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Positiv-Journalismus : Der Welt geht es doch gut

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Dazu gehörten Lob für das neue Windows, ein Bericht über Verbesserungen bei der Polizei in Los Angeles und einen Einzelhändler, der sein Ledergeschäft in der Provinz noch nicht zumachen musste. Sowie ein lesbar positiv gemeintes Stück darüber, wie erfolgreich der weltweite Kampf gegen Fluorchlorkohlenwasserstoffe war, die das Ozonloch entstehen ließen – auch wenn die gute Nachricht vielfach relativiert werden muss, weil die Ozonschicht noch fast genauso dünn ist, wie sie es zu den schlechtesten Zeiten war.

Immer nur von der Fliege in der Suppe erzählen

Manches davon wirkt ein bisschen angestrengt. Aber vielleicht ist es zu früh, zu sagen, ob das daran liegt, dass die „Spiegel Online“-Leute sich mit der positiven Perspektive schwertun, oder ob es in der Natur von Nachrichten an sich liegt, sich auf die Skandale und Katastrophen zu konzentrieren.

Til Schweiger beschwert sich in diesen Tagen darüber, wie böse der „Stern“ über die Leute berichtet hat, mit denen er ursprünglich ein Vorzeige-Flüchtlingsheim in Osterode aufbauen wollte. Andererseits hat diese typisch negative Berichterstattung womöglich ein größeres Debakel verhindert – und dazu beigetragen, dass Schweigers Engagement nun einem Projekt mit besseren Voraussetzungen zugute kommt.

Haagerup meint, dass Journalisten immer nur von der Fliege in der Suppe erzählen, ohne die Suppe selbst zu erwähnen. Das haben sie allerdings mit den meisten Restaurantbesuchern gemein. Er plädiert dafür, die klassischen Kriterien, welche Berichte Nachrichtenwert haben, um den Gedanken der Konstruktivität zu ergänzen. Aber vieles, das er in seinem Buch anprangert, sind gar keine Beispiele für klassischen, negativen Journalismus, sondern einfach Beispiele für schlechten Journalismus. Das Phänomen, dass klassische Auswahlkriterien von Nachrichten dazu führen, sich fast ausschließlich mit Negativem zu beschäftigen, vermischt er mit der Kritik an der Boulevardisierung und Trivialisierung von Medien – zweifellos ein Problem, aber ein anderes.

Und jetzt kommt das Positive

Haagerups Buch ist erstaunlich unsortiert, vage und mindestens missverständlich. „Psychologen zufolge führt die Tatsache, dass wir in den Medien über lokale und globale Konflikte berichten, auch zu ihrer Verlängerung“, schreibt er – weil Nachrichtenmedien immer wieder über die „einseitigen und provokanten Aussagen auf beiden Seiten berichten“, die dann wieder die andere Seite zu entsprechenden Antworten herausfordert. – Das Problem wäre dann aber nicht, „dass“ Medien über Konflikte berichten, sondern wie sie es tun.

Einmal zitiert Haagerup zustimmend einen ungenannten ehemaligen Minister, der sagt: „Der ewige Blick auf Opfer und Benachteiligte und das Beharren auf einer vermeintlichen Notwendigkeit zu mehr staatlichem Handeln haben suggeriert, es seien immer größere Staatsausgaben nötig. Hätte man dagegen konsequent herausgestellt, dass die Staatsausgaben viel zu hoch sind, würde die Welt heute ganz woanders stehen.“ Später im Buch beklagt sich Haagerup dann, dass Skeptiker seinem Konzept vorwerfen, es sei politisch konservativ. Kein Wunder.

Haagerups Argumentation im Buch ist an vielen Stellen zweifelhaft. Aber – und jetzt kommt das Positive: Sein Ansatz des „Constructive Journalism“ ist ein guter Anlass, die täglichen Nachrichtenroutinen zu hinterfragen, blinde Flecken zu erkennen und neue Perspektiven zu suchen. Es geht darum, destruktive Mechanismen der Inszenierung und Dramatisierung von Ereignissen und Entwicklungen zu bekämpfen. Mechanismen, die nicht nur der öffentlichen Debatte schaden, sondern womöglich auch den Medien selbst.

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