https://www.faz.net/-gqz-a3xf8

Das amerikanische TV-Duell : Der Tragödie erster Teil

Zwei alte Männer, der eine will, was der andere zerrissen hat: Ex-Vizepräsident Joe Biden und der amerikanische Präsident Donald Trump. Bild: Reuters

Was für ein Theater: Das TV-Duell zwischen Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden gerät zur Aufführung einer Tragödie vor dem Hintergrund der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten.

          1 Min.

          „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht.“ Und doch mussten Zuschauer, die gestern Nacht ihren Blick auf die amerikanische Bühne richteten, erkennen, dass nichts ausgemacht ist. Gegeben wurde der TV-Duell-Tragödie erster Akt. Das Scheitern ist im Stück angelegt: Zwei alte Männer, der eine begehrt, was der andere hat – obwohl der erste es bereits in Stücke gerissen hat, die der zweite in der Zeit, die ihm gegeben ist, nicht wird zusammenfügen können. Schon hier kann er nicht gewinnen, weil er gegen eine Art zu sprechen antritt, die an nichts gebunden ist – und gleichzeitig darauf achten muss, sich nicht der gleichen Waffe zu bedienen. TV-Duelle weisen ins Reich der Fiktion. Sie sind umgekehrtes Theater.

          So auch dieses: Handelnde Personen, Zeremonienmeister Chris Wallace (Fox News), der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und sein Herausforderer, der einstige Vizepräsident Joe Biden. Bühnenaufbau: Wallace sitzend, hinter ihm das zum Schweigen verdammte Publikum, über ihm Stoppuhren. Vor ihm, Schauspieler, deren Text ihnen von den Wahlkampf-Teams auf den Leib geschrieben worden ist. Hinter den Kontrahenten der zweite Absatz der Unabhängigkeitserklärung. Die Aufgabe könnte aus einem Schirach-Stück stammen: 328 Millionen Amerikaner davon überzeugen, dass der Andere der falsche Mann für den Posten ist. Am Ende stimmt das Publikum ab.

          Es beginnt mit einer pandemie-bedingten Zuspitzung: ohne Händeschütteln. Biden reckt zur Begrüßung die Fäuste vor die Brust – so, als bänden ihn unsichtbare Ketten. Er wird versuchen, seinen Text aufzusagen („Here is the Deal“), die Augen aufreißen, sich verhaspeln, die vierte Wand durchbrechen, sich vom Werk lösen, seinem Gegenüber den Mund verbieten, ihn einen „Clown“ und „Lügner“ nennen. Das zur Krone gefaltete, weiße Einstecktuch wird immer tiefer in der Tasche seines Jacketts versinken. Trump aber, König und Hofnarr in einer Person, lässt sich nicht darauf ein. Er improvisiert, unterbricht, reiht wahllos Worte aneinander: „Übrigens, Leute riefen mich an, es sollte Einheit geben. Leute riefen an, zum ersten Mal seit Jahren. Sie sagten, es ist Zeit, vielleicht. Aber was passierte dann? Wir wurden getroffen. Aber wir bauen es wieder auf.“ Wirr gesprochen, mit der Souveränität eines Siegers. Hinter ihm leuchtet weiß auf blau: „so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen“.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Eine Familie voller Freaks Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Ema“ : Eine Familie voller Freaks

          „Ema" ist intensiv und fesselnd, aber nichts für Spießer. Regisseur Pablo Larrain inszeniert ein Drama der besonderen Sorte, das seinem Ruf als Genie endlich gerecht wird, urteilt F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath in der Video-Filmkritik.

          Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Pergolesi an Frankfurts Oper : Der Eremit als glücklicher Sozialarbeiter

          Ist Religion ein Relikt aus der Welt von Gestern oder eine Kraft, die Welt zu überwinden? Katharina Thoma verknüpft an der Oper Frankfurt „La serva padrona“ und das „Stabat mater“ von Giovanni Battista Pergolesi zu einem schönen, sinnfälligen Abend.

          Topmeldungen

          Abgeordnete im Deutschen Bundestag

          Corona-Kompetenzen : Die Gesetze macht immer noch der Gesetzgeber

          Beim Streit über die Kompetenzen des Bundestages geht es um mehr als nur um Formalitäten. Die Debatte ist auch eine Abrechnung mit der Art, wie die Corona-Politik bisher zustande gekommen ist.
          Schönau am Königssee: Alle Touristen mussten den Landkreis Berchtesgadener Land bis zum Beginn des Lockdowns verlassen. (Archivbild)

          Lockdown am Königssee : Jetzt ist auch für den Tourismus Schluss

          2500 Gäste mussten bis 14 Uhr den Landkreis Berchtesgadener Land verlassen. Bergbahnen und Ausflugsschiffe stehen still. Bei den Einheimischen macht sich Wut breit – über all jene, die den Lockdown durch ihr sorgloses Verhalten provoziert haben.
          Ein Kühlschrank mit kostenlosen Lebensmitteln im Stadtteil Brooklyn.

          Lebensmittelversorgung : Von New Yorkern für New Yorker

          In New York stehen auf den Bürgersteigen Kühlschränke mit kostenlosen Lebensmitteln. In Zeiten der Corona-Krise ist die Nachfrage danach immens. Das Konzept ist unkomplizierter als die Tafeln.
          Netflix: Keine besonders guten Zahlen für die Kalfornier

          Weniger Neukunden als erwartet : Corona-Kater für Netflix

          Netflix hat zwar weiter Neukunden während der Corona-Krise gewinnen können, doch die eigene Prognose wurde verfehlt. Auch für die Zukunft plant das kalifornische Unternehmen vorsichtig. Die Aktie sank.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.