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Gespräch mit Martina Gedeck : „Ich ertrage diese Storys nicht mehr“

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Bild: ARD

Im Fernsehfilm „Das Ende der Geduld“ spielt Martina Gedeck eine Jugendrichterin in Neukölln. Im Gespräch erklärt sie, warum sie Kirsten Heisig, das reale Vorbild für die Figur, nicht als Märtyrerin sieht.

          Der Tod der Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig vor einigen Jahren hat sie zur Märtyrerin gemacht. Mit dem „Neuköllner Modell“ wollte sie straffällig gewordene Jugendliche zügig vor Gericht bringen und wurde dabei in der Öffentlichkeit als „Richterin Gnadenlos“ bekannt. Plötzlich standen statt der arabischen Jugendlichen die liberale Justiz und eine Gesellschaft, die sich vor den Realitäten einer Parallelgesellschaft drückt, vor Gericht. Kurz vor ihrem Tod hat sie das Manuskript zu ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ abgegeben, das vier Wochen später erschien und sofort zum Bestseller wurde. Ein Film über Kirsten Heisig sträubt sich jetzt gegen Gettokitsch und stellt ganz nebenbei die Frage nach dem Preis, den wir für ein unbehelligtes Leben zahlen wollen.

          Der Tod von Kirsten Heisig 2010 ist bis heute ein Rätsel, das auch im Film nicht gelöst wird. Wie erklären Sie sich ihren Tod?

          Ich will ihn mir nicht erklären, das wäre auch gar nicht möglich. Da aber alle ihr nahestehenden Menschen von Suizid ausgehen, folgt der Film dieser Auffassung. Meiner Meinung nach ist es für unseren Film nicht wichtig. Egal, ob Selbstmord oder Mord: Es bleibt ein Gewaltakt. Und beim Zuschauer das Gefühl: „Das hätte nicht passieren dürfen.“

          Wie groß war die Gefahr, im Vorzeigegetto Neukölln die Vorzeigerichterin Kirsten Heisig zum Vorzeigeopfer zu machen?

          Moment, Neukölln ist kein Klischee. Und Kirsten Heisig ganz sicher kein Opfer. Der Film greift den Fall eines Jungen mit arabischem Hintergrund heraus. Diese Clans fordern einerseits den Staat mit all seinen Leistungen und Vorteilen ein. Andrerseits gilt für sie nur die eigene Gerichtsbarkeit, sie wollen die Dinge unter sich regeln . . .

          ... weshalb sich die Jugendlichen von deutschen Richtern nicht beeindrucken lassen, die wiederum die bestehenden Gesetze des Strafgesetzbuches nicht ausnutzen.

          Diese Kids sind sehr stolz, nicht nur wenn sie in einem Zweikampf gewinnen oder jemandem eine Abreibung verpassen, sondern auch vor Gericht. Das hat mir eigentlich gefallen. Es wäre gut, wenn sie auch noch andere Werte kennenlernen würden als jene, die auf der Straße gelten. Das sollte die Schule eigentlich leisten können.

          Kirsten Heisig hat nicht nur das Neuköllner Modell, das beschleunigte Verfahren gegen kriminelle Jugendliche erlaubt, durchgesetzt, sondern sich auch noch abends als „Sozialarbeiterin“ in ihrem Bezirk „herumgetrieben“, wie es ihr ihr Vorgesetzter vorgeworfen hat.

          Sie hat auf Elternabenden versucht, mit den Müttern der Jugendlichen zu sprechen. Als Richterin genoss sie Autorität. Sie hat auch den Datenschutz kritisiert, der es nicht erlaubte, Handynummern von Schülern, die dabei waren, abzurutschen, weiterzugeben. Sie sagte, ihr macht es euch alle zu einfach. Vielleicht, so stelle ich es mir vor, dachte sie auch, wir dürfen uns nicht so arrogant hinter unseren Akten verstecken und uns abschotten.

          Man warf ihr vor, durch ihren Einsatz für die Täter die richterliche Neutralität zu verlieren. Ist das nicht das Dilemma jedes engagierten Jugendrichters?

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