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„Conservapedia“ : Gegenaufklärer im Netz

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Nur echt mit täglichem Bibelzitat: „Conservapedia” Bild: Conservapedia

Homosexualität macht depressiv, der „Da Vinci Code“ gefährdet den Glauben und die wahren Gegner sind die Aufklärer: Amerikanische Konservative wollen die Internet-Enzyklopädie Wikipedia mit deren eigenen Mitteln schlagen.

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          Die Diskussion um die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist so notwendig wie in ärgerlicher Weise vorurteilsbeladen. Dass der inzwischen sehr beachtliche Wissensspeicher so fehlbar ist wie jedes Lexikon, dürfte eigentlich selbstverständlich sein. Die durchdachte Struktur der nutzergenerierten Plattform sorgt sogar für eine hohe Fehlerbereinigungsquote im Bereich des positiven Wissens, weshalb die Software für viele thematisch begrenzte Info-Seiten benutzt wird.

          Und doch entzünden sich die meisten Diskussionen gerade an der Irrtumsanfälligkeit. Vor wenigen Wochen erst verbot die Geschichtsfakultät des Middlebury College in Vermont, Wikipedia als Quelle zu zitieren, nachdem eine Fehlinformation mehrfach übernommen worden war. Dass sich die Enzyklopädie prinzipiell zur Recherche eigne, wurde jedoch zugestanden. Im Gegenzug unterstützte selbst der Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales den Vorstoß der Dozenten: Primärquelle möchte man gar nicht sein. Der Eintrag „Middlebury College“ in Wikipedia schließlich berichtet sachlich über den Vorfall. Mangelnde Selbstreflexion kann man dem Projekt also kaum vorwerfen.

          Woher kommt das Wissen?

          Die eigentliche Problematik gerät derweil aus dem Blick. Das ist erstens der Aufstieg einer ominösen Vermittlungsinstanz: Der Laienexperte unterscheidet sich vom herkömmlichen Experten durch seine Ungreifbarkeit. Unklar ist, wo er sein Wissen erworben hat. Die Intransparenz reicht bis in die sogenannten „edit wars“ hinein: Eine schnelle Abfolge gegenseitiger Korrekturen, ohne dass man einen Anhaltspunkt hätte, welchem Redakteur zu trauen ist. Zweitens - was weniger einfach zu beheben ist - handelt es sich um den hier entgegen aller Absicht heranreifenden hegemonialen Diskurs. Die Monopolstellung von Wikipedia lässt sich bereits erahnen, wenn man im Netz trotz mancher Versuche, andere Wiki-Subsysteme aufzubauen (wie die katholische „Kathpedia“, die atheistische „Athpedia“), auf zahllose Kopien der freien Wikipedia-Texte stößt.

          Die Intention einiger amerikanischer Konservativer, im Sinne eines Pluralismus eine weitere wikibasierte Enzyklopädie einzurichten, ist also durchaus zu verstehen. Schon obskurer wirken die Vorwürfe, Wikipedia - gemeint ist die englische Version - sei zu unamerikanisch, zu atheistisch und vor allem „six times more liberal than the American public“. Was schließlich im vergangenen November unter dem Namen „Conservapedia“ das Licht der Netzwelt erblickte, ist von einer solchen Abstrusität, dass diese Lobby-Enzyklopädie hartgesottener Kreationisten den seither über sie ausgegossenen Spott vollauf verdient hat. Der sich windende Artikel „Evolution“ schließt mit der Feststellung, wissenschaftlicher Konsens bedeute wenig. Schließlich hätten sich die Forscher auch schon beim Aderlass geirrt. Dagegen habe die Heilige Schrift beim Ameisenverhalten oder dem Schlangengehör goldrichtig gelegen. Auch gebe es gute Argumente, mit den Junge-Erde-Kreationisten davon auszugehen, dass unser Planet vor gut sechstausend Jahren erschaffen wurde, zusammen mit den Dinosauriern und den Menschen.

