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Cologne Conference : Vier Damen beim arabischen Spätschoppen

  • -Aktualisiert am

Der Episodenfilm „10 Days to War” illustriert reale Begebenheiten kurz vor Beginn des zweiten Irak-Kriegs. Bild:

Die heute beginnende Cologne Conference zeigt internationale Film- und Fernsehproduktionen. Rückblicke in die sechziger Jahre und islamische Themen stehen dabei im Mittelpunkt. Bei den Fernsehfilmen dominieren ernste Gegenwartsthemen.

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          Mitte der sechziger Jahre befasste sich Tom Wolfe in einem seiner funkelndsten Texte mit der Person und den Thesen des Medienphilosophen Marshall McLuhan. Um dessen Methode verständlich zu machen, genügte Wolfe am Ende ein einziger bildhafter Satz: McLuhan, dieser kanadische Englischprofessor, habe in aller Ruhe einen Schritt beiseitegetan und aus diesem Abstand heraus erkannt, was alle anderen stets übersehen hatten.

          Dieses Innehalten zum Zwecke der Erkenntnis fällt inzwischen ungleich schwerer als zu McLuhans Zeiten. Erst recht bei einer Festivalveranstaltung wie der heute beginnenden Cologne Conference, bei der ein Termin den anderen jagt, diverse Empfänge und Preisverleihungen absolviert werden müssen und die gebeutelte Branche sich ihrer Zukunftsaussichten vergewissert. Auf dem Stundenplan der „Cologne Conference Lectures“ steht etwa ein Thema wie „Die neue Matrix der Medien im 21. Jahrhundert“, wobei das Programmheft nicht verrät, welche der vielfältigen Bedeutungen des Wortes Matrix hier zur Anwendung gelangt.

          Tribalistische Nutzergruppen

          Man kann sich über „Essentials für den Premium Content von morgen“ unterrichten lassen, aber auch einfach gucken gehen. Unter den Reihentiteln „Top Ten des internationalen Fernsehens“ und „Look“ wird aufgeboten, was das Medium aktuell zu leisten imstande ist. Und gerade hier kann Zurüstung erfahren, wer angesichts des Wandels und der Weitung der Medienwelt bei gleichzeitigem Zerfall des Publikums in tribalistische Nutzergruppen nervöses Herzflattern bekommt. Eher am Rande des Blickfelds, also spät am Freitagabend, wird die sechzigminütige, von der Holländerin Bregtje van der Haak verantwortete Dokumentation „Satellite Queens“ gezeigt, die förmlich dazu einlädt, sich darauf zu besinnen, was das Medium Fernsehen auf kulturellem und publizistischem Gebiet zu bewirken vermag.

          Um vier Frauen geht es dabei: Um die libanesische Moderatorin Rania Barghout, die ägyptische Journalistin Fawzia Salama, die palästinensische Schauspielerin Farah Bseiso und aus Saudi Arabien die Wissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und allein erziehende Mutter Muna Abu Suleiman, die einzige übrigens, die ein Kopftuch trägt. Sie sind die „Satellite Queens“: An jedem Sonntag verfolgen bis zu zweihundert Millionen Zuschauer aus allen Ländern ihre Talksshow „Kalaam Nawaem“. Produziert wird sie vom Sender MBC (Middle East Broadcasting Centre), die in Dubai beheimatet ist.

          Kontrovers, aber nicht konfrontativ angelegt folgt dieser panarabische Spätschoppen seit vier Jahren einem lockeren Pro-und-Contra-Prinzip. Die Verschleierung der islamischen Frauen steht hier ebenso zur Debatte wie Fragen der Mode, des Brauchtums, der Sexualität, der Partnerbeziehungen. Der enorme Publikumszuspruch darf dabei nicht mit uneingeschränkter Zustimmung gleichgesetzt werden. Regelmäßig erhält das Quartett feindselige Briefe, darunter auch Drohungen. Die Filmautorin Bregtje van der Haak attestiert ihren vier Protagonistinnen eine Vorbildfunktion – nicht nur in den arabischen Ländern, sondern auch für die Töchter bildungsferner Einwandererfamilien in Europa.

          Krieg und Islam

          Bregtje van der Haak begann sich nach den Terroranschlägen vom Herbst 2001 für die arabische Welt zu interessieren. Ihr Film ist nicht der einzige aus der diesjährigen Kölner Auslese, der sich indirekt auf dieses Ereignis bezieht. Als Eröffnungsfilm prominent plaziert ist die britische Produktion „10 Days to War“. Die acht gerade mal zwölfminütigen Episoden beschreiben reale Begebenheiten aus den Tagen vor Beginn des zweiten Irak-Kriegs – ein Countdown, der erschüttern muss, weil er von Nötigung, Täuschung und schierer Inkompetenz berichtet. Stephen Rea und Kenneth Branagh sind in Episodenhauptrollen zu sehen.

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