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Coronavirus-Satire : „Es rafft die Alten dahin“

Das ist wirklich zum Husten: Schlecky Silberstein und das Bohemian Browser Ballett haben zur Corona-Pandemie etwas zu sagen. Bild: Bohemian Browser Ballett

Für das öffentlich-rechtliche Onlineportal „funk“ hat das Bohemian Browser Ballett eine Corona-Satire produziert und damit viel Kritik geerntet. Dafür, heißt es jetzt aus dem Team, habe man Verständnis – für die Einwände weniger.

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          Harald Schmidt sagte einst „Ja! zu deutschem Wasser“, das Bohemian Browser Ballett sagt „Ja zu Corona!“ Warum? Weil sich mit diesem Virus „der Planet praktisch von selbst“ heilt und das Virus „fair“ ist: „Es rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos. Das ist nur gerecht, immerhin hat die Generation 65+ diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll gegen die Wand gefahren.“

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das ist ein ziemlich schwerer Treffer, den der Comedian Schlecky Silberstein mit seiner Truppe landet, deren kurze Filme auf der Online-Plattform von ARD und ZDF „funk“ laufen. In zwei Minuten und sechs Sekunden singt Silberstein in dem Clip „Corona rettet die Welt“ ein Loblied auf das Virus, weil es auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen erwische, die es bekanntlich vor allem in den Wohlstandsnationen gebe, „wo die Menschen sich wenig bewegen und alle ein bisschen fetter sind“, also vor allem in den Vereinigten Staaten, „die mit ihrer Wachstum-um-jeden-Preis-Manier-Politik schon immer diesen Planeten in die Bredouille gebracht haben.“

          „Ein neues, grünes Paradies“

          „Vielleicht“, räsoniert Silberstein weiter, „ist ja auch das Corona-Virus nur eine Antwort auf den Turbo-Kapitalismus“: Der Flugverkehr bricht ein, Produktion und Konsum gehen zurück, in China sinkt die Luftverschmutzung „dank Corona in kürzester Zeit“: „Wenn das so weitergeht, dann erleben wir hier vielleicht mal ein neues grünes Paradies.“

          Würde man das wörtlich nehmen, wie mancher, der darauf gerade im Netz reagiert, müsste der WDR-Intendant und ARD-Vorsitzende Tom Buhrow wahrscheinlich bald wieder zum Rapport, wie nach dem „Umweltsau“-Video des WDR-Kinderchors.

          Aber in diesem Fall sollten diejenigen, die das für geschmacklos halten (was jedem unbenommen ist) oder für Altersrassismus, vielleicht darauf achten, dass diese Satire anders als die „Omagate“-Geschichte ihren bösen Witz nicht nur gegen bestimmte Gruppen, sondern am Ende gegen die ganze Menschheit richtet und so kenntlich macht, wie jemand tickt, der tatsächlich so denkt: „Ist das Problem nicht eigentlich, dass es von uns viel zu viele gibt? Wenige Menschen bedeutet weniger Ressourcenknappheit, das bedeutet weniger Hunger, das bedeutet weniger Krieg und das bedeutet weniger Fluchtursachen. Also wahrscheinlich ist das Corona-Virus nur ein schöner und sinnvoller Reflex der Natur, um uns Menschen mal wieder zu sagen, wer hier eigentlich die Hosen an hat. Deshalb: Schluss mit diesem kleinkarierten Egoismus. Corona ist deshalb da, weil wir es nicht anders verdient haben.“

          Richtet sich das nur gegen Ältere, Amerikaner und Bewegungsfaule? Oder vielleicht nicht eher gegen Jüngere, Radikalökologen und Menschheitsverächter? Gegen Leute, die tatsächlich so denken und sich dabei auch noch gut fühlen? Man muss diese Suada von zwei Minuten nicht für umwerfend komisch halten, aber schon beim zweiten Ansehen kann man auch den Eindruck haben, es handele sich hier um die szenisch aufbereitete Verballhornung eines „Tagesthemen“-Kommentars.

          Wer sich nur durch ein paar der Videos klickt, die das Bohemian Browser Ballett für „funk“ im Netz, bei Facebook und Youtube abstellt, wird merken, dass hier immer voll auf die Tube gedrückt wird. Das ist nicht immer sehr witzig, aber oft sehr treffend. Empfohlen seien zum Beispiel die Videos „Feindbild Politiker: Eine Bürgermeisterin schlägt zurück!“ oder „Plötzlich Nazi“. Mit Witzen über die Corona-Pandemie sollte man sicherlich vorsichtig sein, aber bei der Gelegenheit darf man schon meinen: „Wir sagen Ja! zum Bohemian Browser Ballett!“

          Aufgrund der zahlreiche Reaktionen hat sich das Bohemian Browser Ballet schließlich auch in eigener Sache erklärt, wie man unter dem Video nachlesen kann: „Wir verstehen die Angst und auch die Wut der Menschen, die sich aktuell um ihr eigenes Wohlergehen oder das ihrer Angehörigen sorgen und sich durch unseren Clip ,Corona rettet die Welt` verletzt oder in ihrer Sorge nicht ernst genommen fühlen. Unser Anliegen war eine satirische Einordnung des Virus als vermeintlicher Schutzreflex des Planeten. Im Kern geht es um die Beobachtung der überraschenden Wechselbeziehung zwischen den Konsequenzen der Corona-Pandemie und den Effekten für das Klima. Darin steckt eine zugegebenermaßen extrem bittere Ironie, auf die wir mit dem satirischen Stilmittel der Übertreibung aufmerksam machen wollen. Aber wir haben Respekt für die Gefühle unseres Publikums und sorgen uns wie alle anderen um das Wohlergehen all jener, deren Gesundheit durch die Pandemie besonders gefährdet ist. Daher stehen wir weiterhin hinter unserer Arbeit und entschuldigen uns gleichzeitig bei allen, die wir mit dem Clip verletzt haben.“

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