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Protest gegen Corona-Maßnahmen : Covidioten sind unter uns

Falsche Maske, falsch herum aufgesetzt: Demonstrantin auf dem Cannstatter Wasen. Bild: dpa

Sie sind wieder da - die selbsternannten Retter von Freiheit und Demokratie. Sie gehen auf die Straße und gerieren sich als Widerständler gegen eine vermeintliche Corona-Diktatur. In Wahrheit sind die Protestler etwas ganz anderes.

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          Bodo Schiffmann weiß es genau. „Für den Lockdown gab es eigentlich nie eine richtige Indikation“, sagt der HNO-Arzt aus Sinsheim und meint, wir müssten „einfach mal darüber reden, was mit unserer Demokratie passiert ist, mit unserer Freiheit, unseren Freiheitsrechten“.

          Das meinen jetzt viele. Am Wochenende sind sie auf die Straße gegangen, in Stuttgart, Berlin, Dortmund, Frankfurt, Köln, München und Nürnberg. Ohne Abstand, ohne Schutzmasken, aber in der Gewissheit, das Richtige zu tun. Sie sehen sich als Verteidiger der Demokratie. Von der extremen Linken bis zur extremen Rechten reicht die Phalanx, mittendrin die AfD; ein FDP-Politiker wie der Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich ist auch dabei. Die Herrschaften sehen sich im Widerstand gegen eine vermeintliche Corona-Diktatur.

          Linke, Rechte, verirrte Liberale, Antifa, Faschisten

          Hunderttausend Mitglieder will der „Widerstand 2020“ von Bodo Schiffmann haben. Mitglied wird man wohl schon, wenn man auf die Website klickt. Dann tritt man einem Verein bei, in dessen Namen ein Rechtsanwalt ankündigt, „dass wir uns unsere Freiheit zurückholen“. Für ihn heißt das, dass er die Familie besuchen kann – sie lebt auf Mallorca.

          Diejenigen, die nicht auf Mallorca leben, gewärtigen, wozu die Aufmärsche am Wochenende, für deren Teilnehmer sich bei Twitter der Hashtag „Covidioten“ gefunden hat, wirklich einen Beitrag leisten: Die Reproduktionszahl der Corona-Pandemie ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts von 0,65 auf 1,1 gestiegen. Das stellt die Lockerungen der Corona-Maßnahmen gleich wieder in Frage. Geistern, wie sie sich bei „Querdenken 711“ in Stuttgart versammelt haben, ist das nur Wasser auf die Mühlen. Deren Begründer, der IT-Unternehmer Michael Ballweg, will dem Grundgesetz wieder zur Geltung verhelfen und Neuwahlen erreichen. Auf seiner Einladungsliste steht der einschlägig antisemitisch ausgewiesene Youtuber Ken Jebsen, der die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie für eine Verschwörung hält, hinter der Bill und Melinda Gates stecken, die der ganzen Welt eine unnötige Impfung aufdrücken wollen.

          Wer kommt da zusammen: Linke, Rechte, verirrte Liberale, Antifa, Faschisten, Esoteriker, Impfgegner, Verschwörungstheoretiker. Sie okkupieren die Debatte. Sie verdrängen rationales Nachdenken und Reden über angemessenes staatliches Handeln. Dazu hat FDP-Chef Christian Lindner mit schneidigen Einlassungen ebenso beigetragen wie die „Bild“-Zeitung mit Weltuntergangsbeschwörungen und diverse Publizisten, denen im Netz die Sicherungen durchbrennen. Sie negieren, was die Virus-Pandemie bedeutet, sie lassen außer Acht, was diese in anderen Ländern anrichtet. Sie profitieren von der Umsicht, die in unserem Land dazu beigetragen hat, die Lage einigermaßen zu beherrschen. Hätten wir Verhältnisse wie in Norditalien, wäre ein Rumpelstilzchentreff wie auf dem Cannstatter Wasen nicht denkbar. Und schließlich dementieren sich die Corona-Kritiker durch ihr Geschrei fortwährend selbst. Lebten wir in einer Diktatur, fänden sie kein Gehör, ginge es in Presse und Rundfunk, in Leitartikeln, Podcasts, Sondersendungen und Talkshows nicht seit Wochen um die Frage nach der Bedrohung durch das Virus und der Verhältnismäßigkeit der Einschränkungsmittel und darum, mit ihnen nicht Gesellschaft und Wirtschaft lahmzulegen.

          Verräterisch am Auftreten der vermeintlichen Demokratiefreunde, für die Demokratie allein die Durchsetzung ihrer eigenen Meinung bedeutet, ist nicht nur der aggressive Reflex gegen gewählte Volksvertreter, sondern auch gegen Journalisten. Man frage sich schon, sagte Oliver Welke in der „heute-show“, deren Reporterteam in Berlin von – mutmaßlich linken – Gewalttätern bei einer Corona-Demo angegriffen wurde: „Ist es wirklich konsequent, am Rande von Veranstaltungen, die sich angeblich für Grundrechte einsetzen, ausgerechnet die Pressefreiheit im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen zu treten?“

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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