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Film „Die Klasse – Berlin ’61“ : Dann kam die Mauer, und das Abitur war weg

  • -Aktualisiert am

Stacheldraht auf dem Schulweg: In einer Szene aus „Die Klasse – Berlin ’61“ stehen Eckhardt (Johannes Klaußner) und Anke Isabel Bongard) am Grenzzaun. Bild: NDR/Anna Schwarz

Als ihnen 1958 die Oberschule der DDR verschlossen blieb, gingen sie eben auf Schulen in West-Berlin. Das Dokudrama „Die Klasse – Berlin ’61“ zeigt, was mit Schülern aus Ost-Berlin geschah, nachdem die Mauer gebaut wurde.

          Berlin Ost, fünf Jahre vor dem Mauerbau. Als Rüdiger (Vincent Redetzki) vom Lehrer sein Zeugnis überreicht wird, liegt der Fall klar. Keine Empfehlung für die Oberschule trotz bester Noten. Kein Klassenstandpunkt, noch nicht einmal ein FDJ-Hemd. Zum Aufbau des Arbeiter-und-Bauern-Staates werden politisch Zuverlässige benötigt. Rüdiger, als Zeitzeuge Jahrzehnte später befragt, sagt es im Dokudrama „Die Klasse - Berlin ’61“ nüchtern: „Ich habe unangenehme Fragen gestellt. Gegen den Stachel gelöckt.“ Aber er will Arzt werden. Ohne Abitur kann er nur zum Bau gehen oder in die Landwirtschaft.

          Wie geht nun diese, von Michael Klette (Buch) und Ben von Grafenstein (Buch und Regie) dokumentarisch dargestellte, gleichzeitig dramaturgisch verdichtete Lebensgeschichte Rüdigers weiter, und wo führt sie hin? Uwe Johnson beschreibt in „Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953“ eine ähnliche Konstellation. Nach ihrer Rede zur Verteidigung einer Mitschülerin wird Ingrid in einer scheindemokratischen Abstimmung nicht nur aus der FDJ ausgeschlossen, der Zwölftklässlerin wird das Betreten des Schulgeländes untersagt. Sie flieht schließlich mit ihrem Jugendfreund Klaus Niebuhr. Das Manuskript, obwohl 1957 schon an Peter Suhrkamp gesandt, erscheint erst 1985 in gedruckter Form. War Suhrkamp die ostdeutsche Schulgeschichte für sein westdeutsches Publikum nicht interessant genug?

          Eine reine Ost-Klasse in Neukölln

          Zum 25. Geburtstag der Wiedervereinigung werden nun auch solche innerdeutschen Schauplätze beleuchtet. „Die Klasse“ strukturiert das Thema mit in den Erzählfluss eingebauten informativen Interviewszenen. Die Spielhandlung illustriert und belebt dabei nicht nur die Historie und verdoppelt das Gesagte gleichsam, wie so oft im Dokudrama, sondern überzeugt durch ihre eigenen Qualitäten. Hochwertig ausgestattet (Szenenbild Anette Kuhn, Kostümbild Petra Neumeister), beeindruckend gespielt und gefilmt (Kamera Raphael Beinder, Luciano Cervio und Sebastian Lempe), können hier sogar einmal Sounddesign (Max von Werder) und Musik (PC Nackt) überzeugen.

          Es geht um sechs junge Leute, denen 1958 die Oberschule der DDR verschlossen bleibt. Für sie aber, berichten sie, ist das zunächst kein Drama, es wird erst eins im August 1961, durch den Mauerbau, der Berlin nicht nur zur geteilten Stadt macht, sondern die Schulkarrieren und damit die Zukunftsaussichten dieser sechs mehr oder weniger stark beschädigt. 1958 gibt es noch die Option, nach West-Berlin zur Schule zu fahren. Gefördert wird dies auch durch den westdeutschen Staat. In der Neuköllner Kepler-Schule beispielsweise gibt es reine Ostklassen. Rüdiger, Christian (Alexander Pensel) und Eckhart (Johannes Klaußner) fahren mit der S-Bahn von Ost nach West und zurück, jeden Tag. Sie bilden mit Heidi (Sarah Horváth), Eva (Jella Haase) und Anke (Isabel Bongard) eine Clique, deren Grenzgängertum trotz mancher Zwischenfälle mit DDR-Staatsorganen eher abenteuerlich anmutet. Nach und nach siedeln einige von ihnen über. Andere, wie Rüdiger, haben ihre Gründe, im Osten zu bleiben.

          Spiegel der Geschichte

          Im Juni 1961 bereiten sich alle auf das schriftliche Abitur vor, danach geht es auf Klassenfahrt in den Westen. Im August, kurz vor dem Mündlichen, ist Ost-Berlin über Nacht abgeriegelt und das Abitur in die Ferne gerückt. Rüdiger muss sich im Tiefbau bewerben und arbeitet direkt am Stacheldraht, wo ihn die Klasse mit ihrer Lehrerin Lessmann (Maren Eggert) aus dem Westen mit dem Abiturzeugnis überrascht. Beim Fluchtversuch verraten, wird er später zu sieben Jahren Haft verurteilt. Die Verhörszenen mit seinem Stasioffizier (Uwe Preuss) gehören zu den beklemmendsten des Films. Christian gelingt die Flucht, er schwimmt durch die Havel. Heidi bleibt in Potsdam zurück.

          Noch immer trifft sich die Abiturjahrgangsklasse 61 alle zwei Jahre. Die Zäsur, die der Mauerbau für sie bedeutete, spiegelt die deutsche Geschichte im Konkreten.

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