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„Ein Tag in Auschwitz“ im ZDF : Das Auge der Täter

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Grausamer Alltag: Menschen bei der Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Bild: ZDF/Yad Vashem

Zwiespältig: „Ein Tag in Auschwitz“ rekonstruiert die Abläufe der Ermordung der Juden anhand von Bildern des Lagerfotografen Bernhard Walter.

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          Als das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der sowjetischen Roten Armee befreit wird, sind Berichte aus dem Inneren über die Zustände und die organisierten Abläufe der Vernichtungsmaschinerie längst zugänglich. Einigen wenigen Inhaftierten ist die Flucht gelungen, sie legten Zeugnis ab, noch bevor die breite Weltöffentlichkeit von der Monstrosität der Verbrechen erfuhr. Später werden, neben den materiellen Relikten wie Haaren, Koffer, Gebissen, Brillen unterschiedlichste Aufzeichnungen gefunden und konserviert. Vor Ort oder etwa im Washingtoner Holocaust Memorial Museum sind solche materiellen Quellen allgemein zugänglich. Es gibt heimlich angefertigte Zeichnungen, Notate, Erzählungen, etwa von Fania Fénelon („Das Mädchenorchester in Auschwitz“) oder komplexe literarische Zeugnisse wie Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“ oder Primo Levis „Ist das ein Mensch?“. Vom Überleben in Buchenwald zeugt auch der in der DDR überaus populäre Roman „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz, und selbst Alfred Hitchcock drehte im offiziellen Alliiertenauftrag einen KZ-Lehrfilm für die Deutschen, dessen geplant drastische Version nie fertiggestellt wurde und im Archiv verschwand.

          Eines der obszönsten KZ-Zeugnisse freilich sind zwei Fotoalben, die der Auschwitz-Lagerfotograf Bernhard Walter anfertigte. Eines davon sollte, im Auftrag des Lagerkommandanten Rudolf Höß angefertigt, als „Beweis“ für den „perfekten“ Ablauf des „Spezialauftrags“, der „Selektion“ und Ermordung der ungarischen Juden gelten. Es war ein internes Propagandawerk, das Himmler und Hitler von der Ordentlichkeit des vieltausendfachen Mords jeden Tag überzeugen sollte. Eine Art „SS-Leistungsschau“. Fünfzehn Exemplare dieses Albums wurden angefertigt, eines ist erhalten geblieben.

          Bildlich unentschieden oder unüberlegt

          Die Dokumentation „Ein Tag in Auschwitz“ dokumentiert die Arbeit des Fotografen, und wählt dazu einen einzigen Tag im Mai 1944. Die Täterperspektive spielt eine Rolle, aber die der Opfer nimmt breiteren Erzählraum ein, denn an diesem Tag kommt Irene Fogel, spätere Weiss, mit ihrer Familie morgens mit einem der Viehwagentransporte an der Rampe in Auschwitz an. Weiss, eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, berichtet detailliert von den Abläufen, die zu diesem Zeitpunkt für etwa siebzig bis achtzig Prozent der Ankommenden die Vergasung innerhalb von drei bis vier Stunden bedeuten. Dass es Historikern möglich ist, den zeitlichen Verlauf des Tages im Mai 1944 zeitgenau zu rekonstruieren, liegt an Walters Album. Anhand der Bilder, dem Schattenwurf, der Rekonstruktion in situ lässt sich auch der Weg genau nachvollziehen.

          Bei aller Anschaulichkeit birgt „Ein Tag in Auschwitz“ allerdings Problematisches. Zunächst beginnt die Darstellung mit einer Spannungsdramaturgie, die man so beispielsweise auch aus „Terra X“-Produktionen kennt. Sie soll den Zuschauer reportagehaft formatiert ins Thema einführen. Dazu kommt an vielen Stellen eine doku-dramatische Verkörperung bestimmter Figuren, die sich zwar nicht auf das „Re-Enactment“ der eigentlichen Vernichtung bezieht und sichtbar keine „Einfühlung“ in den Täter beabsichtigt, zumindest aber bildlich unentschieden oder unüberlegt ist.

          Es beginnt am Morgen in der Nähe des Lagers. Bernhard Walter, seit 1934 SS-Mann, ist „früh auf den Beinen“ und fährt zum Dienst. Prüft seine Kamera. Wir sehen ihn nicht, sondern sind quasi sein Auge. Das Publikum fährt mit der Figur, Blick über den Lenker seines Motorrads, ins Vernichtungslager. Es ist ein „schöner sonniger Maitag“. Eine Kameradrohne fliegt über das Lager. Walter stellt sein Motorrad an der „Blockmännerstube“ ab. Gefragt wird: „Warum darf Walter, was andere nicht dürfen?“. Mittel der Spannungsdramaturgie, rhetorische Fragen und eine an vielen Stellen nahezu melodramatische Musikwahl machen „Ein Tag in Auschwitz“ zwar nahbar, wirken aber auch zwiespältig.

          Ausbalancierter ist die Zeitökonomie des Films, der die Überlebende Irene Weiss und andere Zeitzeugen in den Mittelpunkt stellt. Das Perspektivenwechsel-Konzept dieser Produktion beabsichtigt wohl aufklärende Distanzierung, aber gelungener ist sie an anderen Stellen. Ein anderes Dokument, ein gezeichnetes SS-Wachkameraden-Karikaturenheft mit „lustigen“ Charakterisierungen des Lagerpersonals, mit denen man sich untereinander in der Freizeit foppte, macht den menschenverachtenden Lebensalltag der Täter deutlicher als jegliches Szenen-Nachspielen. In den Frankfurter Auschwitz-Prozessen spielte Walters Fotoalbum 1964/65 eine wichtige Rolle. Walter wurde als Zeuge geladen. Er verstarb 1979, dem Jahr der Auseinandersetzungen um die Ausstrahlung der amerikanischen Serie „Holocaust“ in den dritten Programmen, in Fürth.

          Ein Tag in Auschwitz, 20.15 Uhr im ZDF.

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