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Comic-Held Thor wird zur Frau : Übernimm den Hammer, Baby

Könnte auch eine Nibelungin sein: Thor, gezeichnet von Russell Dautermann. Bild: AP

Der amerikanische Comicverlag Marvel setzt in jüngster Zeit auf Frauen als Superhelden. Jetzt steht bei einer besonders populären Figur der Geschlechtswechsel an: Thor wird zur Göttin.

          Die früheste Superheldin? Das war Wonder Woman, erstmals in Szene gesetzt 1941, nur drei Jahre nach Superman, der das ganze Genre begründete, und zwei nach Batman. Alle drei waren beim selben Verlag, Detective Comics, kurz DC, und alle drei machten Furore, spätestens, als man sie in den Krieg gegen Deutschland und Japan schickte. Hitler und Hirohito waren Superschurken, gegen die sich die Helden nur noch strahlender abhoben. Auch die Heldin. Und im Krieg brauchten auch die Frauen an der Heimatfront Identifikationsfiguren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die große Konkurrenz von DC war und ist bis heute Marvel. Mit Captain America hatte dieser Verlag 1940 den Kriegssuperhelden schlechthin geschaffen, der Hitler schon verprügelte, als die Amerikaner noch gar nicht am Krieg teilnahmen. Aber für Frauen war bei Marvel kein Platz; erst 1960 durfte im neugeschaffenen Team der „Fantastischen Vier“ auch Susan Storm mitmischen, „die Unsichtbare“.

          Und dann wurde 1968 MsMarvel etabliert, wobei sie an eine traurige Tradition von Superheldinnen anknüpfte, die nicht mehr waren als Spin-offs erfolgreicher Männer. Superman hatte in Superwoman und Supergirl schon quotenträchtige Assistentinnen gefunden, als der Konkurrent Captain Marvel mit der gleichnamigen Miss nachzuziehen versuchte.

          Hammer statt Nudelholz

          Jetzt aber hat Marvel im Kampf um Superheldinnen die Nase vorn. Während DC seit Jahren versucht, einen Wonder-Woman-Film in die Kinos zu bringen, um dem weiblichen Aushängeschild des Verlags eine bitter nötige Renaissance zu verschaffen, lässt Marvel kurzentschlossen einige seiner populärsten Comicfiguren das Geschlecht wechseln. So steckt hinter der Maske von Captain Marvel seit 2012 eine gewisse Carol Danvers, die ehemalige MsMarvel. Das nennt man Beförderung von Frauen in die Führungsebene.

          Nun steht eine weitere Feminisierung des zentralen Marvel-Personals an. Thor, der nordische Gott, der in den Comics als Abgesandter des Planeten Asgard auf der Erde für Ordnung sorgt, wird bald eine Frau sein, die auch den Hammer schwingen soll, nicht das Nudelholz. Mehr als diese Mitteilung und ein erstes Porträt dieser Thor aus der Hand des als Zeichner ausersehenen Russell Dautermann ließ der Verlag noch nicht heraus. Er hat gute Erfahrungen mit einem solchen Spannungsaufbau gemacht, als 2011 erstmals ein Farbiger als Spider-Man auftrat oder kürzlich die verwaiste Rolle der MsMarvel mit einer jungen Muslima besetzt wurde.

          Hemsworth brachte den Beliebtheitsschub

          All diese Maßnahmen dienen dazu, die Comics wieder ins Gespräch zu bringen, die sich angesichts des Erfolgs der Hollywood-Superheldenfilme zwar blendend verkaufen, aber nicht mehr als originäre Form des Genres im Bewusstsein des Publikums sind. Wer weiß denn von den Abermillionen weltweiter Kinobesucher der beiden „Thor“-Verfilmungen, dass die 1962 von Stan Lee und Jack Kirby erdachte Figur ein verzweifelter Versuch war, die bereits existierende Legion von Superhelden dadurch zu übertreffen, dass man nunmehr einfach einen Gott ins Spiel brachte?

          Vater und Sohn: Thor (Chris Hemsworth) und Odin (Sir Anthony Hopkins) in „Thor: The Dark World“.

          Allerdings einen, der auf den Besitz seines Hammers Mjölnir angewiesen ist, um unbegrenzte Kräfte zu haben. Und der in seinem bösen Bruder Loki einen weiteren Gott zum Gegenspieler hat. Diese Spannungselemente nutzte Hollywood exzessiv, als 2011 der erste „Thor“-Film herauskam. Denn das Projekt war durchaus umstritten.

          Thor hatte seit den sechziger Jahren beständig an Beliebtheit eingebüßt, doch da Marvel für die anstehende Verfilmung der Superheldengruppe „Avengers“ alle Mitglieder zuvor in Einzelfilmen vorgestellt haben wollte, kam auch der nordische Gott auf die Leinwand – dank des gutaussehenden Chris Hemsworth in der Hauptrolle mit Riesenerfolg, der auch bei Teil zwei im Jahr 2013 anhielt.

          Voyeuristische Zeichner

          Gerade weil seitdem dieser durchtrainierte Muskelmann für Thor steht, ist das Wagnis beachtlich, aus dem Gott in den Comics nun eine Göttin zu machen. Wobei die Besetzung mit dem Beau Hemsworth nur nachvollzogen hatte, was bei den spärlichen Superheldinnen ohnehin gängiges Erfolgsrezept war: sex sells.

          Alle bisherigen Comic-Superheldinnen wurden von Männern gezeichnet, die mit ihren Figuren auch voyeuristische Bedürfnisse befriedigten. Für die muslimische „Ms Marvel“ hat Marvel immerhin eine Autorin engagiert, beim weiblichen „Thor“ dagegen wird der Szenarist ein Mann sein: Jason Aaron, der mit „Ghost Rider“, „Wolverine“ und „Punisher“ bislang besonders virile Heldengeschichten schrieb. Eine feministische Göttin ist da nicht zu erwarten. Zumal ein anderer Mann, Alan Moore, mit „Promethea“ auf diesem Feld schon etwas geleistet hat, was schwer zu übertreffen wäre. Aber Moore versteht sich ja auch als Feminist.

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