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Comic-Superhelden : Heroismen des Alltags

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Wer möchte denn keine Superkräfte haben? Comic-Fans verkleiden sich wie ihre Superhelden. Bild: AFP

Superhelden werden immer beliebter. Mit alltäglichen Elementen in Filmen und Comics werden sie authentischer. Doch auch normale Menschen versuchen jetzt, zu Helden zu werden. Die Grenzen zwischen Comic und Wirklichkeit verwischen.

          Sie sind stark, sie sind laut, sie haben Superkräfte, sie retten täglich die Menschheit, sie sind bei handgreiflichen Auseinandersetzungen nicht gerade zimperlich und sie erfreuen sich einer zunehmenden Popularität - die Rede ist von Comic-Superhelden. Während sich noch vor einem Jahrzehnt kaum jemand anders als Kinder und Jugendliche für sie interessierte, scheinen sie in den letzten Jahren eine Renaissance zu erleben. Eine Renaissance, die uns bis in den Alltag hinein folgt.

          Angefangen hat es mit abermaligen Verfilmungen von Superheldencomics. Und die waren sehr zahlreich: In den letzten zehn Jahren lockten Helden wie Superman, Batman, Spiderman, X-Men, Hulk und gleich die ganze Gruppe der Avengers die Zuschauer in die Kinos.

          Gelungen ist dies den Regisseuren und Drehbuchautoren, indem sie den alten Helden neues Leben eingehaucht haben und damit zeitgenössische Blockbuster schufen. Den Comicfiguren ist zwar die grelle Lebensgeschichte eines Helden eingeschrieben, der qua Geburt oder durch einen Laborunfall Superkräfte bekommt und dann Schurken mit ähnlichen Kräften bekämpft. Daneben gelingt es aber manchen Autoren und Regisseuren, dieses künstliche Motiv mit lebensechten, realistischen, authentischen und alltäglichen zu verbinden.

          Alten Helden neues Leben eingehaucht

          So werden bei der „Dark-Knight-Trilogie“ von Christopher Nolan reale politische und soziale Fragen aufgeworfen - etwa, ob man Schurken töten soll, ob man ganze Städte digital überwachen darf und ob die wachsende Schere von Arm und Reich unser soziales System destabilisiert. Die X-Men gewinnen neues Leben, in dem sie als Mutanten mit Superkräften von den Menschen lebensecht diskriminiert werden und unterschiedlich reagieren - vom Terrorismus bis hin zu geheimen Weltrettungsmissionen. Und der neue „Amazing Spiderman“ will authentisch werden, indem er den Zwiespalt zwischen dem verliebten Durchschnittsteenager Peter Parker und dem Superhelden mit wenigen und relativ banalen Details verschmelzen lässt: Spiderman kann auch mal einen Schnupfen bekommen.

          All diese Filme waren sehr erfolgreich durch die neue Mischung aus Comic und Realität. Es gab aber auch noch andere Superheldenverfilmungen, die die Mehrheit der Zuschauer nicht überzeugen konnten.Dazu gehören etwa Catwoman, Green Lantern und Dare Devil. Ein Grund: Ihnen misslang diese Mischung; sie haben sich fast nur auf die knallige Fantasiegeschichte konzentriert, ohne authentische Hintergründe oder Details einzubauen. Der Zuschauer kann so keinen Bezug zum Protagonisten aufbauen. Denn eine schnöde Liebesgeschichte als Realitätszeugnis reicht dazu alleine nicht mehr aus.

          Die Grenze von Schüler und Superheld verwischt: Andrew Garfield, der Darsteller des Spiderman vor einem Plakat zu seinem Film.

          Auf die nötige Realitätsnähe der Superhelden haben auch die Comic-Verlage reagiert: Marvel Comics hat etwa eine Heldin mit realen Problemen geschaffen: Denn seit Februar gibt es die erste muslimische Superheldin, Ms. Marvel, ein 16 Jahre altes pakistanisches Mädchen mit Namen Kamala Khan, das in Jersey lebt. Hier werden gleich drei Identitäten einander gegenübergestellt: neben der Superheldin die konservativ-muslimische Familie und ihr modernes amerikanisches Umfeld. Der reale Zwiespalt zwischen Islam und westlicher Moderne sowie die Diskriminierung von ethnischen und religiösen Minderheiten werden lediglich noch um die Heldenkomponente erweitert.

          Übermenschen zum Anfassen

          Doch nicht nur die Comic-Helden nähern sich der Realität an; auch der Alltag wird heldenhafter. Es ist also eher eine reziproke Annäherung und Verwischung. So gibt es in den Vereinigten Staaten die „Real Life Super Heroes“. Das sind etwa 20 Gruppen mit 90 Männern, die sich als Superhelden verkleiden und Obdachlosen Essen geben oder Müll aus den Parks räumen: alltäglicher Heroismus in extravaganten Kostümen.

          Superheldin und muslimische Minderheit: Cover zur ersten Ausgabe von „Ms. Marvel“.

          Ein Grund, warum Superhelden des Alltags sich verkleiden, ist natürlich, wie sie selbst zugeben, die erhöhte Aufmerksamkeit, die ihre Handlungen dadurch erhalten. Das führt aber zu einem weiteren, viel wichtigeren Punkt: Kann man im Alltag leichter etwas zum Wohle der Gemeinschaft tun, wenn man nicht persönlich, sondern in Verkleidung auftritt? Im Film „Batman Begins“ sagt Liam Neeson in der Rolle des Schurken Rhas al Ghul dem künftigen Batman, gespielt von Christian Bale, man müsse zu einem Symbol und einer Legende werden, um die Welt zu retten.

          Der Einzug der Comichelden in die Sphäre des Alltäglichen führt dazu, dass der Alltag auf die Comics reagiert und die Helden als Idole deutlich wahrnimmt. Da scheint es manchen reizvoll, aus den Idolen Kraft zu schöpfen, sie zu kopieren. Denn die fiktiven Superhelden fungieren in ihrer neuen Mischung aus Normalo und Superkraftprotz als eine Art Übermensch zum Anfassen: Sie sind stärker, schneller und manchmal auch schlauer als der Durchschnitt und haben dazu noch übernatürliche Kräfte - Kräfte, die sogar ausreichen können, einen ganzen Planeten zu zerstören. So können sie (fast) jede Gefahr, jede Herausforderung bestehen und immer wieder die Welt retten. Wer möchte das nicht auch?

          Als Held über sich hinauswachsen

          Der Nimbus des Superhelden kann auch für eigene Probleme genutzt werden, wenn man sich diesen Figuren annähern kann. Im Onlinespiel „Superbetter“, geschaffen von der amerikanischen Spieldesignerin Jane McGonigal, kann der Nutzer sich selbst einen Superhelden kreieren und mit ihm Probleme angehen, an denen er im wahren Leben bisher scheitert. Spielerisch soll die Annahme einer digitalen Superheldenidentität helfen, im Alltag über sich selbst hinaus zu wachsen.

          Während man hier neben der eigenen Identität noch eine weitere, bessere erschaffen will, kann das Idol des Superhelden, der in die Realität springt, auch krankhaft und selbstverleugnend werden: Der 36 Jahre alte philippinische Superman-Fan Herbert Chavez  hat sich 16 Jahre lang so operieren lassen, bis er 2013 endlich so aussah wie sein Vorbild.

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