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Matthias Rüb (rüb)

Impfprivilegien im Vatikan : Erst der Papst, dann die Journalisten

  • -Aktualisiert am

Sein Bild ist schon da: An einer Wand der Kathedrale Unserer Lieben Frau der Erlösung in Bagdad entsteht ein Porträt des Papstes, der mit durchgeimpfter Delegation anreisen wird. Bild: dpa

Franziskus ist schon gegen das Coronavirus geimpft. Bischöfe, Leibwächter und Pressevertreter, die mit ihm nach Bagdad reisen sollen, ebenfalls. Hätten es für die Journalisten nicht auch Schnelltests getan? Dann wären mehr Vakzin-Dosen für Obdachlose am Petersplatz übrig geblieben.

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          Am Sonntag wurde aus Bagdad gemeldet, dass der Apostolische Nuntius Mitja Leskovar positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Der slowenische Bischof im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls habe nur leichte Symptome und befinde sich in häuslicher Quarantäne, hieß es. Leskovar war in den vergangenen Wochen kreuz und quer durch den Irak gereist, um den Besuch von Papst Franziskus im Zweistromland vorzubereiten. In Bagdad und im Vatikan hieß es übereinstimmend, die Infektion des Nuntius werde keine Auswirkungen auf die Papstreise vom 5. bis 8.März haben. Gewöhnlich weicht ein Nuntius in „seinem“ Land dem Papst bei dessen Besuch nicht von der Seite. Doch nun muss Leskovar den ersten Besuch eines Papstes im Irak vor dem Fernseher verfolgen.

          Zehntausend Dosen, tausend Einwohner

          Franziskus hätte sich freilich bei Leskovar nicht anstecken können, denn er ist gegen das Coronavirus geimpft – mit zwei Dosen des Biontech-Vakzins. Das gilt auch für alle anderen Passagiere des Alitalia-Charterflugs von Rom nach Bagdad – von Bischöfen über Leibwächter bis zum Pressetross. Nur Journalisten, die zur Impfung bereit waren, konnten sich Hoffnung auf einen der begehrten Plätze im „Papstflieger“ machen, um aus nächster Nähe über die historische Reise berichten und bei der habituellen „fliegenden Pressekonferenz“ von Franziskus beim Rückflug dabei sein zu können. Wenn nicht alles täuscht, waren die meisten Vatikan-Journalisten beglückt, sich dank der Bevorratung des Heiligen Stuhls impfen lassen zu können, statt in ihren jeweiligen Heimatländern warten zu müssen, bis sie an die Reihe gekommen wären.

          Doch die Impfpflicht – beziehungsweise das Impfprivileg – für Journalisten wirft Fragen auf. Der Heilige Stuhl hat dem Vernehmen nach zehntausend Impfdosen erhalten. Damit konnten die knapp tausend Einwohner und die etwa dreitausend externen Angestellten des Vatikanstaats „durchgeimpft“ werden. Vom überschüssigen Impfstoff wurden einige Dosen an Obdachlose verabreicht, die am Petersplatz leben. Wäre es nicht ausreichend sicher für den geimpften Papst und dessen gleichfalls immunisierte Delegation aus dem Vatikan gewesen, wenn die mitfliegenden Journalisten vor Hin- und Rückflug jeweils negative Coronatests vorgewiesen hätten – wie in der zivilen Luftfahrt inzwischen weithin üblich? Und wäre es nicht gottgefälliger gewesen, statt der Journalisten im Papstflugzeug weitere vulnerable Obdachlose in Rom zu impfen?

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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