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Positiv-Journalismus : Der Welt geht es doch gut

  • -Aktualisiert am

Nicht nur über das Negative berichten, sondern auch mal über etwas zum Lachen, so ungefähr geht das Konzept der „Constructive News“. Bild: ddp

Schlechte Nachrichten machen die Laune mies und die Verlagshäuser arm, meint eine neue Bewegung, die jetzt für „Constructive News“ wirbt. Ist ein positiver Journalismus wirklich die Lösung?

          6 Min.

          Mein Name ist Stefan Niggemeier, und ich bin negativ. Es wäre sinnlos, das zu leugnen. Ich habe zwei Blogs gegründet, die vor allem daraus bestehen, zu sammeln, was in den Medien alles schiefläuft. Ich schaue immer wieder bei „Focus Online“ vorbei, in der – selten enttäuschten – Erwartung, dort neue Abgründe zu entdecken. Wenn ich Artikel lese, läuft dabei oft automatisch eine Art Fehlerscanner im Kopf mit.

          Das ist natürlich eine Berufskrankheit von Journalisten: immer nach dem Fehler im Bild zu suchen, nach der schlechten Nachricht, die die euphorische Pressemitteilung verschweigt, nach dem Krach hinter den Kulissen, vor denen Harmonie gespielt wird. Aber ich habe den Verdacht, dass diese Krankheit bei mir besonders ausgeprägt ist.

          Insofern ist es abwegig, ausgerechnet mich über die gerade schwer angesagte Bewegung schreiben zu lassen, die die Fixierung der Medien auf das Negative geißelt und mehr „konstruktive Nachrichten“ propagiert. Andererseits habe ich es vielleicht besonders nötig.

          „Only Bad News Are Good News“

          Die Kritik an der Fixierung der Nachrichten auf das Negative ist nicht neu. Vermeintliche journalistische Grundregeln wie „Only Bad News Are Good News“ sind gerade dadurch erst zu allgemein bekannten Redensarten geworden.

          Die Bewegung, die seit einigen Jahren für „Constructive News“ wirbt, kombiniert diese zeitlose Kritik aber mit der aktuellen Medienkrise, mit sinkenden Auflagen und Quoten, mit schwindendem Vertrauen in Journalismus und Journalisten. Sie sagt, dass der Negativismus der Medien nicht nur schlecht ist für die Menschen und für die Gesellschaft, die sich zu sehr mit Problemen beschäftigt und zu wenig mit Lösungen, sondern auch für die Medien selbst. Die Menschen würden sich von den Nachrichten abwenden, weil die endlose Abfolge von Schreckens-, Katastrophen- und Horrormeldungen sie deprimiere. Und sie täten das zu Recht.

          Ulrik Haagerup, der Nachrichtenchef des öffentlich-rechtlichen dänischen Rundfunks, ist einer der führenden Kämpfer für „Constructive News“. Sein gleichnamiges Buch ist gerade auf Deutsch erschienen (Verlag Oberauer). Darin erzählt er nicht nur, wie es ihm gelang, die journalistische Kultur in seinen Redaktionen zu verändern – und bessere Quoten und ein besseres Image zu erzielen. Er macht „Constructive News“ auch dafür verantwortlich, dass die Auflagenzahlen und Erlöse der „Zeit“ in den vergangenen Jahren gegen den Trend gestiegen sind, während zum Beispiel der „Spiegel“ im gleichen Zeitraum Käufer (und Chefredakteure) verlor.

          „Es gibt so viele Ideen“

          Haagerup zitiert „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo: „Eine Lese-Erfahrung, die Woche für Woche daraus besteht zu erfahren, wie schlecht die Welt ist, so dass man am Ende nur noch die Decke über den Kopf ziehen möchte, scheint mir eine eher masochistische Veranstaltung zu sein.“ Die „Zeit“ versuche heute, eine Mischung herzustellen, „so dass es auch immer Geschichten gibt, die die Neugier wecken. Die Neues versprechen und möglicherweise einen konstruktiven Ansatz mitbringen.“

          Haagerup hat scheinbar das perfekte Beispiel gefunden, um seine These zu illustrieren: Eine lange „Spiegel“-Geschichte im Sommer 2013 über den Niedergang von Zeitungen. „Keine Hoffnung, keine Zukunft und kein einziges Wort über den Erfolg des Hauptkonkurrenten, darüber, dass eine Veränderung durch Strategiewechsel durchaus möglich wäre.“ Er zitiert als Kontrast den „Zeit“-Geschäftsführer Rainer Esser: „Wir glauben, dass Printmedien viel erreichen können. Es gibt so viele Ideen. Und wir glauben, dass gute Beispiele hilfreich sind. Nicht nur der Fokus auf die Probleme.“ Überhaupt interessierten die „Zeit“ laut Esser angeblich „nicht so sehr die Dinge, die in Deutschland nicht gut laufen. Uns interessieren vielmehr Themen, Angelegenheiten und Projekte, die gut funktionieren.“

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