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Das Ende von „Gottschalk Live“ : Es gibt kein langes Leben im kurzen

Kurzes Experiment: „Gottschalk Live“ wird eingestellt Bild: dapd

Die ARD-Intendanten beenden „Gottschalk Live“ schon am 7. Juni. Den Ausschlag gaben die schwachen Quoten. Thomas Gottschalk nahm das frühe Aus durchaus gelassen.

          Am Dienstag hat Thomas Gottschalk noch Witze gemacht und auf seine eigene Lage versteckt hingewiesen, auch wenn es um den Papst ging. Dass Benedikt XVI. gerade den fünfundachtzigsten Geburtstag gefeiert habe, zeige, „dass Gott denen ein langes Leben schenkt, an denen er seine Freude hat“. Andererseits gelte, da auch Margot Honecker fünfundachtzig wird: „dass Gott die Dinge nicht so eng sieht“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die ARD aber sieht die Dinge eng. Am Mittwoch haben die Intendanten bei einer Schaltkonferenz beschlossen, dass mit „Gottschalk live“ schon am 7. Juni Schluss ist. Der Vertrag, den die ARD mit Gottschalk geschlossen hat, sah vor, dass man im April, also nach vier Monaten, Bilanz ziehe und - falls diese negativ ausfiele - das vorzeitige Ende kommen könne. Da Gottschalk relativ konstant bei einer Einschaltquote von fünf Prozent verweilt und man auf das Doppelte gehofft hatte, war der worst case da.

          Besonders stark gemacht für Gottschalk hatte sich die ARD-Vorsitzende Monika Piel. Man wolle nun „in aller Ruhe gemeinsam über eine Zusammenarbeit in anderer Form nachdenken“, sagte sie. Es sei bedauerlich, dass „Gottschalk Live“ beim „Publikum nicht den Zuspruch gefunden hat, den wir diesem Format alle gewünscht haben. Es war ein Experiment, auf das sich Thomas Gottschalk mit seiner ganzen Persönlichkeit eingelassen hat.“

          Wie in der ARD üblich

          Das allerdings kann man von der ARD in toto nicht behaupten. Insofern ist das „wir“, von dem Monika Piel spricht, Ausdruck von Wunschdenken. Gottschalk hatte in der ARD von Beginn an mehr Skeptiker denn Befürworter hinter sich. Vor allem von Volker Herres, dem Direktor des ersten Programms, ist bekannt, dass er Gottschalks Quoten mit brennender Ungeduld verfolgte.

          Zu wenig Ideen für den schwierigen Vorabend-Sendeplatz: Mit dem Aus für „Gottschalk live“ erlebt der einstige Quotengarant eine bittere Niederlage Bilderstrecke

          Am vergangenen Wochenende wurde eine Quotenaufrechnung nach außen gespielt, die darauf hindeutete, dass Gottschalks das gesamte Vorabendprogramm, den Vorlauf zur „Tagesschau“, ja das Abschneiden des Ersten insgesamt beeinträchtige. Und schon vorher hatte es - wie in der ARD üblich - missdienliche Hinweise gegeben.

          Der Herbst der Fernseh-Patriarchen

          Gottschalk indes versuchte einen Neustart, bekam mit Markus Peichl einen erfahrenen Redaktionschef, wechselte die Studiodekoration, lud Zuschauer ein, war gar nicht mehr live, sondern aufgezeichnet, damit die Werbepausen, die er regelmäßig versemmelte, endlich passten und - fasste inhaltlich langsam Fuß. Doch nun ergeht es ihm trotzdem wie dem Kollegen Harald Schmidt bei Sat.1 - er muss gehen, bevor er beweisen kann, dass es mit ihm am schönsten ist. Das Frühjahr 2012 geht als Herbst der Patriarchen des deutschen Fernsehens in die Annalen ein.

          Man kann sicherlich Fehler bei Gottschalk und seiner jungen, hochmotivierten Truppe finden, doch grundlegend lag von Beginn an der Hase bei den Intendanten im falschen Pfeffer. Die Skepsis, dass eine solche Gesprächssendung im Vorabendprogramm das Richtige sei, war berechtigt, wurde aber eher hinter vorgehaltener Hand geäußert.

          Dafür wurde über Gottschalks frühes Ende schon vor der Zeit spekuliert, als es im vergangenen Monat hieß, die Sache sei besiegelt. Das sorgte für Schlagzeilen, tat aber weder Gottschalk noch der ARD gut, die sich darauf versteht, auch bei schlechten Nachrichten noch schlechter dazustehen als nötig.

          Das Publikum entscheidet

          Jetzt wird es spannend sein, zu sehen, ob das erste Programm ohne Gottschalk plötzlich als Gewinner dasteht und - wer sich das dann wieder zurechnet. Mit Gottschalk, den Eindruck darf man haben, ließen einige auch ganz gern die ARD-Vorsitzende Monika Piel vor die Wand laufen.

          Harald Schmidt macht über seinen vorzeitigen Dienstschluss bei Sat.1 längst nur noch gallige Witze. Das dürfte Thomas Gottschalks Stil nicht sein, der sogar Verständnis für den Schritt der ARD bekundet: Er nehme die „Entscheidung der Intendanten mit Bedauern zur Kenntnis, habe aber volles Verständnis dafür.“ Er sei sich des Risikos bewusst gewesen. „Über das Schicksal eines Fernsehmoderators entscheidet das Publikum“.

          Vielleicht hat Frank Elstner eine Idee für seinen „Wetten, dass ..?-Nachfolger Gottschalk. Der dürfte am Dienstag schon gewusst haben, was auf ihn zukommt. „Begrüßen Sie den Gipfelstürmer des Vorabends im Ersten“, wurde er angekündigt. Der Applaus im kleinen Studio war frenetisch. Vielleicht saß da auch Gottschalks Redaktion. Er jedenfalls wolle sich nun „über die Dinge des Lebens unterhalten“, sagte der Entertainer. Das muss er bald woanders tun.

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