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Aus für den „Jewish Chronicle“ : Älteste jüdische Zeitung der Welt ist insolvent

Mit dieser Ausgabe sorgte der „Jewish Chronicle“ für besonderes Aufsehen: eine Warnung vor dem Labourchef Jeremy Corbyn. Bild: JC/Verlag

Die Corona-Krise zwingt den „Jewish Chronicle“ zur Aufgabe. Die Zeitung ist eine Institution, der Verlust ihrer Stimme in der Politik wiegt schwer. Wie wichtig das Blatt war, zeigte sich zuletzt, als es um den Antisemitismus der Labour Party ging.

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          Inmitten der Corona-Krise ist der in London erscheinende „Jewish Chronicle“, die älteste jüdische Zeitung der Welt, in dieser Woche pleitegegangen. Die Wochenzeitung ist eine Institution. Nach fast 180 Jahren kontinuierlicher Publikation wird sie eingestellt. „Mit großer Traurigkeit hat das Direktorium des Jewish Chronicle die Entscheidung getroffen, bei den Gläubigern eine freiwillige Liquidierung zu beantragen“, teilte die Zeitung kurz vor dem Pessach-Fest auf ihrer Website mit. „Trotz der heroischen Anstrengungen“ von Redaktion und Verlag könne die Zeitung in ihrer jetzigen Form die Folgen der Corona-Epidemie nicht überleben. Chefredakteur Stephen Pollard sprach auf Twitter von einer verheerenden Nachricht. Prominente Politiker wie Ex-Finanzminister Sajid Javid und Publizisten verschiedenster politischer Richtungen drückten ihr Bedauern aus.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In den nächsten zwei bis drei Wochen werde die Liquidierung abgeschlossen, schrieb die Geschäftsleitung. Auch die Gratiszeitung „Jewish News“, mit der sie zuletzt noch fusionieren wollten, ist insolvent und wird abgewickelt. Beide Zeitungen litten unter sinkenden Auflagen und kamen nur auf jeweils etwa 20.000 Stück. Von der Insolvenz sind 54 Mitarbeiter betroffen.

          Das wahrscheinliche Aus des seit 1841 gedruckten „Chronicle“ ist nicht nur ein schwerer Schlag für die jüdische Gemeinde von knapp 300.000 Mitgliedern im Vereinigten Königreich, die Nachricht schlug bis nach Israel hohe Wellen. Im „Chronicle“ schrieben Anfang des 20. Jahrhunderts so berühmte Autoren wie Theodor Herzl Artikel. Letzten Herbst erregte „The JC“, wie die Zeitung oft genannt wurde, Aufmerksamkeit mit einer eindringlichen Warnung vor der Wahl des von ihr als antisemitisch kritisierten Labour-Chefs Jeremy Corbyn.

          Eigentümer der Zeitung ist die Kessler-Familie beziehungsweise die gemeinnützige Kessler-Stiftung. Schon länger war das Blatt defizitär. Laut Unternehmensregister machte es 2018 gut 1,5 Millionen Pfund Verlust. Vor neun Monaten gelang noch mal eine Rettung des Unternehmens durch Finanzspritzen privater Spender, doch nun ist ihm finanziell die Luft ausgegangen. Jo Stevens, die medienpolitische Sprecherin von Labour, sprach von einem schweren Schlag für Belegschaft und die jüdische Gemeinde. Einige Freunde von „The JC“ hoffen indes, dass die Rettung noch gelingen kann. Die Kessler-Stiftung versprach, sich um „eine Zukunft nach der Liquidierung“ zu bemühen.

          Das Schicksal der zwei kleinen jüdischen Zeitungen wirft ein Schlaglicht auf die durch die Corona-Rezession verschärfte große Zeitungskrise. Fast alle gedruckten Blätter erleiden heftige Anzeigenrückgänge. In London kämpfen die Gratiszeitungen ums Überleben, die in der verwaisten U-Bahn keine Abnehmer mehr finden und deren Werbeerlöse eingebrochen sind. Der dem Milliardär Alexander Lebedew gehörende „Evening Standard“ hat seine Druckauflage drastisch reduziert, das kleinere Wirtschaftsblatt „City A.M.“ hat sie vorübergehend eingestellt – wie schon einmal vor elf Jahren in der Finanzkrise.

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