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„Cosplay“ : Zu jedem Manga den passenden Tanga

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„Cosplay”: Mit Herz, Hand und Nähmaschine Bild: Matthias Lüdecke

Blaue Haare, Schmetterlingsflügel, Samtkleider im viktorianischen Schnitt, Miniröcke, unter denen Katzenschwänze hervorschauen: Nicht nur auf der Buchmesse verkleideten sich Fans wie ihre Comic-Helden. Thomas Scholz über den Siegeszug einer Subkultur.

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          Grazil nimmt die junge Frau Platz und streicht ihre blonden, gelockten Haare zurück. Kokett zupft sie die weiten Ärmel ihres hellblauen Kleides zurecht, rückt das weiße Spitzenhäubchen in Positur und nimmt dann einen goldenen Schäferstab in die rechte Hand, während sie mit der linken ein Ferkel auf ihren Schoß hebt. Die pastorale Szene wäre perfekt, wenn nicht das Schwein aus Plüsch und der güldene Stab aus Kunststoff wären.

          Der Begleiter der Schäferin zerstört die Illusion dann vollends. Ihre Frage „Kannst du mir mal die Cola geben?“, richtet sich an einen barock gekleideten Dämonenfürsten - schwarze Hörner aus Latex, eine rote Kunststofffratze, schwere Stulpenstiefel und ein goldbesticktes Brokatgewand sind seine Amtszeichen. Bei der Antwort erklingt dann auch nicht der Bass eines gestandenen Höllenprinzen, sondern die kieksende Stimme eines pubertären Teenagers.

          Ein System, das nur Eingeweihte kennen

          Im Congresszentrum der Leipziger Messe fallen sie kaum auf. Es tummeln sich hier die absonderlichsten Gestalten in aberwitzigen Kostümen: knielange blaue Haare zwischen roten Schmetterlingsflügeln mit einem Meter Spannweite, hochgeschlossene Samtkleider im viktorianischen Schnitt, knappe Miniröcke, unter denen künstliche Katzenschwänze hervorschauen. Hinter dem kunterbunten Treiben steckt ein System, das nur der Eingeweihte erkennt. Denn die meist jungen Menschen, die mit ihren Kostümen der Leipziger Buchmesse einen auffälligen Farbtupfer verliehen, folgen einem strengen Dresscode. Sie tragen die Kleidung von Charakteren aus japanischen Comics, Animationsfilmen und Computerspielen, frisieren sich wie ihre Helden und schlüpfen für kurze Zeit in deren Haut. Sie sind Cosplayer.

          „Cosplay”: Mit Herz, Hand und Nähmaschine Bilderstrecke
          „Cosplay“ : Zu jedem Manga den passenden Tanga

          Der Begriff leitet sich vom englischen „costume play“ ab und stammt aus Japan. Dort ist Cosplay schon lange ein fester Bestandteil der Popkultur. Vor rund zehn Jahren kam das Hobby nach Deutschland. Fans von Animes und Mangas begannen - getreu dem Ursprung im Land der aufgehenden Sonne - die Kostüme ihrer Idole zu schneidern und sie an gemeinsamen Treffen mit den dazugehörigen Frisuren und dem passenden Make-up zu tragen.

          Kostüme zu kaufen ist verpönt, Cosplayer schneidern selbst

          Cosplay boomt. Deutschlands größte Veranstaltung, die jährliche „Connichi“, hat mittlerweile dreizehntausend Besucher - Tendenz steigend. Sowohl auf der Leipziger als auch auf der Frankfurter Buchmesse haben sich die Kostümträger im Anhang der Comicbranche etabliert. Dabei orientiert sich diese neue Jugendsubkultur an Idealen, die bisweilen eher traditionell anmuten: Kostüme zu kaufen ist verpönt, Cosplayer schneidern selbst. Sie legen Wert auf präzise Ausführung der Handwerksarbeit und originalgetreue Schnitte. Ihre Mütter hätten sich anfangs sehr gewundert, dass die alten Nähmaschinen zu neuen Ehren gekommen seien, berichten drei junge Frauen kichernd, während sie sich überdimensionierten Katzenohren im toupierten Haar zurechtrücken. Und sogleich fangen sie an, Schneidertipps auszutauschen. Hier arbeitet man vereint am gemeinsamen Ziel, schöne Kostüme zu präsentieren.

