https://www.faz.net/-gqz-9yqc0

Zeitungen und Zeitschriften : Die Leiden der Verlage

Eine Kundin in einem Kiosk in Berlin Bild: dpa

Systemrelevant – einige Bundesländer zählen dazu auch den Journalismus. Doch die Anzeigenerlöse der Verlage sinken, teilweise dramatisch. Die Hilferufe nach der Politik werden lauter. Doch was heißt das für die Pressefreiheit?

          3 Min.

          Systemrelevant, aber in Kurzarbeit. So lässt sich die Lage der Verlage in Deutschland zusammenfassen. Einerseits steigt die Reichweite von Zeitschriften und Zeitungen in der Corona-Krise deutlich an, was an höheren Zugriffsraten im Internet liegt; die Menschen haben ein höheres Informationsbedürfnis. Umfragen zeigen zudem, dass das Vertrauen der Menschen in etablierte Medien zurzeit wieder zunimmt. Viele Bundesländer stufen Journalisten als systemrelevant oder kritische Infrastruktur ein.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gleichzeitig erodiert die wirtschaftliche Basis vieler Verlage, vor allem im analogen Printgeschäft. Die Anzeigenerlöse liegen zurzeit je nach Branche um 20 bis 80 Prozent niedriger, weil viele Unternehmen ihre Werbung eingestellt oder reduziert haben. Sie müssen Geld sparen und Werbung lohnt sich kaum, wenn die Geschäfte geschlossen sind, in denen die Produkte verkauft werden könnten. Für das Gesamtjahr werden im Anzeigengeschäft Umsatzeinbußen um bis zu zwei Fünftel befürchtet. Auch die Verkäufe gehen zurück, weil es kaum noch Publikumsverkehr gibt, beispielsweise an Bahnhöfen. Acht Prozent der Verkaufsstellen seien ganz geschlossen, heißt es vom Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ). Der Verkauf sinke vor allem für teure Zeitschriften um bis zu 50 Prozent, warnte der VDZ am Mittwoch. Und das Veranstaltungsgeschäft, das für viele Verlage zu einer dritten Säule geworden ist, ruht völlig. In den wenigsten Verlagen kann das Digitale die Verluste im Analogen wettmachen.

          Viele haben nun schon Kurzarbeit angemeldet. Vier von fünf Tageszeitungsverlagen planen Kurzarbeit oder haben diese schon angemeldet, heißt es vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), in dem die Zeitungen organisiert sind. Etwa jede dritte Redaktion sei betroffen, darunter auch die größten Tageszeitungen und Verlage des Landes. Ähnlich ist die Lage der Zeitschriften: Unter den Zeitschriftenverlagen denkt laut einer Umfrage des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger aktuell nur ein Sechstel nicht über Kurzarbeit nach, so der VDZ. Die Hälfte der Verlage erwägt es in Teilen des Unternehmens, jeder Dritte sogar im Gesamten.

          Medienvielfalt oder Pressefreiheit?

          Deshalb werden Forderungen nach Hilfen aus der Politik immer lauter. Insolvenzen sind nicht unwahrscheinlich, weshalb einige Verbände die Medienvielfalt in Gefahr sehen. Allerdings sind die Rufe nach der Politik eine Gratwanderung: Medienvielfalt und Pressefreiheit stehen sich gegenüber. Staatliche Hilfszahlungen könnten zwar die Medienvielfalt sichern, würden aber gleichzeitig die Pressefreiheit gefährden. „Wir sind große Anhänger einer freien Presse, die sich marktwirtschaftlich finanziert“, betonte VDZ-Vizepräsident und Burda-Vorstand Philipp Welte.

          VDZ-Präsident Rudolf Thiemann ergänzte: „Direkte staatliche Zahlungen an notleidende Verlage bergen mehr Gefahren als Chancen.“ Die Verleger seien freie Unternehmer und wenn schwach finanzierte Verlage insolvent gingen oder übernommen würden, handele es sich eben um eine Bereinigung des Marktes, die die Corona-Krise nur beschleunige. Der Staat sei für die Rahmenbedingungen zuständig. Dazu zählen die Zeitschriftenverleger die Postzustellung, die aus ihrer Sicht in den vergangenen Jahren zu teuer geworden ist. Ein runder Tisch mit Vertretern der Politik und der Post solle her.

          „Ein starker digitaler Schub“

          Am Dienstag hatte eine Reihe von Verbänden der Medien- und Werbewirtschaft einen Brandbrief an die Politik veröffentlicht: „Die Corona-Krise birgt insbesondere auch die Gefahr erheblicher Vielfaltseinbußen im Medienmarkt“, heißt es in dem Schreiben an die zuständigen Bundesminister. Die Verlage hätten Mühe, sich zu refinanzieren. „Mit der Corona-Krise steht die Infrastruktur unserer Demokratie auf dem Spiel“, heißt es in dem Schreiben.

          Die genannten Vorschläge, die Verlage und Agenturen entlasten sollen, sind so gestaltet, dass eine direkte staatliche Beteiligung oder mögliche Einflussnahme vermieden wird: Der Staat solle zinsfreie Darlehen vergeben, Werbeausgaben mit 30 Prozent bezuschussen, Lohnsteuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge aussetzen und die Wirtschaftsjahre 2019 und 2020 steuerlich vereinen, damit Gewinne aus dem Vorjahr mit möglichen Verlusten aus dem laufenden Jahr verrechnet werden können und damit die Steuern niedriger ausfallen.

          Doch so ganz einig scheint man sich in der Branche nicht zu sein. Im Zeitungsverband BDZV gibt man sich gelassener. Dessen Sprecherin Anja Pasquay teilt die Sorge um die Medienvielfalt nicht so recht: „Im Gegenteil: Ich glaube, dass wir die Medienvielfalt, gerade im Lokalen, eher gestärkt haben, weil wir im öffentlichen Bewusstsein gezeigt haben, wie wichtig wir sind.“ Und zudem habe die Krise wenigstens ein Gutes: „Einen starken digitalen Schub.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

           Eine Mitarbeiterin des Instituts für Infektiologie Emilio Ribas zeigt den Impfstoff gegen SARS-CoV-2 des chinesischen Pharmakonzerns Sinovac.

          „Versehen“ des RKI : Das Wumms-Papier aus der Berliner Corona-Zentrale

          Impfung im Herbst – das Schicksal meint es wirklich gut mit den Deutschen, so musste man das neue Positionspapier des Robert-Koch-Instituts zur Corona-Strategie deuten. Bis der Traum ganz schnell zerplatzte.

          Wieder Proteste : Belarus trotzt der Polizeigewalt

          In den vergangenen Nächten ließ Lukaschenka Proteste gegen seinen angeblichen Wahlsieg brutal niedergeschlagen, dennoch gehen auch am Mittwoch wieder Tausende auf die Straße. Nun gibt es ein zweites Todesopfer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.