https://www.faz.net/-gqz-9xqbq

„Big Brother“ und Corona : Kommt bloß nicht raus, hier ist alles bestens

  • -Aktualisiert am

Die Bewohner des „Big Brother“-Hauses erfahren von dem Coronavirus Bild: Sat.1 / Screenshot F.A.S.

Die Menschen in der Schleife: Wie die von allen Weltereignissen abgeschirmten Bewohner der Sat.1-Sendung „Big Brother“ von der Coronavirus-Pandemie erfuhren. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Jetblue Flight 292 von Burbank nach New York, am 21. September 2005, hatte Schwierigkeiten gleich nach dem Start. Das Fahrwerk klemmte und stand schief. Der Kapitän meldete sich und kündigte an, dass man über dem Pazifik kreisen und Treibstoff verbrauchen und dann notlanden würde. Bitte bewahren Sie Ruhe. Es gibt keinen Grund zur Sorge. In der Garnitur dieses Flugzeugs gab es in jedem Sitz ein DirecTV-System, über das man den Sender MSNBC empfangen konnte. Und so sahen die Passagiere auf den Bildschirmen vor ihnen live im Fernsehen ihr eigenes Flugzeug in den Abendnachrichten. Es kreiste da oben, an einem wolkenlosen blauen Himmel, stundenlang über dem Meer, und verbrauchte Treibstoff. Nach einer Weile meldete sich der Kapitän und entschuldigte sich bei den Passagieren für die entstandene Endlosschleife. Man habe ihnen keine Angst einjagen wollen. Und damit schaltete er die Bildschirme ab.

          Und nun, am 17. März, haben die seit Anfang Februar von allen Weltereignissen abgeschirmten Bewohner der Sat-1-Sendung „Big Brother“ von der Coronavirus-Pandemie erfahren. Sie saßen dabei in einem Raum, und ein Moderator und ein „Big-Brother-Arzt“ erschienen vor ihnen in einem gesonderten Bereich hinter einer Glasscheibe. Man müsse ihnen etwas mitteilen, aber bitte keine Panik, alles okay. Wirklich, kein Grund zur Sorge. Es gebe da eine neue Krankheit. Und in dem Augenblick dachte ich: Whoa, er hat recht.

          Im Schnellvorlauf wurden den Bewohnern die Ausbreitung der Krankheit und die deutschlandweit durchgesetzten Maßnahmen beschrieben und auch in knappen Einspielern bildlich verdeutlicht. Einige der Bewohner weinten oder blickten ängstlich. Andere wirkten ruhig. Wenn man als Erwachsener schreckliche Dinge in einem Stil erklärt bekommt, als wäre man acht Jahre alt, dringen sie bekanntlich viel tiefer ein. „So, und aus diesem Grund geben wir einander nicht mehr die Hände“, sagte der Moderator. Ich blickte auf meine Hände. Es war Zeit für Fragen. Ein junger Mann wollte wissen, wie das Virus denn behandelt werde, wenn man noch kein Heilmittel dafür kenne. Es greife nur ältere Personen an, so sei es gerade erklärt worden, also warte man bei älteren Personen einfach, ob sie sterben oder nicht?

          Na ja, antwortete der Doktor, man müsse natürlich auch bei alten Menschen auf den Verlauf achten. Und dann unterstützen, wo man könne. „Man kann nur zuschauen?“, fragte der junge Mann. „Ja, man kann unterstützen.“ Der Moderator schaltete sich ein: „Aber bei Influenza kann man eben auch nur zuschauen.“ Kein Wort bislang über die Todeszahlen in Italien und anderen stärker betroffenen Ländern.

          Wie bei allen TV-Sendungen im Stil von „Big Brother“ ist es äußerst leicht, die darin herrschenden Strategien der Total-Infantilisierung festzustellen und zu kritisieren. Das müssen wir also hier nicht extra machen. Eher erstaunte es mich, wie sehr es mich bewegte, den Moderator ständig davon berichten zu hören, wie „wir hier draußen“ das nun alles machen. Er schafft eine klare Differenz zwischen den Menschen in der Kapsel und uns, den Zuschauern. Wir bewohnen, leider, die Realität. Und in der machen wir dies und das nun anders.

          Ich warte auf die Frage, wie viele Tote es in Deutschland gebe. Und sie kommt auch. Die Antwort lautet, na ja, momentan so zirka 20, also noch nicht so viel. Aber auch jetzt verschweigt man die internationalen Zahlen. Die sehr herzensvolle Frage einer Bewohnerin, wie der Zustand in Altenheimen sei, wird ebenfalls leichtfüßig beantwortet. Ja, man gebe natürlich jede Unterstützung. Darf man so unwahr beschwichtigen? Ich weiß es nicht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Schieflage: Hauptsitz der Awo Frankfurt an der Henschelstraße

          Awo Frankfurt : Dokument der Maßlosigkeit

          Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt fasst in seinem Zwischenbericht nüchtern zusammen, was die Sonderprüfung des Kreisverbands Frankfurt ergeben hat. Die beschriebenen Zustände grenzen ans Absurde.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.