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Digitalisierung im Hörfunk : Genug geredet, das digitale Radio dreht jetzt auf

  • -Aktualisiert am

Radio aktiv: Die vier Herren der Popgruppe Kraftwerk haben schon im vordigitalen Zeitalter an den richtigen Reglern gedreht. Doch wie sollen wir sie in Zukunft hören? Bild: dpa

Welche Zukunft hat das Radio? Soll es digital werden und DAB+ heißen? Soll es auf UKW bleiben? Oder soll es im Internet laufen? Die ARD und das Deutschlandradio haben eine eindeutige Antwort. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Wir müssen über die Zukunft des digitalen Radios reden“ - der Titel in dieser Zeitung vom 15. April versetzt ins Grübeln: Ist da an Marc-Jan Eumann (SPD), Staatssekretär für Medien in NRW, und Jürgen Brautmeier, Direktor der Düsseldorfer Landesanstalt für Medien LfM, etwas vorbeigegangen? Worüber reden wir denn eigentlich schon seit Jahren?

          Die Vorteile von Digitalradio liegen auf der Hand: DAB+ ist deutlich kostengünstiger, ist bei erheblich geringerem Stromverbrauch ökologischer und ohne jedes Rauschen glasklar zu genießen. DAB+ bedeutet aber vor allem das Ende der Frequenzknappheit im UKW-Band. Und das heißt: mehr Programme, auch für den Privatfunk, also (leider?) mehr Konkurrenz.

          Ein klarer Vorteil für die Hörer, wenn auch nicht für den, der heute im Besitz einer knappen UKW-Frequenz ist, die ihn vor dem Wettbewerb bewahrt. Brautmeier und Eumann stellen völlig zu Recht fest, dass es eine zentrale medienpolitische Herausforderung ist, im Radiobereich die Vielfalt zu sichern. DAB+ bedeutet nicht nur Sicherung, sondern sogar mehr Vielfalt, da mehr Programme zu erheblich niedrigeren Kosten möglich werden.

          Der Blick nach Bayern hilft

          Der „Diskussionsbeitrag“ aus Nordrhein-Westfalen beschränkt sich auf die Sichtweise etablierter, privater Lokalanbieter in NRW. Wie sehr diese Sicht von Partikularinteressen geprägt ist, zeigt sich daran, dass sie den großen Zuwachs an Vielfalt, der durch Digitalradio möglich wird, schlicht ignoriert. UKW ist auch in NRW seit dreißig Jahren ausgereizt.

          Das Mantra aus Düsseldorf ist so alt wie die Diskussion: „Unsere UKW-Radiolandschaft ist im digital terrestrischen DAB+ nicht abzubilden.“ Punkt. Für etablierte UKW-Anbieter eine komfortable Blockade: keine neuen Wettbewerber für die in NRW monopolartig zugeschnittenen Privatradios um den Preis technologischer Rückständigkeit und Verhinderung längst möglicher Vielfalt.

          So legitim und nachvollziehbar der Wunsch von Verlegern in NRW nach Wahrung ihrer Geschäftsinteressen ist, so legitim und nachvollziehbar ist es, wenn Medienpolitik dies mit berücksichtigt. Aber der protektionistische Blick verhindert die offene Beschäftigung mit möglichen Lösungen. Selbst wenn dies in NRW schwerfällt, ein Blick nach Bayern zeigt, dass es anders geht. Hier sind subregional geschnittene DAB-Netze im Aufbau, zwischen dem Bayerischen Rundfunk und der Landesmedienanstalt BLM verabredet. Intelligent kombiniert, bieten sie auch den Privatradios eine kostengünstige Verbreitung mit neuer Vielfalt für die Hörerschaft.

          Täglich über 200.000 Hörer

          Die Autoren unterstreichen, dass die Digitalisierung der entscheidende Treiber in der Medienwelt ist. Sie erinnern daran, dass im terrestrischen Fernsehen die Umstellung von Analog auf Digital längst erfolgt ist und auch die Einführung des neuen Standards DVB-T2 anläuft. Um dann aber zu fragen: „Ist DAB wirklich die digitale Zukunft des Radios?“ Ihre Antwort: Die Zukunft des Radios liege im Internet und parallel daneben in der alten analogen UKW-Verbreitung.