          Für Missgunst und Neid ist die Szene zu klein, noch kann jeder mit seiner Kreation glänzen. „Bewundern und bewundert werden“ scheint ein Motto der Gemeinschaft zu sein. Um ihre Schöpfungen zu präsentieren, treten einige Cosplayer im Wettbewerb gegeneinander an. Zusätzlich zu den Kostümen entscheidet hier eine Showeinlage über den Erfolg. Nachgestellte Szenen, selbstgeschriebene Monologe, Playback-Gesang, Live-Musik und Tanznummern werden auf die Bühne gebracht. Auch wenn das Niveau der Vorführungen stark variiert, ist das Gezeigte oftmals erstaunlich originell. Die Helden der Comics werden persifliert, Shakespeares Sommernachtstraum mit japanischen Feen verquirlt und die Fiktionalität der eigenen Darstellung thematisiert. Hier ist die Postmoderne lebendig.

          Aus schüchternen Teeanagern werden strahlende Helden

          All das geschieht mit beeindruckender Unbeschwertheit. Die Freude an der eigenen Schaffenskraft ist die Motivation. Der Mut zum Auftritt wird von den Zuschauern stets mit einem Mindestmaß an Applaus gewürdigt - egal, wie hölzern einige schlecht geschriebene Dialoge auch vorgetragen werden. Die Benotung von Darbietung und Kostümen durch eine Jury aus erfahrenen Cosplayern und Mangazeichnern erfolgt geheim. Voyeurismus, wie er vom Fernsehen durch tränenreiche Niederlagen in Castingshows befriedigt wird, findet hier keine Nahrung. Im paradiesischen Miteinander sind auch die spärlichen Kostüme vieler weiblicher Cosplayer kein Grund zum Anstoß. Der Bikini sei im Schwimmbad angemessen und dafür hier eben der äußerst knappe Minirock oder das rücken- und bauchfreie Oberteil.

          Im Alltag trägt man die Kostüme natürlich nicht. Ein Cosplay-Treffen ist ein Mikrokosmos, der getrennt vom Alltag existiert. Aus schüchternen Teeanagern werden hier unter dem Schutz der Maskerade strahlende Helden oder finstere Bösewichte. Zugehörigkeit ist nicht abhängig von Statussymbolen, der Zugang zur Gemeinschaft entsteht über das Interesse an der japanischen Popkultur. Andere Bedingungen gibt es nicht. Auch wenn die Mehrzahl der Cosplayer zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahre alt ist, werden jüngere wie ältere gleichermaßen akzeptiert.

          Die Weltmeisterschaft läuft im japanischen Fernsehen

          Internationale Vernetzung ist auch selbstverständlich. Deutsche Cosplayer fahren zu Treffen und Wettbewerben nach Frankreich, Italien, Dänemark - und nicht zuletzt nach Japan. Zum World Cosplay Summit, der Weltmeisterschaft des Cosplay, die im japanischen Fernsehen übertragen wird, reisen mittlerweile Teilnehmer aus zwölf Nationen an. Wenn Englisch als Lingua Franca versagt, wird auf Basis des gemeinsamen Hintergunds mit Händen und Füßen kommuniziert - auch Comics bedienen sich schließlich der Bildsprache. Ein Dialog über Bildästhetik zwischen jugendlichen Mexikanern, Deutschen und Chinesen in Japan ist keine Zukunftsvision von kultureller Globalisierung, sondern für Cosplayer längst Realität.

          Die Nebeneffekte ihres Hobbys - der kulturelle Dialog, die Entfaltung der eigenen Kreaitivität, die kritische Auseinandersetzung mit Medien - sind den Cosplayern jedoch nicht besonders wichtig. Für sie steht allein die Freude am Kostümieren im Vordergrund. Selbst wenn dabei philosophische Ansätze entstehen - wie bei der Showtruppe „Daijoubu“, die Tanz, Schauspiel und Cosplay verbindet und sich einmal in die Lage der Bösewichte versetzte. Denn wenn für die Bösen das Böse gut ist und das Gute der Guten somit eigentlich böse, sind moralische Standpunkte doch relativ. Das trotzdem das Böse verliert und das Gute gewinnt zeigt, dass im Cosplay die Welt eben doch eine heile ist.

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