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Dokudrama über Bertolt Brecht : Für sich wollte er alles zugleich, aber für die anderen?

Schreib das auf, Bertolt: Burghart Klaußner spielt Brecht, den Älteren, der schon frühmorgens am Schreibtisch sitzt. Bild: © WDR/Nik Konietzny

Wer wissen will, wie Bertolt Brecht wirklich Theatergeschichte schrieb, muss sich Heinrich Breloers Rekonstruktion seines Lebens anschauen. Ein besseres Dokudrama sehen wir so schnell nicht.

          Wer immer nur klagen will über das hiesige Fernsehen, muss an diesem Abend den Mund halten oder ihn offen stehen lassen vor Staunen. Fast zwei Jahrzehnte nach „Die Manns“ und knapp anderthalb nach „Speer und Er“ kehrt der Groß- und Altmeister des deutschen Dokudramas, Heinrich Breloer, mit „Brecht“ zurück auf den Bildschirm, einem „Film in zwei Teilen“ über einen Klassiker, mit dem sein Regisseur und Autor beweist, dass er in seinem Metier längst einen ebensolchen Rang einnimmt. Ohne Patina angesetzt zu haben.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sein halbes Leben trägt Breloer den Brecht-Stoff schon als Filmemacher mit sich herum. 1978 drehte er „Bi und Bidi in Augsburg“, eine Dokumentation über den jungen Dichter Eugen Berthold Friedrich Brecht und dessen erste große Liebe. Seither hat Breloer nicht mehr aufgehört, Material zu sammeln: Stimmen aus dem engsten Kreis des Mannes, der auszog, das Theater zu revolutionieren, um die Welt zu verändern; Fotos, Filmaufnahmen, Tondokumente und Artikel aus den Zeitungsarchiven. Breloer wühlte sich durch Brechts Texte und Probenmitschnitte, suchte und fand schon in den siebziger Jahren noch lebende Freunde, Geliebte und Mitarbeiter Brechts, ließ sie vor der Kamera erzählen und ergänzte das Ganze durch Protokolle von Interviews, die andere mit Weggefährten geführt hatten.

          Kein Mann, der heute Vorbild wäre

          Statt Oberflächen anzustrahlen, tritt Breloer mit seiner Recherche hinter die Kulissen des epischen Theaters, in dem Brecht Zeit seines Lebens die selbststilisierte Hauptrolle spielte, und fragt, auf welcher menschlichen Basis der Überbau dieses Werks entstanden ist. Und wie, ganz dialektisch, die Verhältnisse auf den Dichter und Regisseur zurückwirkten. Das geschichtsklitternde Spiel der „Entkommunisierung“ Brechts und anderer Verklärungen macht Breloer nicht mit. Bei ihm tritt kein Mann auf, der heute als Vorbild gefeiert würde, kein Demokrat, kein Wegbereiter der modernen Unterhaltungsindustrie, keiner, der die MeToo-Debatte überstünde. Wir sehen vielmehr einen wandelnden Widerspruch, der Anziehung und Abstoßung gleichermaßen provoziert. Verkörpert wird er in den Spielszenen in frühen Jahren von Tom Schilling, in den mittleren bis zu Brechts Tod von Burghart Klaußner.

          Brecht (Tom Schilling) und seine Geliebte Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch)

          Die Wahl dieser beiden Hauptdarsteller, von denen jeder einen der beiden anderthalbstündigen Filme trägt, erweist sich als Glücksfall. Schilling strahlt das richtige Maß an jungenhaft schüchternem Größenwahn aus, vor dem Eltern wie Lehrer die Waffen strecken, dem das „bittersüße“ Mädchen Paula Banholzer (Mala Emde) verfällt und der Schulkameraden nicht zweifeln lässt, dass sie ein Genie in ihren Reihen haben. Es geht um die Liebe im ersten Teil, die nach Brecht dauert oder eben nicht, aber es geht noch um viel mehr. Breloer entrollt ein zeitgeschichtliches Panorama der Jahre 1916 bis 1933: Vom Einbruch des Ersten Weltkriegs in das bürgerliche Elternhaus über erste Erfolge des Humanmedizin-Studienabbrechers in München, den Blutmai 1929 in Berlin als politisches Erweckungserlebnis bis zur Emigration des für seine „Dreigroschenoper“ gefeierten Theaterschriftstellers nach der Machtübernahme Hitlers spannt sich der Bogen. Breloers sparsam von einer Erzählerstimme ergänzte Montagen lassen hintersinnig auch Ungereimtheiten aufblitzen: „O, der Lügner, der Lügner!“, ruft Paula Banholzer aus, schüttelt den Kopf und wirkt doch hingerissen, als sie liest, dass Brecht geschrieben hat, er habe ihr das Schwimmen beigebracht.

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