          Falsch: Auch die Zukunft des Radios ist digital, und sie liegt in der parallelen digitalen Verbreitung über DAB+ und über das Internet. Was für Fernsehen richtig ist, das ist auch für das Radio die Sicherung seiner Zukunft. Völlig unglaubwürdig sind Brautmeier und Eumann, wenn sie Krokodilstränen über angeblich mangelndes Interesse für DAB+ in ihrem Bundesland vergießen, wo doch die Medienanstalt gemeinsam mit der Staatskanzlei die Ausstrahlung eben dieser DAB-Angebote blockiert. Dem WDR wurde erst jüngst ein solches Angebot untersagt.

          Wie erfolgreich der DAB-Weg sein kann, zeigt ein bayerisches Beispiel: Der neue Volksmusiksender „BR Heimat“, der im Februar 2015 gestartet ist, verzeichnet inzwischen eine Tagesreichweite von knapp zwei Prozent Marktanteil, also etwa 220.000 Hörer täglich, allein in Bayern.

          Auch im Ausland floriert DAB

          Brautmeier und Eumann behaupten, das Internet biete ohnehin zu viele Inhalte, als dass sich Radio dagegen behaupten könne. Und für werbefinanziertes Radio gäbe es auf regionaler und lokaler Ebene keine erfolgversprechenden Refinanzierungsmodelle. Der jüngste enttäuschende „Call for Interest“ in NRW für DAB-Interessenten belege, dass die Technologie regional und lokal für NRW keinen Sinn mache. Aber wer investiert schon in DAB, wenn es das in Nordrhein-Westfalen nicht geben soll?

          Bevor auch dem guten alten linearen Radio angesichts des Internets und seines multiplen Potentials wieder das Totenglöcklein geläutet wird, wäre ein Besuch etwa bei britischen Privatradio-Betreibern zu empfehlen. Vielleicht bei der in deutschem Besitz befindlichen Bauer-Media-Group, sie gehört zu den Marktführern, die dort mit DAB-Programmen stattliche Einnahmenzuwächse verbucht. Man muss nicht nach Australien fliegen, wo der Verband der Privaten geradezu enthusiastisch die Geschäfte via DAB preist. Oder nach Indonesien, das jetzt mit der DAB-Ausstrahlung für seine 250 Millionen Einwohner beginnt. Es genügen die Schweiz, Dänemark, Italien.

          Radio, wie man es einst kannte: 2015 wurde der Mittelwellenrundfunk endgültig abgeschaltet.

          Überwältigende Zustimmung

          Auch hier sind es die Privaten, die ganz besonders engagiert die moderne Entwicklung treiben. Sie setzen selbstverständlich alle auf DAB+ und das Internet. Mit kostengünstigen DAB-Spartenprogrammen erschließen sie neue Werbemärkte. Dass Schweden und Finnland sich definitiv gegen DAB entschieden hätten, wie Brautmeier und Eumann schreiben, hält einer differenzierten Betrachtung nicht stand. Schlicht falsch ist die Behauptung, in Norwegen sei der Wechsel zu DAB+ „umstritten und unvollständig“. Im Gegenteil, Norwegen hat einen Abschaltbeschluss für UKW für 2017 gefasst. Andere Nationen werden folgen. DAB+ ist international in über vierzig Ländern auf dem Vormarsch.

          In Deutschland hat der Netzausbau DAB+ im August 2011 begonnen und wird etwa 2020 abgeschlossen sein. Dafür stellt die KEF dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die benötigten Mittel zur Verfügung. Erst jetzt kann also die Information an die Radionutzer auch verstärkt, kann der Werbe- und Marketingdruck für die neue Technologie erhöht werden. ARD und Deutschlandradio tun dies zusammen mit Privaten. Die Hörerschaft nimmt DAB an, wenn sie DAB kennt. Das zeigt eine Studie in Sachsen-Anhalt, in Haushalten, in denen über UKW, Internet und DAB empfangen werden kann. Das Ergebnis ist eindeutig: Fast alle Nutzer entscheiden sich schon nach kurzer „Probezeit“ eindeutig für DAB+!

          Sollen wir wetten?

