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Sat.1-Film: „Nackt“ : Die verteidigte Ehre der Lara Wilms

  • -Aktualisiert am

Eine böse Überraschung: Als ein Nacktbild von ihrer Tochter Lara (Aleen Kötter, rechts) im Internet veröffentlich wird, ist Charlotte (Felicitas Woll) schockiert. Bild: Sat.1

Der Film „Nackt“ will zugleich ein Drama über Cybermobbing und ein Hacker-Thriller sein. Das dient der Spannung, kaschiert aber auch, wie unterkomplex es hier zur Sache geht.

          Der vorherrschende Ton dieses Films mit seinem marktschreierischen Titel wird in den ersten Sekunden gesetzt. Beklemmung, Aufruhr und Kontrollverlust bestimmen ihn. Eine offensichtlich zu allem entschlossene Mutter – Felicitas Woll in einer emotionalen Paraderolle – stürmt am späten Abend mit einem Messer auf einen vor dem Haus geparkten Kastenwagen zu, weil sie darin einen Angreifer vermutet, der sich ins Heimnetz der Familie einhackt. Das ist rührend in seiner Hilflosigkeit, schließlich finden die Angriffe mit dem Tatmittel Internet, wie Cyberkriminalität im Polizeijargon heißt, in der Regel von entfernten Weltregionen aus statt. So blickt Charlotte Wilms auch nur einem ertappten Liebespaar in die Augen, bemerkt aber, wie ein Mann aus reiner Gewohnheit sein Smartphone zückt, um diese Situation festzuhalten – ein erster gewollt wirkender Drehbucheinfall, von denen es hier einige gibt. Charlotte rastet aus, entreißt ihm das Handy und trampelt verzweifelt darauf herum: „Das macht alles kaputt. Alles macht das kaputt.“

          Hinzu kommt eine düstere Vorahnung. Diese hat damit zu tun, dass als Inspiration für den von Anne-Marie Keßel geschriebenen Film „Nackt. Das Netz vergisst nie“ der todtraurige Fall der Amanda Todd diente. Die kanadische Schülerin hatte im Jahre 2012 nach jahrelangem Cybermobbing aufgrund eines unbedarften Nacktbilds Suizid begangen. Somit ist man sofort in einer angemessen deprimierten Stimmung, um sich dem hier zwar fernsehfilmmäßig zurechtgezupften, aber leider tatsächlich existierenden Horror mitmenschlicher Niedertracht auszuliefern. Doch schon lockert der Film den Griff, springt zurück in die sorglosen Tage vor dem Auftauchen einiger für den Freund gemachten Handy-Nacktfotos der jugendlichen Tochter Lara (Aleen Kötter) auf einer erpresserischen „Racheporno“-Website. Beim Darstellen von Standardsituationen geben sich Jan Martin Scharf (Regie) und Markus Eckert (Kamera) nicht sonderlich viel Mühe: Glück etwa erkennt man an Sonnenschein und Pfannkuchen, schäkernden Eltern und niedlich verliebter Tochter.

          Holzschnittartige Mobbingszenen

          Schnell erschüttert das Auftauchen besagter Bilder die Fundamente dieser Zufriedenheit. Dass es für Vater Marcus (Martin Gruber) augenblicklich auch beruflich bergab gehen muss, ist der Unsitte geschuldet, im deutschen Fernsehen gern mit zu viel Geschmacksverstärker zu kochen. Die Familie zahlt die geforderten fünfhundert Dollar Lösegeld, aber wie der Filmtitel schon suggeriert, sind die gelöschten Fotos kurz darauf wieder online. Weil ein Mitschüler sie verlinkt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Die Mobbingszenen sind ziemlich holzschnittartig geraten und dazu mau gespielt: Die gesamte Schülerschaft umringt das Opfer noch am selben Tag, um im Chor Schmähungen über intime Details auszustoßen, und der Freund (Niklas Nißl) macht auf der Stelle mit Lara Schluss. Das läuft in Wirklichkeit dann wohl doch ein wenig subtiler, perfider und vor allem anonymer. Immerhin deutet der Film an, dass auch die Kommentare in Sozialnetzwerken eine gewisse Rolle spielen.

          Man kann den Filmemachern zugutehalten, den Fokus nicht auf das Mobbing selbst gelegt zu haben, sondern auf die Überforderung, die eine solche Situation für die Eltern bedeutet. Vor allem die Mutter steigert sich so sehr in den Kampf gegen den in Burma registrierten Websitebetreiber, dass sie sich zunehmend von der eigenen Familie entfernt. Diese dramaturgische riskante Entscheidung ist verständlich, weil ähnliche Cybermobbing-Plots schon oft verfilmt worden sind, hervorragend etwa von der ARD mit „Homevideo“ (2011), wo über die Rolle des phantastisch agierenden Jonas Nay ein sehr viel genauerer Blick auf pubertär verletzliche Identitäten gelungen ist.

          Hier also rennt eine Mutter gegen Strukturen an. Nur sind die nun in den Blick kommenden Milieus unzureichend ausgeleuchtet: Wir begegnen klischeehaften Milchbubi-Hackern, einer lächerlich futuristisch anmutenden Cybercrime-Abteilung der Münchner Polizei und einem unterkomplex drögen Social-Network-Chef. Die Erzählung legt es auf Überwältigungsmomente an, wenn etwa eine ganze Riege von Frauen im richtigen Moment die Scham überwindet und Charlottes Kampf unterstützt. Spät führt der Film eine weitere handlungstragende Figur ein, für die die Bloßstellung qua Nacktfotos noch destruktiver ist: Als Muslima kann Amal (Jasmina Al Zihairi) nicht einmal auf die Unterstützung der eigenen Familie zählen. Diese Nebenhandlung kommt zwar auch nicht über das Schablonenhafte hinaus, erlaubt aber eine entscheidende Abweichung des Lara-Erzählstrangs vom Amanda-Todd-Vorbild, die damit beginnt, dass der Freund seinen Rückzieher bereut.

          Dass sich der Film zuletzt gar zu einem Hacker-Thriller weitet, in dem Familie Wilms direkten Angriffen eines dunklen Gegners ausgesetzt ist, soll wohl der Spannung dienen, wirkt aber eher so, als habe man der Grundlage der eigenen Geschichte misstraut. Wie erschütternd und vielschichtig man von Mobbing erzählen kann, zeigt zurzeit eher die Serie „13 Reasons Why“ auf Netflix.

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