schale nur seinen butterweichen Kern verbirgt. Auch eine komplett vorhersehbare Dramaturgie wäre verzeihlich: erst die Konfrontation und der Komplott, dann die Annäherung (Stichwort: gemeinsame Feinde), auf halbem Weg zum Happy End rasch eine Krise, und zum Schluss wird alles heil.

          Schwiegertochter beäugt die Würstchen

          Doch was der Drehbuchautor Uli Brée, der zuletzt mit der Serie „Großstadtweiber“ auch eher Halblustiges ersonnen hat, und der Regisseur Sven Bohse servieren, wirkt lieblos zusammengerührt, und das aus vielerlei handelsüblichen Zutaten: für schwarze Komödien, Provinzpossen, Rührstücke und Wohlfühlfilme. Wenn der Film nicht weiterweiß, gießt er Musik über alles und rafft nach Art eines Werbespots wortlos Szenen zusammen: Opa isst mit Stäbchen, Schwiegertochter beäugt die Würstchen, Sohn der Schwiegertochter lacht in Zeitlupe beim Schlittenfahren, Toter küsst in einer Rückblende seine Zukünftige im Gegenlicht am Strand. Das hält emotional ein einigermaßen mutwillig konstruiertes Handlungsgerüst zusammen, in dem ein halbes Dutzend Knallchargen mal mehr, mal weniger unterhaltsam herumturnen.

          Auf den Schreck nimmt er erst einmal einen Schluck: Hans (Michael Gwisdek) muss sich neu sortieren.
          Auf den Schreck nimmt er erst einmal einen Schluck: Hans (Michael Gwisdek) muss sich neu sortieren. : Bild: ARD Degeto/Kerstin Stelter

          Nicht nur der alte Bauer - von dem wir uns eine gute Stunde lang fragen, warum ausgerechnet der Berliner Gwisdek ihn spielen muss, bis nachgereicht wird: Auch der böse Greis ist ein Zugereister, er kam aus der DDR - will Lamai loswerden. Joes Ex-Frau (Marlene Morreis), vielleicht von ihm schwanger, vielleicht von ihrem Neuen, dem Bestatter (Robert Palfrader), will sie aus dem Weg räumen, um selbst zu erben. Das könnte nur klappen, wenn Lamai als Erbschleicherin und/oder Prostituierte enttarnt wird. Beweise könnte eine DVD liefern, die den frustrierten Pfarrer (Simon Schwarz) und den Verstorbenen beim Partyexzess auf Thailand zeigt. Lamai holt ihre Mutter und ihren Sohn nach, der Sohn öffnet die Tür zum Herzen des Alten, ein Auto wird in Schwung gebracht, Schnaps gebrannt, alles ist lustig, bis der Film kurz das Genre wechselt, weil Lamai fast vergewaltigt wird. Schon hüpft der Film zurück ins Belanglose. Der Pfarrer hält eine Gardinenpredigt, die Polizistenfrau hört atemlos zu.

          Provinzklamotten leben davon, dass sie die Provinz kennen, doch dieser Film hat keine Ahnung vom Dorfleben. Schwarzer Humor trifft nur, wenn er schmerzt, und Witzfiguren wirken nur, wenn man sie ernst nehmen kann. Das gilt auch für rührende Charaktere. „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“ aber will bloß irgendwie ein bisschen schräg sein und ein bisschen von allem bieten. Das ist ein bisschen wenig, und da kann auch das gegen alle Widrigkeiten anspielende Ensemble nicht mehr viel retten.

          Fernsehtrailer : „Mein Schwiegervater, der Stinkstiefel“

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