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„Switch Reloaded“ : Ich habe im Internet retschertschiert

Zähnebleckend: Max Giermann als Stefan Raab Bild: Pro Sieben/Kai Schulz

Das muss Liebe sein: Die Comedy „Switch Reloaded“ parodiert bei Pro Sieben von heute an wieder mit großer Hingabe das Fernsehen - und hat dabei dessen Geschichte längst zu weiten Teilen umgeschrieben.

          3 Min.

          Die Litanei darüber, wie schlecht das Fernsehen sei, ist als Gesprächsthema ein Evergreen wie die Klage übers Wetter - erstaunlicherweise auch oder gerade bei jenen, die den Apparat nur selten einschalten oder keinen besitzen. Wer als Fernsehkritiker eine Sendung zerreißt, darf mit der Zustimmung auch von Menschen rechnen, die diese gar nicht gesehen haben: Es sei wirklich eine Unverschämtheit, was das Fernsehen uns heutzutage vorsetze und wofür es Gebühren verschleudere, und man sei heilfroh, dass man wenigstens besagte, so überaus furchtbare Sendung sich nicht angetan habe. Der Kritiker fühlt sich durch solche Reaktionen geadelt zum professionellen Abfangjäger, der das Publikum vorm Schlimmsten bewahren konnte.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Masse an Programm, die das Medium auf seinen Hunderten Kanälen mittlerweile ausspuckt, hat freilich dafür gesorgt, dass auch der Kritiker immer mehr Sendungen nur noch als Gerücht wahrnimmt. Wenn sich, wie wir es seit Jahren erleben, die Zielgruppen unaufhaltsam aufspalten und sich nicht nur bei Spartenkanälen die Frage stellt, ob hier tatsächlich noch von einem Massenmedium die Rede sein kann, dann ist dies ein Problem wie auch eine Chance für eine satirische Sendung wie die Pro-Sieben-Show „Switch Reloaded“, die sich ausschließlich dem Fernsehen und seinen Protagonisten widmet. Ein Problem, weil die Menschen und ihre Marotten, die parodiert werden, einer wachsenden Zahl von Zuschauern überhaupt nicht bekannt sind, so dass auch die Leistung der Parodisten nicht angemessen gewürdigt werden kann. Und eine Chance, weil die satirisch verzerrten Bilder so eine Wirkung entfalten können, denen die verblassenden Originale wenig entgegenzusetzen haben.

          Jesus und sein Vater

          Nehmen wir zum Beispiel „Galileo Mystery“, ebenfalls bei Pro Sieben, wo historische Ereignisse in einen obskuren Wort- und Bildnebel getaucht werden. Dort tritt neben dem Moderator Aiman Abdallah als gelegentliche Stichwortgeberin eine junge Psychologin namens S.B. auf, die man beim besten Willen noch nicht als Fernsehstar bezeichnen kann. „Switch reloaded“ nun parodiert in seiner neuen Staffel „Galileo Mystery“ und auch S.B. - als attraktive Sprechpuppe, die mit monotoner Stimme den Satz abspult: „Ich habe im Internet retschertschiert.“ Auch wer die Dame nicht kennt, hat dank „Switch reloaded“ nun ein Bild von ihr. Und ihrer Darstellerin Martina Hill ist es binnen weniger Sekunden gelungen, einer konturlosen Bildschirmfigur eine Identität zu verleihen.

          Die Frisur sitzt: Bernhard Hoecker als Tom Buhrow
          Die Frisur sitzt: Bernhard Hoecker als Tom Buhrow : Bild: Pro Sieben/Kai Schulz

          So funktioniert „Switch reloaded“, die Wiederauflage einer erstmals 1997 ausgestrahlten Comedy, in den besten Momenten, und Frau Balta darf sich durchaus geschmeichelt fühlen: Die Riege der Persiflierten ist illuster. Ob sich die „Super-Nanny“ des schwierigen Falls einer Sandy annehmen muss, welche zum Verdruss ihrer Eltern partout nicht ins Fernsehen möchte, ob die mit grotesker Stimme piepsende Heidi Klum ihre Schönheiten schindet oder sich Reinhold Beckmann an seinen Formulierungen delektiert und mit Jesus „über das Verhältnis zu seinem Vater“ plaudert: Die Präzision, mit der die „Switch“-Autoren und die neun Darsteller agieren, ist bemerkenswert.

          Die dreifache Parodie

          Wobei sich die Gewichte merklich zugunsten einzelner Akteure verschoben haben. Das begnadete Talent Max Giermann fügt seinen großen Auftritten als Beckmann, Geissen, Mälzer und Pflaume eine geradezu gespenstische Stefan-Raab-Anverwandlung hinzu. Der altgediente Michael Kessler wiederum wendet sich nach Jauch und Kloeppel mit Frank Plasberg einem weiteren Schwergewicht zu und setzt in der Reihe „Obersalzberg“ sein Kunststück fort, gleichzeitig Adolf Hitler, den Pro-Sieben-Charakter Stromberg und irgendwie auch den Stromberg-Darsteller Christoph Maria Herbst zu parodieren. Bei Bernhard Hoëcker hingegen, neben Kessler das zweite bekannte Gesicht des Ensembles, machen sich die „Switch“-Schöpfer einen Spaß heraus, ihn in solche Rollen zu stecken, denen er im wahrsten Sinne des Wortes nicht gewachsen ist: Von Schaumstoffprothesen umhüllt gibt er den „Bullen von Tölz“ und im Thomas-Gottschalk-Kostüm einen Großshowmaster im Miniaturformat.

          Auch wenn nicht jeder Gag sitzt und auf manch messerscharfe Attacke pure Albernheit folgt: Die Sendung ist ein Lichtblick im Programm. Die Hingabe ihrer Macher an das von vielen verachtete, gegen seinen Bedeutungsverlust kämpfende Fernsehen hat durchaus etwas Altmodisches: Sie schauen so genau hin wie sonst fast niemand mehr. Und ihre Mühe wird belohnt: Wer etwa bei „Youtube“ überprüfen möchte, ob Peter Kloeppel wirklich so maniriert spricht oder ob Florian Silbereisen tatsächlich so durchgeknallt ist, der stößt fast nur noch auf deren „Switch“-Varianten. Das Fernsehen hat es noch gar nicht bemerkt, doch seine Geschichte ist längst in weiten Teilen umgeschrieben worden.

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