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China unterdrückt Journalisten : Im Reich der Zensur

Der Journalist Li Zehua dokumentierte die letzten Stunden vor seinem Verschwinden auf youtube. Bild: youtube

In China wird Regierungskritik systematisch unterdrückt. Unabhängiger Journalismus wird bekämpft. Daran hat auch die Corona-Krise nichts geändert, im Gegenteil.

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          Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat die chinesische Regierung aufgefordert, Kritik an deren Umgang mit dem neuartigen Coronavirus zuzulassen. Geschäftsführer Christian Mihr sagte, wer immer die Maßnahmen der chinesischen Regierung im Kampf gegen das Virus lobe, solle auch bedenken, dass dieselbe Regierung kritische Stimmen mundtot mache. Immer wieder verschwinden in China Journalisten, die unabhängig berichten wollen. Andere werden unter Hausarrest gestellt. Im Februar waren zwei Bürgerjournalisten verschwunden, der Journalist Li Zehua wird seit März vermisst. Er hatte seinen Job beim staatlichen Fernsehsender CCTV gekündigt, um unabhängig über die Situation in Wuhan zu berichten (F.A.Z. vom 6. März). Auch Ren Zhiqiang, selbst Mitglied der Kommunistischen Partei, der die Regierung dafür kritisierte, das Virus vertuschen zu wollen, ist seit Mitte März verschollen.

          Zensur in den sozialen Medien

          Forscher des kanadischen CitizenLab konnten derweil zeigen, dass die chinesische Regierung von Anfang an versucht hat, Informationen zum Virus gezielt zu zensieren. So waren in verschiedenen sozialen Medien wie etwa der Streamingplattform YY oder dem Nachrichtendienst WeChat bestimmte Schlagwörter und Stichwortkombinationen blockiert worden, um Informationen über das neue Virus zu verhindern. Auf YY hatte die Zensur am 31. Dezember begonnen – genau einen Tag nachdem verschiedene chinesische Ärzte, unter anderen der an Covid-19 verstorbene Li Wenliang, auf die Gefahren des Virus aufmerksam gemacht hatten. Auch nach der rapiden Ausbreitung des Virus änderte die Regierung ihre Taktik nicht, im Gegenteil: Immer mehr Wörter wurden blockiert. Am 1. März traten neue Vorschriften zur Regulierung von Inhalten im Netz in Kraft, mit denen die Regierung den Druck weiter erhöhen kann.

          Journalisten versuchen, die Bevölkerung trotz Zensur mit Informationen zu versorgen. In ihren Berichten schreiben sie häufig über lokale Versäumnisse, anstatt ranghohe Politiker zu kritisieren. Zensierte Texte, wie etwa ein Interview mit der chinesischen Ärztin Ai Fen, die im amerikanischen „People“-Magazin das Verhalten der Regierung bei der Bekämpfung des Virus kritisierte, werden in andere Sprachen oder die Blindenschrift übersetzt, wortweise durch Emojis ersetzt oder hinter QR-Codes versteckt, um eine weitere Verbreitung möglich zu machen.

          Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht China auf Platz 177 von 180. 108 Medienschaffende sitzen dort im Gefängnis.

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