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„Das Dorf des Schweigens“ im ZDF : Die Wahrheit ist immer eine Zumutung

  • -Aktualisiert am

Eva (Petra Schmidt-Schaller, l.) ist hin und her gerissen: Leidet ihre Schwester Lydia (Ina Weisse) wirklich unter Schizophrenie oder erzählt sie doch die Wahrheit? Bild: ZDF und Jürgen Olczyk

In „Das Dorf des Schweigens“ kehrt eine Frau aus Amerika in ihren Heimatort in Österreich zurück. Sie will die Lebenslügen der Familie beenden. Und leitet deren endgültigen Zerfall ein.

          Manchmal ist die Wahrheit dem Menschen nicht zumutbar, sagt der Patriarch der Familie in diesem modernen Heimatfilm des Regisseurs Hans Steinbichler („Hierankl“). Helmuth Lohner spielt diesen Hans Perner, Hotelbesitzer in Bad Gastein. Ein Kurort mit verblichenem Charme und Luxuspensionen, die bessere Zeiten gesehen haben, umgeben von hoch aufragenden, zerklüfteten Bergen, von denen Schiller gesagt hätte, dass sie das Erhabene verkörpern. Das, was den Menschen verstört und beunruhigt. Das Erhabene, das nicht Fassbare, das den Menschen Kleinmachende.

          Für Helmuth Lohner war es die letzte Rolle. Kurz vor der Premiere des Films „Das Dorf des Schweigens“ beim Münchner Filmfest verstarb der Schauspieler und Regisseur. Es liegt nahe, Rolle und Person im Vermächtnis zu vermengen. Und es wäre nicht verkehrt. Denn Lohner zeigt in sparsamer, zielsicher treffender Mimik und Gestik, was seine Schauspielkunst ausmachte: wahrhaftig zu erscheinen in der Lüge, erkennbar zu bleiben in dem Betrug, der liebevolles Zusammenleben und Fürsorge häufig nur genannt wird.

          „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagte Ingeborg Bachmann. Anlässlich ihrer Dankesrede bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden führte sie aus, was man vom Dichter fordern muss. Es geht darum, in den Stand gelangen zu können, in dem einem die Augen durch die Wahrheit aufgehen. Wahrheit bedeutet die Wiedergewinnung des individuellen Handlungsspielraums. Nur wer sich zur Wahrheit verhalten kann, gewinnt Freiheit im Denken und Handeln.

          Eine Tragödie mit archaischer Wucht

          Als Lydia (Ina Weisse) nach Jahrzehnten der Abwesenheit aus Amerika nach Bad Gastein zurückkehrt, hat man längst den gnädigen Schleier des Vergessens über ihre Person gebreitet. Ihre Halbschwester Eva (Petra Schmidt-Schaller) arbeitet als Ärztin im Heilstollen tief im Berg, abgeschnitten vom Tageslicht, Mutter Karin (Hildegard Schmahl) und Stiefvater Hans Perner (Helmuth Lohner) unterhalten das ehemalige Luxushotel Miramonte, so gut es eben geht. Lydia ist das schwarze Schaf, die Labile, die Unruhestifterin in der Familie. Der blinde Fleck. Als Jugendliche unternahm sie einen Selbstmordversuch, verbrachte Zeit in der geschlossenen Psychiatrie, bevor sie zur Beruhigung aller komplett verschwand. Zur bevorstehenden Hochzeit ihrer Schwester mit dem Lehrer Christian (Simon Schwarz) kehrt sie als Nemesis zurück: Hat Christian Lydia als Vierzehnjährige wirklich vergewaltigt? Und wer ist verantwortlich für das Schicksal, das Christian nun ereilt? Die Familie zerfällt, es ist wie eine Apokalypse. Ist die Wahrheit dem Menschen zumutbar? Und ist sie ihm auch zuzutrauen?

          Helmuth Lohner bei einem Interview in Wien, 2012. Der österreichische Schauspieler verstarb im Juni letzten Jahres.

          Die Frage nach dem Bild hinter der bürgerlichen Fassade stellen Martin Ambrosch (Buch), Hans Steinbichler (Regie) und Bella Halben (Kamera) in „Das Dorf des Schweigens“ mit bildmächtiger Wucht und dramaturgischer Konsequenz. Der Schauplatz hilft ihnen dabei nicht wenig. Antike Tragödie trifft das Verschweigen der Nachkriegsgeneration des Zweiten Weltkriegs. Ina Weisse sah man bislang nie so verletzlich, Petra Schmidt-Schaller noch nie so berührend. Allein aber schon das Spiel der älteren Generation, die überdeutliche Sparsamkeit der Darstellung Helmuth Lohners und Hildegard Schmahls, lohnt das Einschalten. Mit „Das Dorf des Schweigens“ legt Hans Steinbichler eine Tragödie vor, die archaische Wucht besitzt.

          Das Dorf des Schweigens läuft an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF.

           

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