          Kampfartikel zur Homosexualität

          Bezeichnend ist weiterhin der Kampfartikel zur Homosexualität. Gleich in den ersten Zeilen finden sich die entsprechenden biblischen Zitate oder - im Sinne der Literalexegese - Gebote, so aus dem dritten Buch Mose: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“ Durch ihren Glauben, so die nächste Mitteilung, seien schon viele Menschen von der Homosexualität kuriert worden. Um der eigenen Position mehr Gewicht zu verleihen, werden schließlich vermeintlich typische Begleiterscheinungen dieser sexuellen Verirrung von Aids über Bulimie bis zu Depressionen aufgelistet.

          Initiiert hat „Conservapedia“ der Anwalt Andrew Schlafly. Er beschäftigte sich zunächst damit, Wikipedia-Artikel christlich-fundamentalistisch aufzupolieren. Dass die mühsam redigierten Einträge sofort wieder überarbeitet wurden, ließ ihn Zensur wittern: „In einem Fall wurden meine sachlichen Bearbeitungen innerhalb von sechzig Sekunden entfernt.“ Kurzentschlossen gründete er ein eigenes Wiki-Portal, von dem er nun hofft, dass es als Arbeitsinstrument für amerikanische Lehrer dienen werde. Seine Mutter, Phyllis Schlafly, ist eine in den Vereinigten Staaten als Gegnerin der Gleichberechtigungsbewegung bekannte Aktivistin. Sie leitet das von ihr 1972 gegründete konservative „Eagle Forum“, das intellektuelle Fundament auch für das neue patriotisch-christliche Lexikon.

          Gegenangriff der „Liberalen“

          Die Enzyklopädie steht prinzipiell ebenfalls allen Nutzern offen, auch den verhassten „liberalen“. Diese gingen zum Gegenangriff über. Parodistische Einträge prasselten auf die Plattform nieder. Zeitweise war „Conservapedia“ nicht mehr zu erreichen. Alle Veränderungen seien inzwischen wieder entfernt, teilte Schlafly kürzlich mit. Für kreationistische Laien allerdings ist Parodie hier schwer zu identifizieren. Bei vielen Stichworten wie etwa „Black Jesus“ oder „Condom“ erscheint immerhin die deutliche Mitteilung, die entsprechende Seite sei „zerstört und geschützt“ worden, um ihre Wiedererschaffung zu verhindern.

          Ernst gemeint aber scheint die Charakterisierung des ersten amerikanischen Präsidenten: Washington sei vielleicht die einzige Person außer Jesus, die enorme weltliche Macht ausgeschlagen habe - durch Ablehnung von Diktatur und Königstitel und freiwilligen Rücktritt. Die Präsidentschaft des von der Aufklärung beeindruckten Thomas Jefferson dagegen kennzeichneten „significant failures“. Außerdem, so wird betont, habe Jefferson Sklaven besessen. Deren Freilassung bei seinem Tod „should not absolve him from guilt“, während die Sklaven des Proto-Republikaners Washington selbstredend keine Erwähnung finden.

          Der wahre Gegner

          Die Gesamtperspektive von „Conservapedia“ ist geradezu gnostisch: Den bibelfesten Sehenden steht eine Welt der Ungläubigen gegenüber, selbst und besonders „in our overwhelmingly Christian country“. Einer der längsten Einträge (8000 Wörter) behandelt den „Da Vinci Code“. Der Schmöker Dan Browns nämlich „könnte möglicherweise den Glauben von Millionen zerstören“. Dagegen enthält der Eintrag zu jener rationalistischen Totalentgleisung namens Aufklärung gerade einmal 126 Wörter und bringt reichlich Verwunderung zum Ausdruck: „some of the Enlightenment thinkers rejected and even criticized Christianity“.

          Und doch sitzt hier natürlich der wahre Gegner, der in seiner Ubiquität der Wikipedia-Gemeinde zum Verwechseln ähnlich sieht: „There were Enlightenment philosophers in England, France and even the American colonies.“ Sogar Kritik! Sogar in Amerika! „Conservapedia“ möchte nicht weniger sein als eine - freilich zweihundert Jahre verspätete - Gegenaufklärung. Orientiert hat man sich dabei aber nicht an der Geschmeidigkeit der jesuitischen Gegenreformation, sondern vielmehr an jansenistischer Sturheit. Und genau deshalb darf die Welt wohl hoffen, abermals der Verdammnis zu entkommen, während die Götter zerknirscht ein paar Eichen köpfen.

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