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Zukunft des Hörfunks : Das Radio von morgen haben wir schon heute im Ohr

  • -Aktualisiert am

Medien, die nicht mobil zu haben sind, landen bei Lesern, Hörern und Zuschauern von einer bestimmten Altersgruppe an im Abseits. Steht der digitale Hörfunk dem entgegen? Bild: dpa

Über das digitale Radio zu reden ist gut. Doch der Trend der Zukunft ist Radio im Netz und auf Smartphones. Ob die Politik das mitbekommt? Sie maßregelt immer die Falschen. Ein Gastbeitrag.

          Auch der Hörfunk kann sich der digitalen Transformation nicht entziehen. Das Mediennutzungsverhalten der Menschen verändert sich. Sie schalten zwar annähernd so häufig das Radio ein wie in früheren, rein analogen Zeiten - aufgrund des veränderten Wettbewerbsumfelds können sie aber aus einer unendlichen Vielfalt an Angeboten auswählen. Neue Dienste drängen auf den Markt, die Interaktion, Information und Unterhaltung bieten. Die Menschen greifen zudem immer weniger auf kuratierte lineare Angebote zurück und stellen sich ihre Inhalte lieber eigenständig zusammen. Gleichzeitig besteht eine endliche Aufmerksamkeitsspanne in der Mediennutzung. Dies hat naturgemäß auch Auswirkungen auf den klassischen Hörfunk.

          Zudem nimmt die mobile Nutzung zu, und das Smartphone ist längst zum Dreh- und Angelpunkt der Menschen geworden. Social Media macht inzwischen einen Großteil der über mobile Endgeräte genutzten Dienste aus. Auffällig ist, dass neben Facebook auch neue Plattformen schnell große Reichweiten aufbauen können: Snapchat ist aktuell ein gutes Beispiel für eine Social Media-Marke, die junge Nutzer an sich bindet und für Medienanbieter mit jüngeren Zielgruppen bereits ein wichtiges Interaktionstool ist. Diese Entwicklungen zu ignorieren wäre fatal. Zu groß sind die dadurch ausgelösten Umbrüche für klassische Medien. Die sich daraus zwingend ergebende Frage ist: Wie gelingt es, den Hörfunk fit für die digitale Zukunft zu machen?

          Radio ist online

          Das veränderte Nutzungsverhalten in Zeiten der Transformation verdeutlicht, dass Radio sich künftig immer weniger an einem einzelnen Übertragungsstandard wird festmachen lassen, sondern auf eine Vielzahl verschiedener Verbreitungswege und Plattformen setzen muss. Heute und auch in mittelfristiger Zukunft schafft der Übertragungsstandard UKW - weit vor der Verbreitung über Kabel und Satellit - durch seine enormen Reichweiten die wichtigste Grundlage der Finanzierung privater Hörfunkangebote. Gleichzeitig steigt die Online-Nutzung der Radioprogramme deutlich an. DAB+ ist als Verbreitungsweg aufgrund der geringen Marktdurchdringung der Empfangsgeräte als eher nachrangig zu betrachten.

          Es wäre daher kontraproduktiv, DAB+ politisch flächendeckend zu verordnen, denn mit einem lediglich um das Attribut „digital“ aufgewerteten terrestrischen Übertragungsstandard ist den oben beschriebenen Entwicklungen im Hörermarkt nicht zu begegnen. Die digitale Terrestrik bietet keinen signifikanten Mehrwert, insbesondere nicht für die Zielgruppen, die verstärkt Radioangebote und Zusatzdienste über ihr Smartphone nutzen und dort Personalisierung, Interaktion, Multimedialität und Vielfalt erwarten. Zudem drohen durch eine zwangsweise Migration erhebliche Hörerverluste: Dies liegt daran, dass ein regulierter Umstieg zwingend mit einem UKW-Abschaltdatum in nicht allzu ferner Zukunft verbunden wäre. Diese Notwendigkeit hat die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (Kef) jüngst für ARD und Deutschlandradio festgestellt, um die Beitragszahler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht mit doppelten Verbreitungskosten für UKW- und DAB+-Radio zu belasten. Sie hat auch betont, ein digitaler Standard wäre nur gemeinsam mit dem privaten Hörfunk erfolgversprechend. Da es mehr als unwahrscheinlich ist, dass die vorhandenen hundertvierzig Millionen UKW-Radios in Haushalten und Autos nahtlos ausgetauscht und durch DAB+-fähige Geräte ersetzt werden, würden nach dem Umstieg auf DAB+ deutlich weniger Menschen Radio hören. Anstatt sich ein neues Gerät zu kaufen, mit dem sie lediglich Radio hören können, weichen sie absehbar auf ihre Smart Devices aus, über die ihnen bereits heute eine große Auswahl an Audioangeboten zur Verfügung stehen. Viele könnten sich dann endgültig von den klassischen linearen Radioprogrammen entfernen und beispielsweise Musikdienste in Anspruch nehmen, während sie ihren Info-, Service- und Unterhaltungsbedarf an anderer Stelle im Netz abdecken.

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