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„Der Schneegänger“ auf Arte : Wald und Gewalt

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Vor zwei Jahren: Der elfjährige Darijo (Talin Bartholomäus) ist mit seinem Vater Darko Tudor (Stipe Erceg) auf winterlicher Wolfsjagd. Bild: ©ZDF/Network Movie/Gordon Muehle/"Bild: Sendeanstalt/Copyright"

In „Der Schneegänger“ geht ein Kind verloren. Die Auflösung des Falls ist wenig überraschend. Es gibt nur einen Grund, an diesem Fernsehfilm dranzubleiben.

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          Herkunft, so beschreibt es der diesjährige Träger des Deutschen Buchpreises Saša Stanišic, ist der „erste Zufall unserer Biographie“. Zum ersten Zufall kommen weitere. Für manche heißen sie Krieg und Vertreibung. Anfang der neunziger Jahre kamen viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem „Vielvölkerstaat“ Jugoslawien nach Deutschland. Während ein Autor wie Stanisic, im multikulturellen Višegrad an der Drina geboren, sich in Büchern mit dem Verlust und der Erinnerung, mit nationalistisch und separatistisch scharf gemachtem Fremdbild und bildungsgeprägtem Selbstbild vielfach auseinandergesetzt hat, sieht man das Thema im Fernsehen eher selten bespielt. Der „Kroatien-Krimi“ vertraut als TV-Reiserückkehrer mehr auf den Tourismusprospekt. 2015 verfilmte Niki Stein für das ZDF mit „Das Dorf der Mörder“ einen Spannungsroman von Elisabeth Herrmann, der die aus Vukovar, Kroatien, stammende Polizistin Sanela Beara, gespielt von Alina Levshin, in den Mittelpunkt stellte.

          Sanela Beara ist auch die Hauptfigur in der zweiten Elisabeth-Herrmann-Verfilmung eines Jugoslawien-Stoffes, „Der Schneegänger“ (Arte/ZDF), der zwar in der Gegenwart spielt, aber in Schlüsselszenen-Rückblenden selbst fiktionale Fernsehblicke auf ein Massaker in Vukovar zeigt. Ob es sich um das Massaker handeln soll, bei dem paramilitärische serbische Freischärler 1991 mehrere hundert Patienten eines Krankenhauses entführten, um sie auf einer Schweinefarm in kleinen Gruppen hinzurichten und im Massengrab zu verscharren, sei dahingestellt. Vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt, wurde Miroslav Radić am Ende freigesprochen, andere erhielten vergleichsweise milde Strafen. Sühne sieht anders aus. Hier sieht man nun Frauen und Kinder, darunter die fünfjährige Sanela, die von der Mutter in die hinterste Reihe der Bedrohten geschoben wird. Als ein soldatisch gekleideter Mann sie daraufhin auffordert vorzutreten, flieht das Kind. Man hört einen Schuss, das Kind duckt sich, dann hört man Gewehrsalven. Einer der Henker findet das Kind, sieht es an, verschont es und hastet wortlos weiter.

          Der einzige Grund, an diesem Fernsehfilm dranzubleiben

          So aufmerksam die Bildgestaltung von Christian Pirjol ihre Sache hier zumeist macht: Das ist mindestens nah am verharmlosenden Kriegskitsch. Die Szene soll der eigentlichen Krimihandlung nicht die dramaturgische Schau stehlen, schon klar. Aber sie wirkt nicht bedrohlicher als der Boxkampf zwischen der jungen Polizistin und ihrer Sparringspartnerin im Berliner Boxclub des Vaters (Ralph Herforth).

          Dies vorausgeschickt, überzeugt Nadja Bobyleva, die die Rolle der Sanela von Levshin übernommen hat, sehr. Im Gegensatz zu Max Riemelt als Kriminalkollege Lutz Gehring, auch wenn ihm das von Josef Rusnak (auch Regie) mit Elisabeth Herrmann verfasste Buch immerhin ein Tinderdate und eine Trennungsgeschichte mitgibt. Die Rolle hat kaum mehr als Anspielpartnerpotential. Auch der superreiche Günter Reinartz (Bernhard Schir), in dessen Berliner Riesenvilla vor zwei Jahren der elfjährige Darijo (Talin Bartholomäus) verschwand, Sohn der Putzfrau Lida Tudor (Edita Malovcic), der zuvor noch einen Notruf auf Kroatisch abgesetzt hatte, bleibt als Figur blass. So auch Lida, die kurz nach Darijos Verschwinden Frau Reinartz wurde. „Der Schneegänger“ beginnt mit einer Rückblende.

          Mit seinem Vater, dem Wildhüter Darko Tudor (Stipe Erceg), ist Darijo im winterlichen Grunewald auf der Pirsch nach einer kranken Wölfin, die beide zuvor an den Umgang mit Menschen gewöhnt hatten. Darko will sie töten, „damit das Schwache dem Starken Platz macht“, wie es die Natur wolle. Ihr Zutrauen ist ihr Verderben. Hier trapst nicht die Nachtigall, sondern es schleicht durch den gesamten Krimifilm der Wolf mit dem bekannten Hintergedanken, dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf sei“.

          Darijo jedenfalls wird zwei Jahre danach – zeitlich bewegen wir uns vor und zurück – im Wald verscharrt gefunden, vor seinem Tod grausam misshandelt. Darko gerät in Verdacht und in Untersuchungshaft. Die Reichen verschanzen sich in Luxusinternaten (Reinartz’ eigene narzisstische Kinder) oder hinter Anwälten. Die kroatische Gemeinde Berlins, die sich jeden Sonntag anscheinend vollzählig in der katholischen Kirche trifft, weiß mehr als die ahnungslose Polizei, die mangels moralischer Abgrunderfahrung Dienst nach Befragungsvorschrift schiebt. Die Auflösung des Falls ist wenig überraschend. Ob es geschmackssicher ist, den Jugoslawienkrieg mit entsprechenden Rückblenden solcherart in die Spannungsdarstellung einzuwursten, bleibt fraglich. Nadja Bobyleva jedenfalls ist der einzige Grund, an diesem Fernsehfilm dranzubleiben.

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