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Japans Komiker und die Mafia : Da lacht der Kobun

Im Reich der Eisenkugeln: Hiroyuki Miyasako durchstreift in dem Film „Kamikaze Girls“ (jap. „Shimotsuma Monogatari“, 2004) als Kleinganove eine Pachinko-Halle. Bild: Viz Media

In Japan hat eine der größten Agenturen elf Fernseh-Komiker vor die Tür gesetzt, weil diese privat vor einer Gruppe von mafiösen Betrügern aufgetreten sind. Doch das ist längst Usus, heißt es. Die Agenturen zahlten schlecht.

          „Comedians“ oder vornehmer „Owarai Geinin“ bilden eine Säule der japanischen Fernsehindustrie. Sie sind die Allzweckwaffe und sollen das junge Publikum begeistern. Fast jede „Variety Show“ hält einen oder mehrere feste Plätze für japanische Spaßmacher in ihren Shows reserviert. Sie treten neben ehemaligen Pop-Musikern zunehmend in populären Fernsehserien auf, und auch beim öffentlich-rechtlichen Sender NHK sind sie – zum Missfallen manch älterer Japaner – immer öfter zu sehen. Seit April 2018 strahlt NHK die Show „Geinin Sensei“ aus, in der „Comedian Teachers“ Firmen in Kommunikationsdingen beraten. Ihr öffentlicher Einfluss ist beachtlich.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Umso größer war der Skandal, als Yoshimoto Kogyo, eine von Japans größten Unterhaltungskünstler-Agenturen, die in Osaka als Theater begann und etwa 6000 Künstler unter Vertrag hat, Ende Juni meldete, dass sie elf ihrer Comedians vor die Tür gesetzt habe, weil diese vor fünf Jahren auf einer Party aufgetreten waren, die von einer „anti-sozialen“ Organisation abgehalten worden sei. Gemeint ist: organisiertes Verbrechen. Das Boulevard-Magazin „Friday“ hatte Wochen zuvor berichtet, es habe sich bei dieser Party um ein Jahresabschlussfest (Bonenkai) einer etwa vierzigköpfigen Gruppe gehandelt, die ihr Geld mit Telefonbetrügereien in großem Stil gemacht haben soll. Wie Jake Adelstein auf „Asia Times“ berichtet, sollen sie über 1000 Personen in 17 Präfekturen betrogen haben, die nach fingierten Verkaufsgesprächen oder „Enkeltricks“ („Ore ore sagi“) Geld überwiesen. Damit soll die Bande umgerechnet etwa 17 Millionen Euro ergaunert haben.

          Der Skandal mag groß sein, der Schock hält sich in Grenzen

          Der berühmteste der elf Geinin ist Hiroyuki Miyasako, Mitglied des Duos „Ameagari Kesshitai“. Sein jüngerer Kollege Shinya Irie war zuvor bereits entlassen worden, weil er den Auftritt der elf Comedians laut Agentur ohne deren Wissen vermittelt hatte. Von Seiten Miyasako und Kollegen hieß es hernach, man sei auf der Party gewesen, diese sei jedoch nicht von einer mafiaartigen Gruppe organisiert gewesen. Außerdem habe man sowieso kein Geld für die Auftritte angenommen. Letzteres stellte sich dank interner Nachprüfungen durch die Agentur als Lüge heraus. Wie die „Mainichi Shinbun“ berichtete, reagierte man bei NHK mit der Absetzung von Programmen, in denen die ebenfalls involvierten Comedians Razor Ramon HG und Ryo Tamura auftraten. Bei „TV Asahi“ hielt man zunächst an Miyasako fest, dessen Show „Ame Talk“ am 27. Juni wie geplant ausgestrahlt wurde.

          Der Skandal mag groß sein, der Schock dürfte sich in Grenzen halten: Die Verbindungen zwischen Unterwelt und Unterhaltung existieren auch in Japan seit den Anfängen beider Wirtschaftszweige. Dabei werden Geschäfte jeglicher Art mit Yakuza-nahen Gruppen in Japan strafrechtlich verfolgt. In der Unterhaltungsindustrie jedoch sieht man das traditionell locker: Bereits im Jahr 2007 wurden geheime Polizeiakten öffentlich, die einigen der größten Künstler-Agenturen Japans Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachwiesen. Ein Jahr später veröffentlichte das Magazin „Shukan Shincho“ Fotos einer Geburtstagsparty des berüchtigten Yakuza-Bosses Tadamasa Goto, auf der sich berühmte Schauspieler die Klinke in die Hand gaben. Im Jahr 2011 hatte einer von Japans größten (und auch umstrittensten) Entertainern, der Comedian und Talkshow-Moderator Shinsuke Shimada, überraschend seinen Rücktritt angekündigt, nachdem bekannt wurde, dass er ein freundschaftliches Verhältnis zu Hirofumi Hashimoto pflegte, dem Anführer einer Gang, die in enger Verbindung zur einst mächtigen Yamaguchi-Gumi stand.

          Miyasako indes entschuldigte sich öffentlich: „Ich bereue es sehr, Geld angenommen zu haben, auch wenn es indirekt geschah.“ In der japanischen Presse mehren sich unterdessen die Stimmen, die das „Untergrund-Arrangement“ zum Anlass nehmen, auf die zum Teil prekäre Lage der Comedians hinzuweisen. Demnach sollen Auftritte wie jener der elf geschassten Comedians vor zwielichtigem Publikum eher die Regel als die Ausnahme sein. Denn oft versuchten die Entertainer so die unzureichende Bezahlung durch ihre Agenturen aufzubessern, heißt es in der „Japan Times“. Comedians agieren nicht selbständig, sondern sind auf Auftritte angewiesen, die Agenturen für sie aushandeln.

          „Untergrund-Auftritte“ seien beliebt, weil dabei kein Geld an die Agenturen fließt. Berechtigt oder nicht: Den Überblick darüber zu behalten, wo junge Entertainer sich ihr Zubrot verdienen, um dem ständigen Kampf um Popularität gewachsen zu bleiben, dürfte unmöglich sein. Die Zeit, in der sich das organisierte Verbrechen in Japan erkennbar in zu große und zu grelle Anzüge hüllte, die Augen hinter Sonnenbrillen, stolz die komplizierten Tätowierungen präsentierend, ist vorbei – und nur mehr im Fernsehen zu bestaunen. Gauner machen heute auf seriöse Geschäftsmänner. Und umgekehrt.

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