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„Operation Finale“ bei Netflix : Das Ende der Jagd

  • -Aktualisiert am

Es ist als Kammerspiel angelegt, doch Beklemmung stellt sich in den fiktiven Gesprächen zwischen Peter Malkin (Oscar Isaac) und Adolf Eichmann, der von Ben Kingsley verkörpert wird, nur ansatzweise ein. Bild: Netflix

Netflix verfilmt die Entführung Adolf Eichmanns, gespielt von Ben Kingsley. An Emotionalität und Abenteuer fehlt es nicht. Dafür an der Tiefenschärfe.

          Adolf Eichmann, so insistiert anfangs nur der deutsche Staatsanwalt Fritz Bauer im Netflix-Spielfilm „Operation Finale“, war nicht bloß ein Bürohengst („pencil pusher“, im Original der MGM-Produktion), sondern immerhin der „Architekt der Endlösung“ („architect of the final solution“). Hitler, Himmler, Goebbels hatten sich durch eigene Hand der Anklage und dem rechtsstaatlichen Verfahren entzogen. Nun, da man Eichmann in Argentinien fünfzehn Jahre nach Kriegsende zweifelsfrei aufgespürt habe, gäbe es die einmalige Chance, den bislang der Gerechtigkeit Entzogenen in der Weltöffentlichkeit zu befragen – und auf Basis des Rechts den Prozess zu machen.

          Als Bauer (Rainer Reiners) in Tel Aviv im Büro des israelischen Geheimdiensts Mossad vorstellig wird, winken die Agenten müde und resigniert ab. Gerechtigkeit im Namen sechs Millionen ermordeter Juden? Man habe nun andere Aufgaben und limitierte Ressourcen. Wer garantiere schon, dass es dieses Mal der Richtige sei? Die Jagd sei zu Ende, nachdem schon falsche Eichmanns liquidiert wurden. Aber darum geht es Bauer gerade: Nicht um Rache, sondern um Recht. Vor einem israelischen Gericht, in Israel.

          Eine Premiere in der Geschichte der Juden

          Den Mossad braucht es, um Eichmann, der augenscheinlich von Altnazis und neurechten Sympathisanten in Buenos Aires beschützt werde, zu kidnappen und außer Landes zu bringen. Eine waghalsige Idee. In einer Kneipe diskutieren die Agenten beim Bier. „Wir machen ihn nur berühmt. Wir sollten ihn wie einen Hund erschießen.“ Der plötzlich in der Tür stehende israelische Ministerpräsident schwört sie auf die Mission ein: Eine historische Chance, eine Premiere in der Geschichte der Juden, nichts weniger sei in ihre Hände gelegt.

          Der Ausgang der Mission „Operation Finale“, den der Film in der Art eines Spannungsmelodrams zeigt, ist bekannt. Der Prozess gegen Adolf Eichmann, von dem Hannah Arendt eindrücklich berichtet hat und der damals im Fernsehen minutiös verfolgt werden konnte, fand in Israel statt. Es war der richtige Mann, und seine zur Selbstverteidigung vorgebrachten Äußerungen ließen Arendt das – stark kritisierte – Diktum vom „Schreibtischtäter“ prägen.

          Der echte NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann (2.v.l) während seiner Vernehmung am ersten Prozesstag (Archivfoto vom 11.04.1961) vor dem Bezirksgericht in Jerusalem

          In diesem Film, der vorwiegend auf dramatische Verdeutlichung und emotional aufladende Symbolik setzt, ist es ein bunt zusammen gewürfelter Haufen von zynischen, unglücklich verliebten und trauernden israelischen Agenten, die in Argentinien Eichmann schließlich am 21. März 1960 entführen und über Tage in einem „Safe House“ verstecken, da der Plan, ihn mit einer El-Al-Maschine heimlich auszufliegen, zu scheitern droht.

          Beklemmung stellt sich nur ansatzweise ein

          Kammerspielartige Szenen im geheimen Haus spitzen die Situation zu. Das Monster, ein Mensch? Der Spielfilm, der in Amerika auch im Kino zu sehen war, zeigt Eichmann als fürsorglichen Ehemann und liebevollen Vater seiner Söhne, darunter Klaus (Joe Alwyn), der ganz in rassebiologischem Wahn erzogen wird und als Nachwuchsideologe bei den Treffen der Exil-Nazis schon eine feste Größe ist. Es ist seine neue Freundin Sylvia (Haley Lu Richardson), eine Jüdin, die Eichmann zufällig identifiziert. Sein Gegenspieler ist Agent Peter Malkin (Oscar Isaac), der hier immer wieder an einem dunklen Waldbild malt und sich mit einer Klinge aus Solinger Stahl rasiert, derselben Klinge, die er Eichmann später an die Kehle setzt. An seiner Auslieferung hat der Mossad-Mitarbeiter ein unmittelbares Interesse – und versucht, in Gesprächen den Motiven des Gefangenen auf die Spur zu kommen.

          Beklemmung stellt sich in den fiktiven Gesprächen zwischen Peter Malkin und Adolf Eichmann, der von Ben Kingsley verkörpert wird, nur ansatzweise ein. Zu sehr Ausstattungsstück – so wirken die Männer wie mit „Mad Men“-Kostümen eingekleidet – und zu sehr auf Verfolgungsjagden und Agentenaction setzend, gewinnt „Operation Finale“ neben der Vermittlung von (fiktiv ergänzter) Ereignisgeschichte kaum Tiefenschärfe.

          Raum für Nachdenken über Eichmanns Rolle im Nazi-Regime oder auch Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Verschleppungsaktion im Namen des Rechts sind nicht beabsichtigt. Die Verbringung Eichmanns nach Israel ist hier einfach ein starkes Stück meistens resignierter, erst auf den zweiten Blick tollkühner Agenten ohne Fehl und Tadel (Regie Chris Weitz, Buch Matthew Orton, Kamera Javier Aguirresarobe). Der Eichmann-Prozess war ein historisches Novum, wichtig und erhellend zugleich. Seine Voraussetzungen als rein abenteuerliches Husarenstück aufzubereiten, wirkt nur in Maßen verdienstvoll.

          Operation Finale, von Mittwoch an bei Netflix

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