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Cyberpunk in Hongkong : Wenn das keine futuristische Unterdrückung ist, was dann?

  • -Aktualisiert am

Trickreich: Im Kampf gegen Tränengas ist den Hongkonger Bürgern jedes Mittel recht. Bild: Reuters

Tränengas und Datenspionage: Die Demonstranten in Hongkong werden vom Staat nicht nur auf der Straße, sondern auch mit digitaler Spionage bekämpft. Die Bevölkerung wehrt sich mit immer neuen Low-Tech-Lösungen.

          Am helllichten Tag wird Colin Cheung von Zivilpolizisten in einem Einkaufszentrum in Hongkong überwältigt und in ein Fahrzeug gestoßen. Die Polizisten zerren ihn am Kiefer, schlagen ihm ins Gesicht, reißen seine Augenlider hoch – um sein Telefon via Gesichtserkennung zu entsperren. Sie wollen an seine Daten, Fotos, Kontakte. Doch der junge Programmierer hat die Funktion seines Smartphones ausgeschaltet. Fünfmaliges Betätigen des Einschaltknopfs deaktiviert FaceID und Fingerabruck-Anmeldung. „Cop Mode“ wird die Technik genannt.

          Colin Cheung soll Mitgründer der Gruppierung „Dadfindboy“ sein, die Zivilpolizisten enttarnt. Zu „Dadfindboy“ gehören rund fünfzigtausend Bürger, die sich in einer Gruppe des Social-Media-Messengers Telegram versammeln. Sie verbreiten Informationen über Polizisten, die sich in Zivil gesetzeswidrig gegenüber Demonstranten verhalten. Colin Cheung wurde als Rädelsführer identifiziert und festgenommen.

          Was die „New York Times“ kürzlich beschrieb, klingt wie aus einem Science- Fiction-Film, ist in Hongkong aber bittere Realität. Im seit Monaten andauernden Konflikt zwischen Bevölkerung und Regierung zeigt sich, welches Überwachungspotential digitale Technologien bergen. Bürger müssen immer neue Wege finden, um sich zu schützen und demonstrieren zu können. Der staatliche Überwachungsapparat, der offiziell gar nicht existiert, bekämpft die Opposition mit Hightech-Spionagetechnik.

          Daten werden in großem Stil abgefangen

          Colin Cheung war nichts nachzuweisen, er kam wieder frei. Woher die Polizei seine Identität kannte, ist unklar. Weil sich derart dubiose Polizeieinsätze häufen, ist anzunehmen, dass digitale Rasterfahndung zum Einsatz kommt: Daten werden in großem Stil abgefangen, Einzelpersonen ausgespäht, verhaftet oder eingeschüchtert. Wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält, Geld abhebt, telefoniert, öffentliche Verkehrsmittel benutzt, gilt als verdächtig.

          Die protestierende Bevölkerung lernt daraus. Plötzlich bilden sich endlose Schlangen an Fahrkartenautomaten. Niemand nutzt mehr die staatliche Octopus-Karte, es wird in bar gezahlt. „Wir haben Angst, verfolgt zu werden“, sagte eine Demonstrantin der Reporterin Mary Hui von „Quartz“. Da sich viele Demonstranten zur Anreise an verabredeten Punkten versammeln, kann der Staat anhand der Daten der Octopus-Karten mutmaßen, wer zur Bewegung gehört. Sind genug Indizien aus anderen Datenströmen versammelt, werden konkrete Personen sichtbar.

          Entschlossen: Demonstranten in Hongkong protestieren gegen den Einfluss Chinas.

          Die Bürger wissen davon – noch – zu wenig. Kaum jemand bekommt mit, wenn seine Daten aus Firmendatenbanken gestohlen werden, wenn man am Autokennzeichen, der Retina oder am Telefonsignal erkannt und durch die Stadt nachverfolgt wird. In London kommt mit der Oyster-Card eine Kopie des Hongkonger Systems zum Einsatz– ein Transportsystem wird zum Kontrollorgan.

