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Culture-Clash-Komödie im ZDF : Sie spielen Ehe im Räucherstäbchennebel

  • -Aktualisiert am

Fruchtbare Hochzeit: Der Priester (Stephan Grossmann, links) vermählt Robert (Steffen Groth) und Kissy (Maryam Zaree). Bild: ZDF/Heinz Heiss

Haus gegen Jawort: Wenn die indische Traditionsgroßmutter zum Kreuzberger Enkelkind kommt, ahnt man Schlimmes – bekommt jedoch eine bollywoodeske Komödie mit Radau und Gehalt.

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          Das wäre doch eine Rolle für Shah Rukh Khan, den größten Charmebolzen der Weltkinogeschichte. Sollte es einmal zu einem Bollywood-Remake von „Marry Me – Aber bitte auf Indisch“, dem Spielfilm-Debüt der Berliner Regisseurin Neelesha Barthel, kommen, dann gäbe SRK jedenfalls einen prima Madras-Curry-Koch ab, der einer betörend schönen, ganz und gar antitraditionalistischen Hauptdarstellerin, die jedoch ihre indische Verwandtschaft mit einer vorgespielten Hochzeit zu besänftigen sucht, Augen und Herz verdreht. Allerdings gibt es für eine solche Neuauflage überhaupt keinen Grund, denn diese turbulente Multikulti-Komödie ist selbst schon ein halber Bollywood-Film, besitzt sogar zahlreiche Synchrontanzszenen, die wie der Chor in antiken Dramen das Geschehen kommentieren. Außerdem ist Fahri Yardim nichts weniger als unser Shah Rukh Khan, nur jünger und besser aussehend. Vor allem aber kann man die Hauptrolle der Kissy nicht perfekter ausfüllen als Maryam Zaree, die eine Kreuzbergerin mit indischer Abstammung zum Verlieben spielt.

          Es scheint der Fernsehsommer der Culture-Clash-Komödien zu sein. Nur zwei Tage zuvor hat die ARD den flapsigen Streifen „3 Türken und ein Baby“ ausgestrahlt. Same same, but different, darf man ohne Übertreibung sagen, zeigt doch jetzt das ZDF der Konkurrenz, wo der Elefant den Rüssel hat. Neelesha Barthels Film ist zwar ebenfalls eine farbsatte, klischeeüberbordende Romantikkomödie mit gattungskonformem Plot – resolute indische Oma (Bharati Jaffrey) wirbelt in westlicher Schluffi-Gesellschaft ordentlich Staub auf –, handelt aber zugleich von der schwierigen Identitätssuche zwischen den Kulturen, und das auf unverkrampfte Weise. Wo eben noch Selbstsicherheit war, tauchen Ambivalenzen der Zugehörigkeit auf. Kissy muss erkennen, dass ihr geliebtes Singledasein auch eine Flucht vor dem aktiven Auseinandersetzen mit der indischen Tradition war. Mit Flucht aber lassen sich Traditionen und Rollenbilder nicht ändern.

          Traumberuf Pilot: Im Innenhof von Kissys Mietshaus machen Laura (Rebecca Rudolph) und Robert (Steffen Groth) Yoga.

          Auf der Handlungsebene herrscht derweil bunter Karneval. Dass die vermeintlich wohlhabende Verwandte überraschend in Berlin aufgekreuzt ist – und ausgerechnet Serdar Somuncu als Taxifahrer erwischt hat, der zu ihrem Ärger tatsächlich auf dem vollen Fahrpreis beharrt: „Taxifahren nix gut für Ausländer, das machen Deutsche besser“ –, hat einen schlichten Grund: Sie ist pleite. Deshalb will sie das Haus verkaufen, das sie in Kreuzberg besitzt. Ihre als Geschiedene einst verstoßene, inzwischen gestorbene Tochter hatte darin ein indisches Restaurant betrieben. Längst hält Enkelin Kissy in Berlin die Fäden in der Hand. Sie betreibt ein typisches Kreuzberger Café, in dem typische Kreuzberger Nichtsnutze koffeinhaltigen Milchschaum schlürfen. Die Oma fällt beinahe in Ohnmacht angesichts der Optik des Ladens: „Alles kaputt!“ Sehr typische Berliner Antwort: „Das soll so sein.“ Ratzfatz lässt die Alte die Ganesha-Statue aus dem Keller hervorkramen: „You must have Indian Restaurant. Family Tradition.“

          Kissy, die mit ihrer jüngeren, sich nach einem flotten Hindu sehnenden Schwester (Mira Kandathil) und ihrer unehelichen Tochter eine der prächtigen Altbauwohnungen im Haus bewohnt, hat die übrigen Wohnungen für kleines Geld („You can’t do business!“) an Berliner Prekariatsvolk vermietet: ein lesbisches Paar, zwei kirchenmausarme Rentner, ein eigenschaftsloser Sebastian, eine Yoga-Laura (Rebecca Rudolph). Vor allem aber wohnt hier auch der wegen Burnouts dauerkrankgeschriebene Ex-Pilot Robert: der Vater von Kissys Kind, der von Steffen Groth grandios durchhängend gespielt wird. Alle Figuren sind leicht überzeichnet, aber niemand wird denunziert. Zunächst einmal ist der Film nach einem Buch von gleich vier Autoren (Neelesha Barthel, Daniela Baumgärtl, Nina Pourlak und Sintje Rosema) damit ein charmantes Sittenbild aus dem Herzen der Hauptstadt.

          Oma Sujata verlangt nun klare Verhältnisse, wolle Kissy Haus und Café behalten, und das bedeutet: Der Kindsvater muss geheiratet werden, und zwar nach indischen Ritus (mit Elefant, der allerdings Afrikaner ist). Kissy steht schnell der einzige Ausweg vor Augen: eine Scheinehe im Räucherstäbchennebel. Robert, der eine – dann natürlich doch nicht ganz so – offene Beziehung mit dem Yogafräulein führt, lässt sich schnell überzeugen, schließlich verlöre er sonst seine Wohnung. Sowieso ist ihm ein bisschen egal, welche Frau er nun hat. Der von der Oma neu eingestellte Koch verkompliziert die Sache von der anderen Seite her, obwohl auch er in die Scharade eingeweiht ist, aber von Kissy verlangt, zu ihren eigenen Wünschen zu stehen. Was diese sind, wird ihr aber erst nach und nach klar.

          Die Botschaft ist so einfach wie richtig: Man muss sich gar nicht für eine Kultur entscheiden, sondern darf die Zutaten frei wählen und sein eigenes Identitäts-Curry zusammenmischen. Totalablehnung kann genauso ins Abseits führen wie Rollenerfüllung aus Scham. Das geht nicht allzu sehr in die Tiefe. Auch gibt es ein paar Albernheiten, die man sich hätte schenken können: Muss die übergriffige Oma, die die krallenbewehrte Tradition personifiziert, auch noch mit dem Kamasutra kommen? Alles in allem aber ist dieser gutgelaunte Film ein überzeugendes Debüt mit Hintersinn.

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