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Cyborg : Durch ihre Adern fließt künstliches Blut

  • -Aktualisiert am

Eine Mischung aus Mensch und Maschine: Cyborgs aus der Fernsehserie „Doctor Who” im Londoner Auktionshaus Bonhams Bild: ASSOCIATED PRESS

Menschen oder drogeninduzierte Zombies - was erst nur eine Maus mit eingebauter Pumpe war, sollte später ein Maschinenmensch werden. Auch heute erobern Cyborgs noch unseren Alltag. Und wer hat´s erfunden? Die Amerikaner.

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          Der Weltraum - unendliche Welten. Wir schreiben das Jahr 1960. An der Fakultät für Raumfahrtmedizin der US Air Force im texanischen San Antonio findet am 26. und 27. Mai ein Kongress statt. Das Raumfahrtzeitalter ist angebrochen. Bald soll der Mond erreicht werden, dann der Mars, und dann geht es hinaus in die unendlichen Weiten. Die Frage ist nur, wie der Mensch solche Reisen überleben kann, körperlich wie geistig. Unter dem Titel „Drugs, Space and Cybernetics“ tragen Manfred Clynes und Nathan Kline vom New Yorker Rockland State Hospital ihre Überlegungen vor. Es ist die Geburtsstunde des Cyborgs, des kybernetischen Organismus. Statt für den Menschen mit großem technischen Aufwand erdähnliche Bedingungen herzustellen, passt er sich mit einem „cybernetically extended organism“ den Raumfahrtbedingungen an.

          Menschen, die lange Reisen im Weltraum überleben wollen, brauchen anderes Blut, am besten keinen Sauerstoff und einen Ersatz für die sprachliche Kommunikation im luftleeren Raum. All dies könnten nach Clynes und Kline kybernetische Steuerungssysteme übernehmen, die mit dem Menschen verschmolzen sind. Zum Beweis ihrer These präsentieren die Wissenschaftler eine weiße Labormaus ohne Schwanz. Er ist durch eine winzige Infusionspumpe ersetzt worden, die nach dem Prinzip der Osmose Nährstoffe in den Körper transportiert. Die Maus braucht nicht zu essen und zu trinken, mit den entsprechenden Schlafmitteln im Nahrungsgemisch kann sie lange Reisen überdämmern.

          Hautenge Taucheranzüge in einer Mondlandschaft

          Während auf der Konferenz die Wissenschaftler über den neuen Begriff witzeln, der sie an eine Stadt in Dänemark erinnert, schreibt ein Reporter der Zeitschrift „Life“ an einem Bericht von der Konferenz. Da die Maus mit Pumpe wenig hergibt, wird der renommierte Zeichner Fred Freeman beauftragt, die Geschichte zu illustrieren. Freeman hatte zuvor für Wernher von Braun das Leben der ersten Menschen auf dem Mond illustriert und liefert ein spektakuläres Bild ab, das auf Jahrzehnte hinaus die Vorstellungen vom Cyborg prägte: Engelsgleich schweben Menschen in hautengen Taucheranzügen in einer Mondlandschaft. Sie haben keine Lippen mehr, aber geöffnete Augen. Künstliches Blut pulsiert in ihren Adern, das wie der Sauerstoff aus kleinen Tanks kommt, die an einem Gürtel befestigt sind. Über feine Drähte, die am Nacken befestigt sind, stehen die Cyborgs in Kontakt miteinander.

          Ähnelt einem echten Cyborg: Der Hollywood-Roboter
          Ähnelt einem echten Cyborg: Der Hollywood-Roboter : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Dank der Illustration liefert der kurze „Life“-Bericht „Man remade to live in Space“ im Juli 1960 Stoff für viele Debatten. Sind das noch Menschen oder drogeninduzierte Zombies, fragen die Philosophen, während die Kybernetiker vor Übertreibungen warnen. Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik, mahnt die Wissenschaftler, doch bitte mal am Boden zu bleiben, und schlägt als Nahziel vor, den Einbau einer Insulinpumpe für Diabetiker in Angriff zu nehmen.

          Mit den Werkzeugen verschmelzen

          Fünfzig Jahre nach dem Auftauchen des Cyborgs in der Geschichte sind die Träume von damals Makulatur. Der Mond muss neu erobert werden, und der Mars liegt in weiter Ferne. Wenn überhaupt, wird über die genetische Umformung des Menschen für Raumreisen nachgedacht. Doch der Cyborg ist unter uns: „Ich bin von einem Cyborg umgerannt worden“, twittert empört ein Spaziergänger, der mit einem Läufer zusammengeprallt ist, der Musik hörte und telefonierte, während seine Laufschuhe Daten in das iPhone fütterten. Die Cyborgs sind unter uns und verdrahten sich mit allen möglichen Steuerungen, vom Herzschrittmacher angefangen bis zum GPS-Smartphone mit der Wegbeschreibung zum nächsten Italiener. „Wir Menschen sind natürliche Cyborgs. Immerzu eifrig darauf aus, unseren geistigen Horizont zu erweitern, von der Axt über die Schrift, vom Taschenrechner bis zum eingepflanzten Chip“, postuliert der Philosophieprofessor Andy Clark, Verfasser von „Natural Born Cyborgs“.

          Der Mensch als Werkzeuge nutzendes Tier sei darauf angewiesen, mit seinen Werkzeugen zu verschmelzen. Der Homo sapiens ist für Clark mit einem Gehirn ausgestattet, das seine Existenz von Grund auf als „Tools-R-Us“ definiert. Clarks muntere Adaption des Raumfahrtthemas Cyborg macht vor dem Internet nicht halt. Für ihn gibt es keinen Informationsoverload, sondern nur noch nicht die richtigen Programme und Routinen, die einmal in Form winziger Chips in uns eingepflanzt werden: Als kybernetisch erweiterte Organismen passen wir uns den Informationsströmen an.

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