https://www.faz.net/-gqz-73wog

Dapd-Pleite : Wer ist schuld, was kann man tun?

  • -Aktualisiert am

Polemisiert in einem „Wir Jammerlappen“ betitelten Beitrag munter gegen die eigene Branche: Hajo Schumacher Bild: dapd

Die insolvente Nachrichtenagentur dapd stellt ihre Pleite als Symptom einer generellen Medienkrise dar. Ein Akteur bleibt unterbelichtet: Die Journalisten selbst.

          2 Min.

          Es klingt wie ein Hilferuf: Die insolvente Nachrichtenagentur dapd hat dieser Tage in einem Rundschreiben an ihre Kunden darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Berichterstattung unverändert weiterlaufe. In dem Schreiben kommen die Ressortleiter jeweils einzeln zu Wort und versichern, Kunden könnten sich „selbstverständlich darauf verlassen“, dass man bei „allen wichtigen Themen“ dabei sei und „hochmotiviert“ ans Werk gehe.

          Weder Umfang noch Qualität ihrer Arbeit würden von der Insolvenz beeinträchtigt. Die Agentur war zahlungsunfähig geworden, nachdem die beiden Eigentümer Peter Löw und Martin Vorderwülbecke Anfang Oktober nicht mehr bereit waren, das defizitäre Unternehmen weiter zu tragen. Durch die Übernahme von Konkurrenten und die Gründung neuer Unternehmenssparten hatten die beiden Finanzinvestoren zuvor versucht, mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Konkurrenz zu treten.

          Finanzierbarkeit journalistischer Arbeit

          Bei der dapd ist man unterdessen bemüht, die Pleite als Symptom einer generellen Krise der deutschen Medienlandschaft darzustellen. In einer von der Agentur ins Leben gerufenen Beitragsreihe zum Wert von Qualitätsjournalismus sollen sich jetzt fremde Federn „mit den schwierigen Marktverhältnissen“ auseinandersetzen. In ihrer Problemdiagnose sind sich fast alle Autoren einig: Qualitätsjournalismus habe seinen Preis, viele Konsumenten seien aber nicht mehr bereit, diesen zu zahlen, obwohl die Nachfrage nach Informationen und deren Einordnung weiter steige. Den digitalen Strukturwandel beschreiben sie als akute Gefährdung der medialen Vielfalt.

          Im Zentrum der meisten Beiträge steht dann auch die Frage nach der künftigen Finanzierbarkeit journalistischer Arbeit. Ulrike Kaiser, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, macht den Vorschlag, im Falle eines Marktversagens könne das öffentlich-rechtliche Finanzierungsmodell das Rundfunks künftig „auch für andere Medienbereiche Pate stehen“. Agenturdienste würden dann über Gebühren finanziert. Hans-Joachim Otto, Vorsitzender der FDP-Kommission Internet und Medien, hält eine Lösung durch Politik oder Investoren dagegen für unrealistisch.

          „Wir Jammerlappen“

          Er sieht die Verantwortung vor allem bei den Konsumenten, die sich an kostenlose Inhalte gewöhnt hätten. Verbraucher müssten wieder „bereit sein, für ein gutes Produkt auch entsprechend zu bezahlen“. Dass es bald zu einem solchen Bewusstseinswandel kommt, will jedoch niemand so recht glauben. MDR-Hörfunkdirektor Johann Michael Möller prognostiziert, erst „wenn die Heilserwartungen in die Schwarmintelligenz und Selbstoptimierung der neuen Kommunikationsformen schwinden“, könne Qualitätsjournalismus womöglich wieder eine Aufwertung erfahren.

          Dabei bleibt ein Akteur in der Ursachenanalyse vieler Beiträge bemerkenswert unterbelichtet: die Journalisten selbst. Nur Hajo Schumacher polemisiert gegen die eigene Branche. Unter dem Titel „Wir Jammerlappen“ klagt der Journalist, die Kollegen sollten ihre „Larmoyanz-Energie“ besser in Kreativität und neue Produkte stecken, es mangele ihnen an „kaufmännischer Kühle, gutem Gespür“, aber auch an „Mut und einem Hauch Todessehnsucht“. Wie diese Selbstkritik mit der dapd-Pleite in Verbindung zu bringen ist, bleibt indes unklar.

          Ungewiss ist weiterhin auch, welche Teile der Agentur in naher Zukunft noch bestehen werden. Derzeit werden die Journalisten über einen Kredit bezahlt, bei Eröffnung des Insolvenzverfahrens springt die Agentur für Arbeit ein. Bis spätestens Ende November soll über die „Restrukturierung“ des Unternehmens entschieden werden. Nach außen wird vor allem die Suche nach Investoren betont. Angeblich soll es bereits Interessenten geben, unter anderen den Nachrichtensender N24.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Pressekonferenz am Donnerstag: Lothar Wieler

          Corona-Infektionen : RKI warnt vor starkem Anstieg in Alten- und Pflegeheimen

          Das Robert-Koch-Institut sieht einen starken Anstieg der Corona-Infektionszahlen und Sterbefälle in Alten- und Pflegeheimen. In den vergangenen drei Wochen habe sich die Zahl der Infektionen in den älteren Altersgruppen deutlich erhöht, sagte RKI-Präsident Wieler.
          Recyclinghöfe werden den sortierten Plastikmüll immer schwerer los.

          Defizite beim Recycling : Die zweite Welle Corona-Müll

          In der Pandemie landet noch mehr Kunststoff im Abfall. Und den Recyclingunternehmen brechen Absatzmärkte weg. Wie lässt sich die Schwemme bekämpfen?
          Nach dem Start müssen Auto und Batterie erwärmt werden. Das kostet viel Strom und mindert die Reichweite des Elektroautos.

          Mit dem Elektroauto im Winter : Das große Zittern

          Im Winter brauchen Elektroautos deutlich mehr Strom als bei moderaten Temperaturen. Folglich sinkt die Reichweite. Warum ist das eigentlich so?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.