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Cybermobbing : Bring dich doch um, alle wären froh, wenn du tot wärst

Internetseiten wie die mittlerweile gesperrte „Isharegossip“ - zu deutsch „Ich teile Klatsch und Tratsch“ - können ganze Persönlichkeiten zerstören Bild: dapd

Cybermobbing kann Menschen zerstören. An Schulen ist die Macht der Beleidigung im Netz ein großes Problem. Doch es gibt Möglichkeiten, dem zu begegnen.

          „Es wird besser“, hatte Jamey Rodemeyer noch im Mai im Netz gepostet, doch im September las man dort und in vielen Zeitungen über ihn, was man von dem fünfzehnjährigen Justin Aaberg aus Minnesota, von der fünfzehnjährigen Holly Grogan aus Nordengland oder von der dreizehnjährigen Megan Meier aus Missouri lesen musste: Die Jugendlichen nahmen sich das Leben, weil sie im Internet so lange diffamiert und verspottet wurden, bis sie es nicht mehr ertrugen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Jamey Rodemeyer hatte gerade die achte Klasse der Heim Middle School im amerikanischen Buffalo abgeschlossen, eine Mitschülerin beschrieb ihn als lebhaft und zuvorkommend. Seit Monaten bereits litt der Junge aber darunter, dass auf seinem Nutzerprofil bei einem sozialen Netzwerk immer wieder anonyme herabsetzende Kommentare hinterlassen wurden. „Jamey ist dumm, schwul, fett und hässlich“, stand dort. Und: „Bring dich doch um, alle wären froh, wenn du tot wärst.“ Der Junge ist diesem furchtbaren Ratschlag schließlich gefolgt.

          Folgen noch nach Jahren

          Auf das auch hierzulande herrschende Ausmaß des Psychoterrors im Internet weist eine repräsentative Forsa-Umfrage von diesem Jahr hin. Demnach sind mehr als ein Drittel der Befragten zwischen vierzehn und zwanzig Jahren schon über das Internet oder das Handy direkt beleidigt oder bedroht worden. Besonders schlimm an der massiven Beleidigung im frühen Teenager-Alter sei, dass die psychischen Verletzungen in der prägenden Phase der Persönlichkeitsbildung stattfänden, sagt die Psychologin und Trainerin Catarina Katzer.

          Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Jugendgewalt und insbesondere mit sexualisierter Gewalt. Sie arbeitet mit jugendlichen Opfern wie auch in der Prävention durch Seminare an Schulen, und sie erzählt von Cybermobbing-Fällen, die man kaum glauben möchte. Man wundert sich nicht, dass die Betroffenen teilweise gezeichnet fürs Leben sind, manchmal noch Jahre später Reaktionen auf die traumatischen Erfahrungen zeigen.

          Opfer des Exhibitionismus

          Jamey Rodemeyers Fall ist besonders vielsagend, weil der Junge zunächst den Eindruck machte, er könne sich wehren und habe auch die schlimmsten Beleidigungen weggesteckt. Seinen Mutmacher-Kommentar vom Mai hatte er auf der Internetseite „itgetsbetter.org“ abgegeben, einer Plattform für Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle, die in kurzen Videos über ihre Erfahrungen in der Gesellschaft sprechen und jeweils mit einem optimistischen Appell enden. Dann aber beklagte sich Jamey zunehmend, er fühle sich alleingelassen. Womöglich wollte er sogar mit seinem Suizid ein Zeichen setzen. Eine seiner letzten Botschaften lautet: „Was muss ich denn noch tun, damit man mir endlich zuhört?“

          Leider muss man wohl auch sagen, dass der Junge ein Opfer jener Kultur des Exhibitionismus ist, die durch die sozialen Netzwerke so populär geworden ist. Es ist keine Seltenheit mehr, dass Vierzehnjährige sich in Videos über ihre sexuelle Orientierung auslassen und auch bildliche Eindrücke von sich preisgeben. Andere nutzen dies mit Spott und Häme gnadenlos aus.

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