          Diese Art der Rasterfahndung ist illegal. Es ist aber fast unmöglich, sie nachzuweisen. Der Polizei in Hongkong erlaubt sie, nächste Schritte der Opposition vorherzusehen und Schlüsselfiguren zu isolieren. Anders als die Demonstranten, die gerade erst mit ihren Möglichkeiten umzugehen lernen, scheint die Polizei bestens vorbereitet – aufbauend auf dem Wissen der „Regenschirm“-Proteste von 2014 und ausgestattet mit Spionagetechnik, die der Bekämpfung internationaler Bankenkriminalität dienen sollte.

          Abgeschirmt: Demonstranten schützen sich gegen Tränengas und Gesichtserkennung

          Ende Juli schlug eine große Gruppe weißgekleideter Schläger in einer U-Bahn-Station mit Stangen auf anreisende Demonstranten ein. Die Attacke kam aus dem Nichts, es gab viele Verletzte. Der Schlägertrupp wurde mit dem kriminellen Milieu in Verbindung gebracht. Woher die Schläger so genau wussten, wo sie wann zu sein hatten, bleibt unklar.

          Auch die Polizei agiert mit äußerster Härte, taucht inmitten von Gruppen auf, zersprengt diese und nimmt Menschen fest. Gut informiert sind die Sicherheitskräfte mutmaßlich dank der gesammelten Daten aus diversen öffentlichen und über Digitalspionage angezapften Quellen. „Die Polizei ist wesentlich aggressiver und brutaler als noch 2014“, sagt Paul Mozur, Reporter der „New York Times“ in China, im Gespräch. „Diesmal wurden Menschen auch sehr schnell online verfolgt. Die Polizei setzte frühzeitig Video ein, begann aber gleichzeitig, sich selbst zu anonymisieren. Seitdem schaukelt es sich immer weiter auf.“

          Die Demonstranten in Hongkong wehren sich mit allen Mitteln. Den Ausgangssperren, Versammlungsverboten, Verhaftungen und Tränengasangriffen begegnen sie mit simplen Tricks. Mit Regenschirmen, Atemmasken, Kappen und Brillen schützen sie sich gegen Tränengas und Gesichtserkennung. Billige Laserpointer stören teure Erkennungssysteme. Zur Kommunikation und Koordination werden, nach negativen Erfahrungen mit Telegram und Line, sogenannte Mesh-Apps wie Firechat oder Briar verwendet, die ohne W-Lan und Telefonnetz operieren. Handys werden mit Alufolie gegen Aushorchung geschützt. In ihrer Organisation agiert die Opposition dezentral und ohne Führungsfiguren. So lässt eine rudimentär gerüstete Bürgerbewegung von tränengasgetränkten Straßenbarrikaden aus Laserlichter tanzen. In Hongkong entsteht eine neue Form des Widerstands.

          Was hier geschieht, lässt auch hartgesottene Science-Fiction-Visionäre wie William Gibson nicht kalt. Als Mitbegründer des Cyberpunk-Genres, zu dessen berühmtesten Werken die dystopischen Hightech-trifft-Low-Life-Filme wie „Matrix“ oder „Blade Runner“ zählen, sieht er seine dystopischen Vorstellungen in der Wirklichkeit angekommen. „Wenn das kein Cyberpunk ist, was dann?“, fragt er auf Twitter.

          Während die chinesische Regierung in Peking die Zensur nochmals ausweitet, versucht, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, und ausländische Akteure (Journalisten) für die Proteste verantwortlich macht, geht der Kampf der Hongkonger Bürger um ihre Freiheitsrechte weiter. Er wird mit denkbar ungleichen Mitteln geführt.

          Im Kreuzfeuer: Peking macht auch ausländische Pressevertreter für die Proteste verantwortlich.

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