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Komödie „Kein Herz für Inder“ : Das ist eine Schule fürs Leben

  • -Aktualisiert am

Gastfamilie im Film („Kein Herz für Inder“), 2017. Bild: ARD Degeto/Stephan Rabold

Den Schüleraustausch hatte sich Familie Neufund anders vorgestellt: Sandy aus London ist kein Mädchen, sondern ein dreizehnjähriger Inder. Das steht einer beschwingten Culture-Clash-Komödie aber nicht entgegen.

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          Man darf sich den jungen Erik Neufund (Martin Brambach) als unbeschwerten Lebenskünstler vorstellen. Lange Haare, Klampfe, Beatles-Song auf den Lippen, mit dem VW-Bully unterwegs. Knapp zwei Familienjahrzehnte später: ein Haus, das der Bank gehört, drohende Steuerprüfung, teure Zahnspangen, Sorgen. Nur der klapprige Bus steht als Dingsymbol der Jugendzeit noch in der Einfahrt. Zu den Coolen dürfte Neufund nie gehört haben, so übersetzt die fokussierte Kamera (Frank Küpper) das Mienenspiel von Martin Brambach. Die Coolen hörten die Rolling Stones.

          Heute sieht Neufund noch weniger aus wie Paul McCartney als damals, aber fast so abgelebt wie Mick Jagger. Er behandelt in seiner Arztpraxis fast niemanden, sucht nach tausendundeiner Möglichkeit, Kosten beruflich abzusetzen. Charlotte (Aglaia Szyszkowitz), die ihren Mann einmal unwiderstehlich fand, untersucht als Hydrologin tiefe Wasser auf Verschmutzungen und schläft mit dem Anwalt Humboldt (André Szymanski). Dass ausgerechnet dieses Ehepaar Tochter Fiona (Lena Urzendowski) zur Coolness verhelfen will, liegt am Erpressungsversuch der Deutschlehrerin Silber (Anna Stieblich). Die ist zwar etwas verrückt, mutet ihrer Klasse aber den „Faust“ zu und sorgt sich um das einsame Mädchen. Die Lösung: Schüleraustausch.

          Einerseits ist „Kein Herz für Inder“ ein typischer ARD-Freitagsfilm. Typische Ehekonflikte, leidlich witzig, Familienklischees auf nicht sarkastische Weise herausfordernd. Andererseits wusste Viviane Andereggen, die Regisseurin, schon in ihrem ersten größeren Spielfilm Jugendliche in Nöten anrührend-witzig in Szene zu setzen. In „Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut“ spielt Maximilian Ehrenreich einen jungen Juden aus areligiösem Elternhaus, der beschließt, seine zerstrittenen Eltern mit Vorbereitungen auf die Barmizwa zu überraschen. Andereggen zeigt auch dieses Mal, wie ernste Selbstfindungsgeschichten in einem vordergründig lustigen Szenenbilderbogen aus dem Leben eines Teenagers aufgelöst werden können. Lena Urzendowsky, die in „Das weiße Kaninchen“ schon ihr Talent für Figuren an der Schwelle zur Reife gezeigt hat und als Fiona ergebnislos über den Sinn des Daseins räsoniert, vermittelt eine realistische Mischung aus Unverständnis, Rebellion und Resignation.

          Haben keine Verständigungsprobleme: Charlotte (Aglaia Szyszkowitz) und Sandy (Zayn Baig).
          Haben keine Verständigungsprobleme: Charlotte (Aglaia Szyszkowitz) und Sandy (Zayn Baig). : Bild: ARD Degeto/Christiane Pausch

          Weiterhelfen soll die vermeintlich supertolle Beliebtheitsnachhilfe Sandy McCartney aus London. Diese entpuppt sich als Junge in Gandhi-Nachfolge mit golddurchwirkten Gewändern, der den Neufunds das Essen von toten Kühen austreibt, das Badezimmer für die überschwemmten Stufen des Ganges hält und im Kellerbügelzimmer meditiert.

          Zayn Baig als „Sandy“ Sacchidananda Char gibt den Klischeeinder wie einen jüngerer Bruder aus der akademischen Wundertruppe in „The Big Bang Theory“ – oberschlau und herzlich naiv, Professor Bienlein und Beatles-Guru in Personalunion. Also fast der übliche Katalysator für zeitgenössische Familienkrisen.

          Hier und da schmuggelt der Drehbuchautor Sathyan Ramesh einen rassismuskritischen Unterton in die Krise der Neufunds, die den unwillkommenen Inder schnell loswerden wollen. Wenn die Nachbarin knurrt: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, als Sandy aus dem Bus steigt, ist das ein Moment mit Meriten. Auch einige der Dialoge zwischen Eltern und Kindern sind gelungen lakonisch: Fionas ältere Schwester Annika (Mercedes Müller) nach dem Abendessen: „Gehe weg.“ Eltern, besorgt: „Wohin?“ „Drogen nehmen, Fesselsex, das Übliche.“ Die Auflösung der Clash-Geschichte ist leider schwach. Aus Martin Brambachs Figur noch eine „coole Sau“ machen zu wollen, ist keine gute Idee. Das ist der bewusst forcierten Klischeeparade eher abträglich.

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