          Im Übrigen steigt die Zahl der DAB-Nutzer in Deutschland signifikant stärker an als im vergleichbaren Anfangszeitraum in anderen europäischen Ländern. Im Handel ist der Trend eindeutig, hier werden zunehmend nur noch Geräte verkauft, die sowohl UKW- als auch DAB-fähig sind. Übrigens hat die KEF die Bewilligung der Mittel in ihrem zwanzigsten Bericht mit einem klaren Appell an die Medienpolitik verbunden, endlich eine Entscheidung zu treffen, um den parallelen Betrieb von kostengünstigem DAB und teurem UKW so kurz wie möglich zu halten. Dann relativieren sich auch die Zahlen, die Brautmeier und Eumann als angeblichen Bedarf angeben.

          Die Autoren weisen auf die Entwicklung im Automobil-Sektor hin. Wo die relevanten Hersteller ihre markenbezogenen und aufs Internet aufsetzenden Geschäftsmodelle entwickeln und angeblich DAB nicht wollen. Es empfiehlt sich abermals ein Blick nach Großbritannien. Dort bieten alle Marken, auch die deutschen, DAB als Standard-Autoradio. Und realisieren dennoch ihre weiteren digitalen, mit Zusatzkosten verbundenen Geschäftsmodelle. Als Erster wird Opel dies ab 2017 auch im deutschen Markt tun. Andere Hersteller, die bisher DAB als Sonderausstattung anbieten, werden nachziehen. Sollen wir wetten?

          Ein technologischer Paradigmenwechsel

          Frank Nowak, bei Ford zuständig für Multimedia und Infotainment, erklärte vergangene Woche - in Düsseldorf: „DAB ist die Zukunft des Radios.“ DAB passt als „digitales Grundmodul“ nämlich hervorragend zu den optionalen, markenbezogenen Geschäftsmodellen. DAB ist „broadcast“, das heißt eine Sender-Quelle für eine unbegrenzte Zahl von Nutzern ohne zusätzliche Kosten. Internet heißt: für jede einzelne Nutzung eine individuelle Verbindung zum digitalen Absender, einschließlich zusätzlicher Kosten.

          Brautmeier und Eumann machen einen Kardinalfehler: Bei DAB+ geht es nicht allein um die moderne und erheblich kostengünstigere Verbreitung von Radio. Diese Betrachtung ist zu kurz. Der technologische Paradigmenwechsel ist auch Grundlage zum Beispiel für eine deutlich verbesserte Verkehrssteuerung, nicht nur des Automobilverkehrs. Über den digitalen DAB-Weg kann neben dem Radio-Signal eine Fülle zusätzlicher Informationen übermittelt werden, der Phantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt.

          Eigentlich ist genug geredet

          DAB+ hat jenseits der verengten Radio-Diskussion erhebliche wirtschafts- und industrierelevante Implikationen. Erkannt hat dies das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Deshalb hat Staatssekretärin Dorothee Bär im vergangenen Jahr ein fünfzehnköpfiges „Digitalradio-Board“ gegründet. Neben dem privaten und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind mit einem Vertreter der Länder, der Landesmedienanstalten, der Automobil- und Gerätehersteller sowie der Netzbetreiber alle relevanten Partner vertreten. DAB+ ist Teil der digitalen Agenda der Bundesregierung.

          Nur auf den ersten Blick scheint die Volte von Brautmeier und Eumann diskussionswürdig zu sein, wenn sie lediglich Deutschlandradio und bundesweite Anbieter auf DAB verweisen wollen. Ein gesplitteter Radio-Markt soll zukunftsfähig sein? Und wer bitte sollte die DAB+Empfänger bauen und kaufen, die Brautmeier und Eumann im gleichen Atemzug für die Kommunikation in Krisensituationen fordern? Da trauen sie ihrem Internet also doch nicht.

          ARD und Deutschlandradio haben ein mit konkreten Meilensteinen verbundenes Übergangsmodell zu DAB vorgelegt. Die KEF hat ihre Finanzierungsentscheidung auch auf dieser Grundlage getroffen. Der DAB-Kurs von ARD und Deutschlandradio steht fest. Auch für die Union der Europäischen Rundfunkanstalten (EBU) liegt die Zukunftssicherung des Radios ausdrücklich in DAB, kombiniert mit dem Internet. Eigentlich ist genug geredet. Es geht um Entscheidungen und um konkrete Schritte, um diese Zukunft zu sichern. Digital und in DAB+.

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